Meinung
05.04.2018

Barbara Kaufmann: Schein und Sein

Nicht erst Social Media hat aus der Wirklichkeit eine perfekte Inszenierung gemacht. Das war schon bei berühmten Malern so.

Es war ein trauriger Geburtstag. Tagelang hatte meine Freundin das Fest mit ihrer Tochter vorbereitet, Cupcakes gebacken und in stundenlanger Kleinarbeit verziert. Sicherheitshalber auch in der veganen und glutenfreien Variante. Mit allem hatten die beiden gerechnet, nur nicht mit dem grippalen In fekt, der die halbe Klasse in nerhalb weniger Tage darnie der zwang. Von neun eingeladenen Mädchen kamen am Ende nur drei. Um von der Party zu retten, was noch zu retten war, wurden die Cupcakes besonders liebevoll drapiert, ausgeleuchtet und schließlich fotografiert für die perfekten Bilder auf dem Instagram-Profil der Tochter. Die Überschrift zum Foto lautete: „Party! No Limit!“ Den Einwand, dass die anwesenden Mädchen zumindest die Limitierung der Gäste bezeugen könnten und berichten, dass die Party deshalb vielleicht doch etwas mau gewesen wäre, schlug die Tochter in den Wind. „Wenn die Fotos cool sind, ist das wurscht.“ Offenbar war man jederzeit bereit, sich von einer besseren Wirklichkeit überzeugen zu lassen als jener, der man beigewohnt hatte. Wenn sie einem nur mit schmeichelnden Filtern präsentiert wurde.

Typisch Social Media, werden die Kulturpessimisten unter den Netzkritikern rufen. Wo Schein und Sein längst dasselbe wären und perfekte Inszenierungen die Realität abgelöst hätten. Früher hätte es das nicht gegeben.

Bilder lügen fast immer

Doch, denn Bilder lügen fast immer. Das ist in der analogen Welt nicht anders. Mein ehemaliger Chef erzählte mir einst die Geschichte von einem großen Fest, das ein Kollege anlässlich seiner Pensionierung in seinem Büro gegeben hatte. Die Tische hätten sich unter den Broten gebogen, nur leider wären kaum Gäste gekommen. Also bemühte sich mein Ex-Chef aus Mitgefühl wenigstens jene Seite des Buffets leer zu essen, die man vom Gang aus sehen konnte. Mit Erfolg und Magenschmerzen. Weitaus aufwendiger ging der Maler William Tur ner vor, um dem Begräbnis seines Malerkollegen Thomas Lawrence jenen Pomp zu verleihen, den es seiner Meinung nach verdient hätte. Lawrence, einer seiner besten Freunde, hatte zu Lebzeiten viele berühmte Persönlichkeiten porträtiert. Doch keine von ihnen zeigte sich an diesem eiskalten Tag, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Stattdessen schickten sie nur eine schwarze Karosse als Trauerbekundung, die innen leer war. Das war damals bei großen Begräbnissen durchaus üblich und ließ den Schriftsteller Charles Dickens spitz bemerken: „Die Anzahl der untröstlichen Kutschen war immens!“ Turner wollte sich je doch nicht damit abfinden. Also malte er ein Bild vom Begräbnis, das den Zusatz „eine Skizze aus der Erinnerung“ trug, um etwaige Kritik am Wahrheitsgehalt gleich im Keim zu ersticken. Im Bild wird die Anwesenheit eines großen Staatsmannes angedeutet, der dem Toten persönlich huldigt und viele Trauergäste säumen den letzten Weg von Thomas Lawrence. Man kann heute davon ausgehen, dass sich all dies nie so zugetragen hat. Aber wen kümmert es fast 200 Jahre später? Das Gemälde „Begräbnis von Sir Thomas Lawrence“ gehört zu Turners beeindruckendsten, die feierliche Trauer überträgt sich sofort auf den Betrachter und wer weiß? Vielleicht wäre William Turner ja heute ein großer Instagram Star.

barbara.kaufmann@kurier.at