Auch Zeugnistag ist Vatertag
„Nein, leider keine Zeit.“
Seit dem Frühsommer wurden meine herausragenden Freizeitgestaltungsvorschläge von meinen beschulkinderten Zeitgenossinnen zuverlässig abgeschmettert. Der Unterton: blanke Fassungslosigkeit. Wie ich überhaupt auf die Idee komme, dass Mütter von Schulkindern im Schlussspurt vor der Zeugnisvergabe auch nur ein einziges Stündchen für sorgenfreie Leichtigkeit hätten.
Denn das Kind muss noch in die nächste Schulstufe gepowert werden. Und wessen Aufgabe ist das? Meistens die der Mütter. Und dann auch noch die der Kinder selbst.
Wer hat damit erstaunlich wenig zu tun? Oft die Väter.
„Sei schlau, stell dich dumm“
„Du kannst das viel besser“, lautet der Lieblingssatz der strategisch Inkompetenten. Sie folgen damit ihrem oft bedienten Credo: „Sei schlau, stell dich dumm“. Also bleibt es wieder an den Müttern hängen: die unbezahlte Verantwortung für das schulische Fortkommen des Nachwuchses. Hausübungen kontrollieren, für Schularbeiten mitlernen, motivieren, trösten, schimpfen, erinnern. Eine Aufgabe, die selten Spaß macht und oft mit Streit endet – manchmal sogar mit Tränen auf beiden Seiten. „Die Mama nervt. Die Mama macht Druck. Beim Papa muss ich das nie machen.“
Und wenn es nicht klappt mit der besseren Note, mit der Wunschschule, mit der nächsten Schulstufe, dann messen wir als Gesellschaft die Mamas an diesem Zeugnis. Denn es ist auch ihre Beurteilung. Wie gut haben sie ihren unbezahlten Job als Heimlehrerin, Weckerin, Motivatorin, Konsequenz- und Hausübungenbeauftragte gemacht?
Dann, nach Wochen der Quälerei für Mütter und Kinder, ist es endlich geschafft. Schulschluss. Zeugnistag.
Grund zu feiern. Mama und Papa stehen mit Tränen in den Augen vor der Schule. „So ein toller Papa“, heißt es dann. „Der hat sich für den Zeugnistag den Nachmittag freigenommen.“ Die Mama im Übrigen auch, aber das dürfte selbstverständlich sein.
Gefeiert werden von Kindern und Gesellschaft nach der Zeugnisvergabe oft nicht die Mamas. Sondern die, die ihren Status als lustiger Spielkamerad nie aufgeben mussten. Die ihre Wochenendpläne nicht nach Schularbeiten, Lernstoff und Prüfungsstress richten mussten. Die am Zeugnistag die Belohnung übernehmen, während jemand anderer die Vorarbeit geleistet hat.
Und statt einem Danke an die Mama, klopft sich der entspannte, stolze Papa selbst auf die Schulter, ob des Genies, das er vor x Jahren produziert hat, und lässt sich als Vater des Jahres feiern.
Und die Mamas? Die bekommen für Blut, Schweiß und Tränen, für unbezahlte Bildungs- und Carearbeit weder Geld noch Anerkennung. Keine Credits.
Stattdessen bekommen sie die in der Schulbank vergessene Zettelwirtschaft und die Hausschuhe in die Hand gedrückt. Der Papa zahlt die Achterbahnfahrt im Prater. Die Mama zahlt mit ihrer Seelenruhe, mit Schlaf – und mit einer Sorgenfalte mehr.
Eigentlich müssten sie zumindest eine Urkunde bekommen. Nein, eigentlich eine Auszeichnung. Nein, zumindest einen 500-Euro-Schein, der sagt: „Danke, dass du, Mama, all diese Arbeit und Verantwortung übernommen hast.“
Und über den Sommer setzt sich dieses Ungleichgewicht dann oft fort.
Viele Mütter organisieren neun Wochen Betreuung, suchen Feriencamps, koordinieren Großeltern, jonglieren Arbeitszeiten und Ferienpläne. Gerade alleinerziehende Mütter, die wegen der Kinderbetreuung oft nur Teilzeit arbeiten können, müssen dabei häufig feststellen, dass für einen gemeinsamen Urlaub das Geld gar nicht reicht.
So bleibt der Spaß manchmal auch in den Sommerferien bei den Eine-Woche-auf-Korfu-Papas. Und acht Wochen Betreuungsstress bei den Müttern.
Zeugnistag ist eben manchmal auch Vatertag. Oder eigentlich: Jeder Tag ist Vatertag.
Postskriptum: Ja, diese ungleiche Verteilung der Betreuungs- und Carearbeit, die hauptsächlich von Frauen übernommen wird, liegt an der patriarchalen Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern und der mangelnden Verantwortungsübernahme vieler Väter - egal ob getrennt oder als Paar lebend. In diesem Sinne: Smash the Patriarchy! Oder haben Sie andere Vorschläge?
Die Kolumne übers Leben als kinderlose Millennial-Frau, über Sexismus und Schablonen, die man ausfüllen muss von KURIER-Redakteurin Diana Dauer.
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