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Wenn Männer zu viel fühlen

Immer häufiger monieren Männer, sich vom Feminismus "pauschal verurteilt" zu fühlen. Woher das kommt und warum das eine Nebelgranate ist.
Diana Dauer
Mann liegt am Boden mit Hand vor dem Gesicht.

Plötzlich schlug die Stimmung um. Aus dem Nichts wurde aus dem feuchtfröhlichen Blabla-Smalltalk aus der Kategorie "oberflächliches Lebensupdate" in der hippen Bar bitterer Ernst. Oje, wird der Blick da plötzlich glasig, oder ist das das Werk des Negronis? Die Augen werden … welpig? Traurig? Beleidigt? Wütend? Ich ahne es, ich kenne die Vorzeichen, jetzt wird's wieder mühsam. Jetzt geht es wieder um seine vermeintlich echten, aber völlig fehlgeleiteten „verletzten männlichen Gefühle“. Jetzt geht’s wieder um ihn. 

Ich kenne das Phänomen. Eben noch plaudert man über Urlaub, den neuen Staubsaugerroboter oder Katzen, im nächsten Moment platzt es anlasslos aus ihm heraus. Von der eigenen Offenheit gerührt, sagt der eine oder andere gefühlvolle Bekannte dann: “Ihr (gemeint sind FeministInnen, Anm. ) redet immer von Männergewalt. Aber ich bin doch nicht so einer.” Und mit jedem Wort wütender schießt er nach: “Ich fühle mich gemobbt, ja. Pauschal verurteilt.“ 

Ist das nicht ein Grund zu feiern? Männer zeigen ihre Gefühle. Und das wollten wir doch die ganze Zeit, oder? Und was für Gefühle das sind. Traurige Gefühle? Sorgen? Und natürlich ein bisserl Wut. Nun gut, das ist nichts Neues. Es gibt schon lange eine Gruppe, die bei jeder Äußerung über Sexismus und Ungleichbehandlung den Verschwörungsmythos der "Misandrie" (Männerhass, Anm.) verbreitet und überall dazu postet.

Aber die wütenden Internettrolle sind nicht die Einzigen, um deren Wohl und angebliche Benachteiligung wir uns (ihrer Meinung nach) sorgen sollen. Vom feministischen Diskurs gekränkt fühlen sich nämlich auch jene Männer (und auch einige Frauen), die sich sonst brüsten, die personifizierte Reflexion zu sein und "eh voll für Frauen- und Minderheitenrechte" zu stehen. Wäre da nicht das Problem mit dem “Generalverdacht”... 

Wem das bekannt erscheint, der irrt sich nicht. Es ist das nicht mehr salonfähige "Not all men" (nicht alle Männer, Anm.) in neuem Gewand. Und mit der Zutat der Emotion. 

Die genaue Wortwahl mag variieren, der implizite Arbeitsauftrag bleibt der gleiche: Die nächstgelegene Feministin, bei der man sich unaufgefordert auslässt, muss als gesellschaftspolitische Kummerkastentante, Emotional Support Animal und Aufklärerin herhalten.

Was die Beleidigten offenbar erwarten, ist öffentliche Absolution. Ich sollte wohl als Reaktion auf den Barhocker steigen und über die wummernden Bässe brüllen: „Lobpreiset ihn, denn er ist nicht einer von ihnen! Machet ihn frei von jedem Verdacht.“ Händchenhaltend und kopftätschelnd solle ich bestätigen, wie schwer sein Los als Mann sei, weil sprachlich zu wenig differenziert werde. 

Was eigentlich nötig wäre, ist gesellschaftspolitische Bildungsarbeit. Schon wieder. Immer noch. Unbezahlte Aufklärungsarbeit, weil sie es wohl doch noch nicht begriffen haben, wenn sie ihre persönliche Betroffenheit ins Zentrum rücken. 

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Natürlich: "Männliche Gefühle matter", wenn mir diese Entlehnung erlaubt sei. Das “Gefühl” ist aber eher eine Beschwerde. Es ist eine unreflektierte Abwehrhaltung gegenüber struktureller Sprache, ein Ablenkungsmanöver vom unangenehmen Kern. Denn was fühlen die Männer da eigentlich? Ein ungewohntes Unbehagen? Klar, da zwickt's in der gelernten Makellosigkeit des omnipotenten weißen Mannes. Es ist nachvollziehbar, dass es unangenehm ist, über strukturelle Männergewalt zu reden. Denn dann muss auch das eigene Verhalten hinterfragt werden - und die Männer erkennen, dass sie sich vielleicht selbst nicht immer makellos verhalten. 

Natürlich, auch männliche Gefühle gehören gehört, ausgedrückt, beachtet, validiert. Im Kontext von strukturellem Frauenhass, Femiziden, struktureller sexueller, psychischer, finanzieller und physischer Männergewalt gegenüber Frauen und Kindern ist die beleidigte Abwehrhaltung des Einzelnen, der seine unreflektierte Kränkung ins Zentrum der Debatte stellt, aber wirklich nicht das Ultimum. Ich zitiere meine Kollegin Yvonne Widler (Buchtipp: Heimat bist du toter Töchter): “Strukturelle Sprache ist zuzumuten.“

Wer die Lebensrealitäten und das Problem wirklich versteht, den stört strukturelle Sprache nicht, den stört die Struktur. 

Ein Denkanstoß fürs lange Wochenende: "Wir sind eh auf eurer Seite, aber ….” Aber vielleicht sind sie es nicht, wenn ihre persönliche Kränkung ihr einziger Beitrag zur Debatte ist. Bitte. Danke. Ende. 

"Dauerzustand" ist die Kolumne von Newsdesk-Redakteurin Diana Dauer über die Lebenswelt als kinderlose Millennial-Frau, über patriarchale Strukturen, die überall sind, Schablonen, die man ausfüllen muss, und Alltags-Sexismus. diana.dauer@kurier.at

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