Kolumnen
11.05.2018

Nach langer, schwerer Krankheit

Es ist unfassbar, sich vorzustellen, dass jemand, den man liebt, nicht mehr gesund wird.

„Man kann nicht in der Früh aufwachen und denken: heute sterbe ich“, sagte Herr Ernst bestimmt mit seiner rauen, leisen Stimme.„Sonst macht man die Augen gar nicht mehr auf.“

Wir saßen im Raucherzimmer eines Privatkrankenhauses, in dem es aussah als wäre man in der Lounge eines Wellness-Hotels und fast hatte man ein schlechtes Gewissen, weil man Schmerzen hatte und Angst und beides hier so gar nicht her zu passen schien. Ich war erst vor wenigen Tagen eingewiesen worden und Herr Ernst war zu meinem einzigen Gesprächspartner geworden. Er saß immer am selben Platz, ein Bein hochgelagert auf dem Sessel gegenüber, seine Infusionsflasche neben sich und war meistens vertieft in die Lektüre der Tageszeitung, während eine blaue Rauchwolke sich langsam, aber stetig im Laufe der Stunden über ihn ausbreitete.

Groß gefeiert

Herr Ernst war 76 Jahre alt. Den 75. Geburtstag hatte er noch groß gefeiert. Beim Heurigen mit Freunden und Verwandten. Sogar gesungen hatten sie gemeinsam, obwohl er es eigentlich nicht konnte. Erst ein paar Tage später, erzählte er mir, hatte er seine Diagnose bekommen und das war ihm rückblickend betrachtet auch ganz recht so. „So hab ich’s mir wenigstens ohne Sorgen schmecken lassen können.“

Herr Ernst hatte Prostatakrebs und es sah nicht gut aus für ihn. Trotzdem stand er jeden Morgen zur selben Uhrzeit auf, aß ein weiches Ei zum Frühstück wie immer, las die Zeitung, ging langsam in den Raucherraum, bis er zu müde wurde, dann legte er sich zurück ins Bett. Am Abend ärgerte er sich meistens über das Fernsehprogramm, dann bekam er eine Tablette und schlief ein. „Was soll ich sonst tun?“, sagte er, „ich lebe ja noch.“ Er sagte es jedes Mal so, dass ich lachen musste. Obwohl ich ein schlechtes Gewissen dabei hatte. Wenn Menschen wie Herr Ernst sterben, liest man in der Todesanzeige „verstorben nach langer schwerer Krankheit.“

Es ist eine dieser Formulierungen, die vieles auslässt. Die jene, die nicht Betroffene sind, nicht allzu betroffen machen soll, indem man die Angst und die Trauer, das Auf und Ab beschreibt, das die Angehörigen und der Kranke über Wochen und Monate erlebt haben. Ein Chiffre, das nur andeutet, was geschehen ist. Das Unfassbare, sich vorzustellen, dass jemand, den man liebt, nicht mehr gesund werden würde. „Nicht mehr gesund werden“, dachte ich mir zum Trost nach dem Unfall meines Vaters, klingt immer noch besser als „todkrank sein.“

Die Momente, in denen man sich selbst eingestehen muss, dass man froh wäre für den Kranken, wenn er es endlich hinter sich hätte, wenn er sich nicht mehr quälen müsste. Und sich gleichzeitig dafür hasst, für die Ungeheuerlichkeit dieses Wunsches. Die Augenblicke, in denen man schreien möchte vor Schmerz, weil der Abschied bevor steht. Die Menschen, die einem begegnen und verlegen nach Worten suchen, weil man nicht mehr „Gute Besserung“ wünschen kann. Und fast meint man manchmal, sie würden einem aus dem Weg gehen und ist ihnen nicht einmal böse deswegen.

Ich weiß nicht, was aus Herrn Ernst geworden ist. Am Tag meiner Entlassung riet er mir zum Abschied: „Immer das Beste aus allem machen.“ Und ich möchte glauben, dass ihm das für sich gelungen ist.

barbara.kaufmann@kurier.at