Fall Collien Fernandes: Braucht es ein KI-Verbot für Männer?

Die Schauspielerin machte die mutmaßliche sexuelle digitale Gewalt durch ihren Ex-Mann öffentlich. Es ist leider nur ein weiterer Fall, der zeigt: Das sind alles keine Einzelfälle.
Diana Dauer
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Er habe sie virtuell vergewaltigt. Das sagt die Schauspielerin Collien Fernandes über ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Sie kämpft seit Jahren gegen Deepfakes und pornografische Darstellungen von ihr, die im Internet kursieren. Und dann soll klar geworden sein: Ihr Ex-Mann soll mutmaßlich zumindest für einen Teil davon selbst verantwortlich sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Vorwurf: Ulmen habe pornografische Fakes von Fernandes, seiner damaligen Ehefrau und Mutter der gemeinsamen Tochter, erstellt. In ihrem Namen Online-Accounts erstellt, Männer angeschrieben und ihren Aussagen zufolge auch sexuelle Gespräche mit ihnen geführt. "Mir wurde jahrelang mein Körper geklaut", sagt Fernandes dem deutschen Spiegel.

Wenn das alles stimmt, ist das ein weiterer klarer Fall von digitaler sexueller Gewalt. Ein weiterer Fall, in dem ein Mann gegenüber der eigenen Frau, in intimer Vertrauensbeziehung, sexuelle und psychische Gewalt ausgeübt haben soll, ein weiterer Ehemann als Täter. Und wieder sind alle geschockt. Aber sind wir wirklich überrascht?

Wie viele Fälle dieser Art braucht es noch, bis Politik, Gesellschaft und Tech-Konzerne die Situation von sexueller Männergewalt und digitaler sexueller Gewalt ernst nehmen? Bis endlich und schneller Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Kindern im Internet und bei Künstlicher Intelligenz (KI) implementiert werden?

Kein Einzelfall

Der Fall Fernandes ist kein Einzelfall. Er erinnert mich an zu viele Fälle. Hat zu viele Parallelen.

Er erinnert mich an den Fall von Gisèle Pelicot. Ihr damaliger Ehemann Dominique Pelicot hat sie von 2011 bis 2020 immer wieder betäubt, vergewaltigt, Dutzenden Männern zur Vergewaltigung angeboten. Ähnliche Fälle werden laufend überall aufgedeckt. In etlichen Online-Netzwerken beraten sich Männer, Brüder, Freunde, Väter, Partner, wie sie die Frauen in ihrem Leben betäuben und analog und digital missbrauchen können. In manchen dieser Telegram-Gruppen sind Zehntausende Männer.

Es erinnert mich an die unfassbare Summe an Frauen, über die es im Internet KI-generierte Nacktbilder oder Deepfake-Pornos gibt. Die Zahl der im Internet kursierenden Deepfakes, also täuschend echten Darstellungen von Personen, ist laut Experten in den vergangenen Jahren explodiert. Es gebe Hunderttausende Opfer.

Es erinnert mich an die KI-Funktion Grok der Social-Media-Plattform X von Elon Musk, die innerhalb kürzester Zeit nach der Implementierung Millionen Deepfakes, täuschend echte sexualisierte Bilder von hauptsächlich Frauen und Kindern erstellte. Ohne Zustimmung versteht sich. Und zwar nicht nur von prominenten Frauen. Zunehmend werden Privatpersonen Opfer dieser Form von digitaler sexueller Gewalt, etwa Ex-Freundinnen, Kolleginnen oder Mitschülerinnen. Trotz Ankündigung von X, diese Funktion einzuschränken, soll diese Art der digitalen sexuellen Gewalt auf X weiterhin möglich sein.

Und nun eben der neueste Fall: Collien Fernandes

Wenn schon die unzähligen Fälle, die bisher bekannt wurden, leider nicht gereicht haben: Vielleicht reicht diese publik gewordene Widerwärtigkeit, bei der der Täter wie so oft im eigenen Bett lag, damit sexuelle Männergewalt und digitale sexuelle Gewalt endlich ernst genommen wird. Damit Tech-Konzerne die Verantwortung für ihre Produkte übernehmen und die Gesellschaft aufhört, so zu tun, als wären das alles Einzelfälle.

Denn eines ist hoffentlich endlich klar. Der Täter "Ehemann" ist kein Einzelfall. Und digitale sexuelle Gewalt an Frauen, queeren Menschen und Kindern ist schon gar kein Einzelfall. Für Frauen ist das Zuhause kein sicherer Ort - und das grenzenlose Internet auch nicht. Wir müssen aufhören, so zu tun, als könnten wir die Verantwortung für digitale sexuelle Gewalt auf das arbiträre Fremde im dunklen Internet schieben, und als würde uns die strukturelle sexuelle und seit einiger Zeit auch digitale Gewalt nicht alle etwas angehen.

Warum? Weil der Fall zeigt: Die Täter sind keine schemenhaften Figuren im dunklen Zimmer, die sich mit tief ins Gesicht gezogenem Hoodie im anonymen Netz an fremden Opfern vergehen. Es sind keine gesichtslosen Fremden, es sind existierende Männer. Und oft sind es Partner, Freunde, Väter, Brüder.

Es braucht wohl ein KI-Verbot für Männer

Mit den Errungenschaften der technologischen Entwicklungen wird Tätern laufend ein neuer, breiter Blumenstrauß an Möglichkeiten überreicht, um Frauen, Kinder und queere Menschen zu misshandeln, erniedrigen, kontrollieren und sexuelle und psychische Gewalt auszuüben. Jetzt auch digital.

Das Ausmaß der digitalen Möglichkeiten ist scheinbar unbegrenzt, die Kreativität der Täter ebenso. Und die Maßnahmen, die gesetzt werden, um diese Verbrechen zu unterbinden, sind entweder nicht existent oder werden viel, viel zu langsam erarbeitet. So sollen zwar von den EU-Staaten neue strengere Regeln für KI-Anbieter kommen - allerdings erst 2027. Viel zu spät.

Ich habe daher einen provokanten Vorschlag...

Da die technologische Entwicklung, in diesem Fall Künstliche Intelligenz, von Männern missbraucht wird, um Frauen, Kindern und queeren Menschen sexuelle Gewalt zuzufügen; und da die Tech-Unternehmen, die hinter diesen Technologien stecken, es nicht schaffen, ihre Tools so einzuschränken, dass sie nicht spielerisch zur Waffe für sexuelle Gewalt werden, braucht es andere Wege: Etwa ein KI-Verbot für Männer?

Klingt das wirklich so absurd? Wir diskutieren schließlich auch ein Social-Media-Verbot für Kinder. Eltern sorgen sich außerdem, wenn ihre Kinder auf Online-Spieleplattformen spielen, weil sie auf den Plattformen sexuellen Übergriffen durch Pädophilen ausgesetzt sind.

Möglicherweise müssten wir in dem Ausmaß gar nicht über Social-Media-Verbote diskutieren, wenn das Internet kein Spielplatz für Täter wäre.

Mit großer Macht (und die hat man mit KI) kommt große Verantwortung, wie es in den Spiderman-Comics schon so weise heißt. Und offenbar ist vielen, viel zu vielen, ein angemessener Gebrauch der Künstlichen Intelligenz schlichtweg nicht zuzutrauen. Was dabei rauskommt, müssen Frauen viel zu häufig am eigenen Körper erfahren.

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