Kolumnen
12/31/2019

Johannas Fest: Oh du Feuchtfröhliche! Gut gelaunt mit Null Promille?

Gastrosophin Johanna Zugmann spannt den Bogen vom geselligen Trinken in der Antike bis zu neuen Trends aus New York.

von Johanna Zugmann

Nie wird hierzulande mehr Alkohol konsumiert als von Mitte November bis zum Beginn der Fastenzeit. Nahtlos mit dem Abbau der Weihnachtsmärkte, die sich im Advent auf den schönsten Plätzen der Städte und Gemeinden punschschwanger breit gemacht haben, geht der Aufbau der Silvesterbuden einher. Prickelndes löst Glühwein ab, wenn es wieder unter krachenden Silvester-Feuerwerken heißt: „Prosit Neujahr!“

Ob es heutzutage bei promilleschwangeren Feten noch so wild zugeht wie etwa in den legendären Filmen „Der Partyschreck“ von Blake Edwards aus dem Jahr 1968 oder in dem US-amerikanischen Spielfilm „Frühstück bei Tiffany“ aus dem Jahr 1961 mit der bezaubernden Audrey Hepburn in der Hauptrolle? „Sich kollektiv zu berauschen erfordert ein hohes Vertrauensverhältnis“, konstatiert der Gastrosoph und vielfache Buchautor Peter Peter, der einen sich ausbreitenden Neopuritanismus ortet. Einen Neopuritanismus, in dem jeglicher Tabakkonsum zum No-Go erklärt wird, sich Reisende für die Inanspruchnahme von Flugzeugen zu schämen beginnen, übermäßiger Fleischkonsum wegen des hohen ökologischen Fußabdrucks geächtet ist und auch das „über den Durst hinaus Trinken“ kaum mehr als gesellschaftsfähig durchgeht.

Kampf der Nüchternheit

Dabei gehört zum Beispiel Wein trinken zu unseren ältesten gelebten Kulturübungen. Und die Bezeichnung „geistige Getränke“ soll daher rühren, dass diese nicht nur körperliches Wohlbefinden verursachen, sondern auch den Geist anregen. Das erkannte man schon in der Antike. So steht zum Beispiel der altgriechische Ausdruck „Symposion“ sinngemäß für gemeinsames, geselliges Trinken.

Wein galt als Geschenk des Dionysos, Gott der Ekstase, des Rausches und des Weines, nach dem auch die jährlichen „Dionysien“, mehrtägige Theaterfeste mit Weingelagen, benannt waren.

Aber schon damals gab es eine Etikette: Als gute und edle und unterrichtete Zecher beschrieb der Philosoph Platon (429/428 – 347 v. Chr.) jene Zeitgenossen, „die sich unter einander genug zur Unterhaltung waren, – bald redend bald hörend – ganz sittsam, und sollten sie auch sehr viel Wein getrunken haben“.

In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit: Dieses Credo hat sich über Jahrtausende gehalten. August der Starke, König von Polen und Kurfürst von Sachsen, gründete einen der erstaunlichsten Geheimbünde, nämlich „die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit“. An einer runden Tafel diskutierten die Mitglieder politische wie auch höchstpersönliche Themen. Je mehr dabei getrunken wurde, desto offener die Dispute.

Auch in Persien sollen wichtige Angelegenheiten im Rausch verhandelt worden sein, da dieser die Sinne durchlässig und das Bewusstsein empfänglich für höhere, göttliche Eingebungen macht. Allerdings wurde dort die Entscheidung tags darauf in nüchternem Zustand nochmals überprüft. – Eine gute Idee, denn bekanntlich reduziert sich so mancher am Vorabend als göttliche Eingebung empfundener Gedanke am nächsten Morgen zur bloßen Schnapsidee.

Eine knappe Woche nach dem größten Fest des Jahres (zumindest für Katholiken), wogen wir schon in den Jahreswechsel und den Fasching mit all seinen Bällen und Gschnasfesten hinein. Es wird eifrig weiter gefeiert und zugeprostet.

Gut gelaunt mit null Promille? Dieser Trend erreicht uns aus New York: Dort feiern Sobriety-Partys und Bars, in denen es keinen Alkohol gibt, das Nichttrinken und das Leben ohne Kater am nächsten Morgen.