Kolumnen
20.04.2018

Barbara Kaufmann: Alte Glaubenssätze

Es ist unheimlich, was aus der Kindheit an einem hängen bleibt und was man nicht loswird, selbst Jahre später nicht.

„Seltsam“, sagte Paula nachdenklich und schleckte an ihrem Eis, „woran man sich nicht erinnern kann, auch wenn man sich noch so anstrengt. Und was man nicht vergisst, auch wenn man es endlich möchte.“ Sie machte eine Pause und kaute auf ihrer Unterlippe. Es war eine typische Geste von ihr, die mir sehr vertraut war. Schon als Kinder waren wir nebeneinander gesessen auf der Brücke am Kanal neben dem Eisgeschäft, die Sonne im Gesicht, eine Tüte in der Hand und schon damals hatte Paula auf ihrer Unterlippe gekaut, während die Kugeln auf ihrem Stanitzel schmolzen und das Eis langsam und zähflüssig auf ihre Beine tropfte. Das war fast dreißig Jahre her, dachte ich mir und ich merkte wie so oft in letzter Zeit wie unwirklich es war, dass etwas vor dreißig Jahren geschehen sein soll und ich dabei gewesen war.

Paula fluchte und wischte sich das Eis von ihrem gelben Rock. Unsere Blicke trafen sich und sie lachte als hätte auch sie an das alte Eisgeschäft denken müssen, das es noch immer gab, obwohl es schon damals keinen guten Ruf hatte. Einmal pro Sommer mussten wir mindestens damit rechnen, zwei Tage mit Magenschmerzen im Bett zu verbringen. Die „Eisgrippe“ sagte Paulas großer Bruder dazu ein wenig verächtlich und wir übernahmen es sofort, weil es exotisch klang und geheimnisvoll. Paula hatte schöne Augen, die immer aussahen, als würde sie gleich weinen müssen. Dunkel und ernst waren sie und ihr Blick etwas glasig. Als sie ein kleines Mädchen gewesen war, wurde sie deshalb von ihrer Familie oft aufgezogen. „Du glaubst mit deinen großen traurigen Augen kannst du alles erreichen“, hatte ihr Vater manchmal gespottet, wenn sie ihn um etwas bat. „Ein gfernstes Luder bist“, hatte die Großmutter gesagt, die bei ihnen lebte.

Und auch wenn sie es nicht böse gemeint hatte, auch wenn Paula ein durch und durch unsentimentaler Mensch geworden war, der sehr in der Gegenwart lebte, irgendetwas war doch hängen geblieben davon. Die Angst, für kokett und berechnend gehalten zu werden. Für unaufrichtig, für jemanden, der andere gezielt manipuliert. Der sein Aussehen einsetzen würde, um etwas zu erreichen. Also war Paula darauf bedacht, möglichst sachlich und unverbindlich zu wirken. Manchmal war sie geradezu schroff. All das wegen ein paar alter Sprüche und einem Paar Augen, für das sie nichts konnte.

Ein Bekannter hat mir einmal erzählt, er hätte Jahre gebraucht, um heraus zu finden, warum er immer so schnell aß. Er schlang jede Mahlzeit in respekteinflößendem Tempo hinunter. Ganz gleich, welche. Es tat seinem Magen nicht gut, es tat seinem Privatleben nicht gut, aber er konnte es sich nicht abgewöhnen. Sein Großvater, der Bauer gewesen war, hatte die Familie bei jedem Essen angetrieben. „Wer langsam isst, arbeitet auch langsam.“ Ein Glaubenssatz aus einer anderen Zeit, der mit seiner Arbeits- und Lebensrealität heute nichts mehr zu tun hatte. Und trotzdem wirkte er nach.

Es ist unheimlich, was aus der Kindheit an einem hängen bleibt. Als hätte man sich im Dickicht des Gartens vor dem Elternhaus verstiegen und ein paar Tannennadeln hätten sich in den Nackenhaaren verfangen. Man sieht sie nicht, aber man spürt das Pieksen noch immer.

barbara.kaufmann@kurier.at