Kolumnen
04.05.2018

Barbara Kaufmann: Aus der Bahn geworfen

„Sein Blick war der Blick eines Menschen, der nicht begreifen konnte, was mit ihm geschehen war.“

Ich stand eingeklemmt zwischen einem Mann in einer Nietenjacke und einer amerikanischen Touristin im „Italia“-T-Shirt in einer Straßenbahn in Rom, die sich schon seit Minuten nicht bewegt hatte. Die Amerikanerin sah aus dem Fenster und raunte ihrem Begleiter fassungslos immer wieder den gleichen Satz zu: „We are lost.“ Und wahrscheinlich waren wir das wirklich.

Draußen vor dem Fenster lag Trastevere, ein römischer Arbeiterbezirk, und zwar jener Teil des Viertels, in dem sich nicht mehr ein Ausgehlokal neben das andere reihte, sondern sechsstöckige Wohnblöcke ihre langen Schatten auf die Straßen warfen. Es war Rush-Hour in Rom und die Aprilsonne schien schon erbarmungslos ins Innere des nicht klimatisierten Waggons. Die ersten begannen sich laut und nachdrücklich zu beschweren, begleitet von leidenschaftlichen Flüchen. Schließlich reichte es dem Fahrer. Er verließ seine Kabine und öffnete auch die Türen für die Fahrgäste, die erleichtert hinaus strömten.

Sirene in der Ferne

Draußen lag eine Vespa mitten auf der Straße. Der Vorderreifen war unter ein blaues Auto gerutscht. Und obwohl beide Fahrzeuge ohne Fahrer waren oder gerade deshalb war es ein Bild, bei dem man Gänsehaut bekam. Weil man ahnte, dass die Geschichte, dessen Ende es erzählte, nicht gut für alle Beteiligten ausgegangen war. In der Ferne war noch die Sirene eines Rettungswagens zu hören, am Straßenrand standen drei Polizisten rund um einen Mann Mitte 50. Er sah aufgelöst aus. Sein Blick war ungläubig auf das Auto gerichtet, das allein auf der Fahrbahn stand. Es war der Blick eines Menschen, der nicht begreifen konnte, was mit ihm geschehen war. Wie der Blick von Augenzeugen einer Katastrophe, den man sonst nur aus den Nachrichten kennt. Die Augen weit aufgerissen, die Pupillen glasig. Weil sie etwas gesehen haben, von dem man immer hofft, es selbst niemals sehen zu müssen. Das Leben ist da. Und dann ist es das plötzlich nicht mehr. Der Wirt eines Lokals am Eck brachte dem Mann ein Glas Wasser und einen Sessel. Er setzte sich dankbar. Der Wirt legte ihm die Hand tröstend auf die Schulter und drückte sie kurz. Ein paar Fahrgäste fragten die Polizisten ungeduldig, was geschehen war.

Als die Polizisten antworteten, änderte sich ihre Miene. Der Mann begann plötzlich zu weinen. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und wurde von einem unkontrollierten Schluchzen geschüttelt, das tief aus seinem Inneren kam. Einer der Umstehenden tätschelte ihm den Hinterkopf. Passanten sprachen tröstend auf ihn ein, bis er sich aufrichtete, durchatmete und seine Tränen trocknete. Ein Polizeibus kam und hielt vor der Unfallstelle. Die Vespa wurde eingeladen. Der Straßenbahnfahrer ging wieder in seine Kabine. Auch die Fahrgäste lösten sich von der Szene und folgten ihm nach. Als die Straßenbahn losfuhr, standen wir genauso eng aneinander gedrängt wie zuvor. Die Amerikanerin und ihr Begleiter waren verschwunden. Dafür waren einige der Schaulustigen zugestiegen.

Im Schritttempo ruckelte die alte Garnitur an dem blauen Auto vorbei, das noch immer auf der Fahrbahn stand. Die Sonne brannte ins Innere der Straßenbahn und blendete die Fahrgäste. Und bis zur nächsten Station sprach niemand ein Wort.

barbara.kaufmann@kurier.at