Shokat Ali Walizadeh, Organisator des montäglichen Kickens in der EMS Neustiftgasse

© Juerg Christandl

Kiku
02/24/2020

Tipps von Zahntechniker für einen bekannten ehemaligen solchen

Der Zahntechnikergeselle und Sozial- bzw. Jugendarbeiter Shokat Ali Walizadeh hätte Tipps für einen anderen gelernten Zahntechniker.

von Heinz Wagner

„Also ganz ehrlich, ich würde dem Herrn Strache raten, sich zurückzunehmen und wieder in seinem erlernten Beruf zu arbeiten!“ Das sagt ein ebenfalls gelernter Zahntechniker, ein viel Jüngerer. Der seine Lehre von 2010 bis 2014 absolvierte. Ein offenbar auch ziemlich guter, denn er hat einmal beim Wiener Lehrlingswettbewerb einen zweiten Platz gemacht und wurde in einem anderen Jahr sogar bester Zahntechnik-Lehrling der Bundeshauptstadt. Und beim österreichweiten Bewerb, an dem er auch einmal teilgenommen hat, wurde er Zweiter.

Aber, der Herr Strache ist doch schon so lange aus seinem Beruf weg, würde er das überhaupt noch können?"

Wenn er wollen würde, könnte ich mir vorstellen, mit ihm gemeinsam in einem Labor zu arbeiten und ihm zu helfen, wieder in seinen Beruf einzusteigen."

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Zuflucht gefunden

Das sagt Shokat Ali Walizadeh. Der allerdings auch erst nach ein paar Jahren Pause wieder in seinen erlernten Beruf einsteigen müsste. Der heute fast 30-Jährige kam 2008 nach seiner Matura in Afghanistan als 18-jähriger Flüchtling nach Österreich, verbrachte das erste Jahr zwangsweise zum Nichtstun verdammt in einem niederösterreichischen Asylheim. In dieser Zeit durfte er nicht nur nicht arbeiten, er kam auch ebenso wenig in den Genuss eines Deutschkurses.

Die Sprache Österreichs konnte er erst nach einem Jahr zu lernen beginnen, vor allem bei Ute Bock. Und dann hatte er das Glück – sicher nicht zuletzt aufgrund seines extrem gewinnenden Wesens – dass sich Menschen besonders für ihn einsetzten. Darunter seine damalige Deutschlehrerin, die er noch heute als seine österreichische Mama bezeichnet. Außerdem spricht er auch noch von einer weiteren Dame, die er als seine Wiener Großmutter bezeichnet.Über diese kam er auch an seine Lehrstelle. Der Zahnarzt der Wiener Mama sagte ihm, nachdem er zwei Tage Praktikum in einem Labor gemacht hatte und er offenbar von der handwerklichen Fähigkeit und der raschen Auffassungsgabe des jungen Mannes angetan war, fix eine Lehrstelle zu. Shokat Ali Walizadeh bestand nicht nur die Lehrabschlussprüfung, er machte auch noch erfolgreich die Gesellenprüfung, arbeitete dann bei einem anderen Labor.

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Ehrenamtlich

Daneben arbeitete er ehrenamtlich bei Caritas, Diakonie, Rotem Kreuz und 2015 am Haupt- sowie dem Westbahnhof. Mit der großen Flüchtlingsbewegung „hab ich mich entschieden, in diesem Bereich zu arbeiten, weil ich ja aus eigener Erfahrung gewusst habe, dass es nicht einfach ist und auch mir viel geholfen worden ist. Meine Erfahrungen wollte ich weitergeben und auch meine Sprachkenntnisse nutzen.“ Gegen Ende 2015 begann er hauptberuflich beim ASBÖ zu arbeiten.

Neuer Start

Shokat Ali Walizadeh hat mit anderen jungen Leuten, die schon davor aus Afghanistan gekommen waren, den Verein „Neuer Start“ gegründet. Ziel ist, einerseits jungen neu in Österreich gelandeten Afghan_innen den Weg in die österreichische Gesellschaft zu erleichtern, viele zu erklären, was sie selbst schon gelernt haben. Das reicht von Unterstützung beim Umgang und Zugang zu Behörden, bis hin zum Erklären und Nahebringen, wie Österreich und die Gesellschaft hier funktioniert und tickt. Andererseits will „Neuer Start“ eine Brücke zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Neuankommenden bauen – durch gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise das jährliche große zweitägige Sport-und Kulturfest im Sportcenter Donaucity.Oder die regelmäßigen Absolvent_innenfeiern. Integration durch Bildung ist der Leitspruch dafür, junge Leute auszuzeichnen, die maturiert, eine Lehre oder ein Studium abgeschlossen haben. Damit soll dieser Grundsatz in der Community gefördert werden, aber auch der Mehrheitsgesellschaft viele positive Beispiele junger Afghan_innen zu zeigen.

Männlichkeiten hinterfragen

Dabei verschließt diese Initiative keineswegs Augen vor bestehenden Problemen. Solche werden auch angegangen. So starteten schon vor drei Jahren ein „Tandem Projekt: Vermittlung interkultureller Genderkompetenz im Fluchtkontext“ – wie es schon sehr integriert im richtige Projekt-Antrags-Deutsch heißt.

Worum’s geht: „Im Rahmen dieser Workshops werden Maskulinitäten, geschlechtsspezifische Gewalt, eigene und fremde Stereotypen und Geschlechterrollen reflektiert. Die Erweiterung der Genderkompetenz ermöglicht den Teilnehmern, Geschlechterdemokratie in ihrem Alltag zu leben und eine Identität zu entwickeln, die auf Gleichberechtigung basiert. Unter Anwendung kultursensibler Methoden werden auch tabuisierte Themen wie Sexualität und sexuelle Diversität aufgegriffen. Durch ein Trainer-Tandem, bestehend aus einem Afghanen und einem Österreicher, kann ein respektvoller und vorurteilsfreierer Umgang etabliert werden. Die Workshops wurden bis zum Herbst 2019 mittels Spiel-, Theater- und Bewegungspädagogik, vorwiegend in Flüchtlingsbetreuungseinrichtungen, durchgeführt.

Und da schließt Shokat Ali Walizadeh wieder beim Herrn Strache an. „Der könnte doch sich gut zu Hause um sein kleines Kind kümmern. Seine Frau hat ja als Parlamentsabgeordnete genug Einkommen für alle drei. Aber vielleicht tut er sich ja als Mann schwer mit so einer Rolle. Da könnten wir ihm die Teilnahme an einem unserer Gender-Workshops anbieten ...;)

Follow@kikuheinz

Unternehmerweb.at -> Shokat Ali Walizadeh-Interview

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