Maler und Bildhauer – „der letzte Korczak-Bub“ – mit 98 gestorben

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Itzchak Belfer, der als Bub einige Jahre im Waisenhaus des berühmten Arztes, Reformpädagogen und Demokratie-Erziehers Janusz Korczak lebte, starb nun in Tel Aviv.

Wie Montagabend bekannt geworden, verstarb der israelische Künstler und Bildhauer Itzchak Belfer vor wenigen Tagen (in der Nacht zum Samstag) im Alter von 98 Jahren in Tel Aviv. Er war nicht nur durch seine Bilder und Skulpturen – u.a. im deutschen Günzburg (in dem seit vielen Jahren das Experimentelle Theater sich mit Korczaks Gedanken beschäftigt) -, sondern in den vergangenen Jahren auch als „The last Korczak Boy“ bekannt. Als einer der wenigen Kinder des „Doktors“. Sein Glück, er war zu alt geworden und musste mit 15 Jahren das Waisenhaus – „das wir nur unser Zuhause nannten“ – von Janusz Korczak schon 1938 verlassen.

Janusz Korczak, jüdisch-polnischer Arzt und Pädagoge hatte ab Mitte der 30er Jahre – gemeinsam mit Stefania Wilczyńska, genannt „Stefa“ - in Warschau ein Waisenhaus „Dom Sierot“ geleitet. „Itzhakele“ wurde von seiner Mutter dem Heim anvertraut, weil sie mit den anderen Kindern zu den Großeltern ziehen musste, nachdem ihr Mann gestorben war.

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Eines der unzähligen Bilder Belfers über Korczak und "seine" Kinder

Mal-Leidenschaft im „Waisenhaus“ gefördert

Als Itchak Belfer ungefähr zehn Jahre war, bekam er von „Stefa“ Papier, stifte, Pinsel und Farben, weil er so gern zeichnete und malte. Das blieb ihm. Später in Israel studierte er Malerei und Bildhauerei. Viele seiner Bilder drehen sich um – nicht nur seinen – Aufenthalt im Waisenhaus, den alle Kinder als ihr Zuhause erlebten und empfanden. „Ich hatte zu Hause 107 Freunde – 56 Mädchen und 51 Jungen. Das gemeinsame Leben war voller Farben und Formen, schrieb er später in seinem Buch „Janusz Korczak: Kinder lieben und achten“, das er auch selbst illustrierte – und das vergriffen ist.

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Der Maler im Interviewfilm

Zum Glück „zu alt“

Belfer malte aber auch Bilder zu Szenen aus dem Heim im Warschauer Ghetto, die er selber nicht mehr miterlebte – bis hin zu sehr düsteren über die letzten Stunden und Minuten seiner ehemaligen Kameradinnen und Kameraden. Das hatte Itzchka Belfer gar nicht zeitnah mitbekommen. Im Alter von 15 musste er den Regeln zufolge das Heim verlassen, bald danach beschloss er mit einem Kameraden in die damalige Sowjetunion zu flüchten. Zuerst arbeitete der Jugendliche in einem Kohlebergwerk, später wurde er Teil der Roten Armee. Erst als er 1946 nach Warschau zurückkehrte, erfuhr er im Gebäude des ehemaligen Waisenhauses vom tragischen Schicksal Korczaks und seiner jüngeren damaligen „Schwestern und Brüder“.

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Vom Ghetto ins Vernichtungslager

Als die Nazis Polen besetzten und 1940 einen Teil der Hauptstadt abmauerten und in ein Freiluftgefängnis verwandelten – Warschauer Ghetto“ – übersiedelte auch das Waisenhaus mit den 107 Kindern dorthin. Korczak und „Stefa“ übernahmen dann noch ein weiteres Haus, in das sie alle Kinder von der Straße aufnahmen, die niemanden mehr hatten. Trotz dieser widrigen, feindlichen Umstände und Umgebung, lebten der „Doktor“, wie viele Korczak nur nannten, und Stefa mit den insgesamt rund 200 Kindern und Jugendliche demokratische Mitbestimmung bis hin zu „Kindergerichten“, in denen die gewählten jungen Richterinnen und Richter über Vergehen – natürlich auch der Erzieher_innen samt Leitung – befanden.

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Kinder nicht allein gelassen

Korczak war international – durch Radiosendungen, Vorträge und Bücher in den 20er Jahren über reformpädagogische Grundsätze in der Erziehung – Begegnung auf Augenhöhe und Partizipation – so bekannt, dass auf Druck vor allem von England hin, die Nazis ihn in die Freiheit ausreisen lassen wollten. Seine Antwort: Ja, aber nur, wenn ich die 200 Kinder mitnehmen kann. Das ließen die Nazis nicht zu und so landete der Arzt und Pädagoge mit seinen Schützlingen im Vernichtungslager Treblinka.

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Das von Itzchak Belfer geschaffene Denkmal für Korczak und Kinder im deutschen Günzburg

„Vater“, Lehrer, Demokratie-Erzieher

In sehr vielen Bildern – und auch etlichen seiner Skulpturen – kommt seine Zuneigung zu Korczak, der für ihn – wie für viele andere der Kinder – einerseits zum Vater geworden war, andererseits aber auch zum Lehrer auf Augenhöhe, der sie für voll nahm, aufbaute und ermutigte, ihr eigenen Meinungen zu entwickeln.

Vor nicht ganz zehn Jahren entstand ein nicht ganz ½-stündiger Interview-Film (The Last Korczak Boy) in Belfers Atelier, in dem viele seiner Bilder zu sehen sind und in dem er über sein Leben, vor allem aber seinen Lebens-Lehrer spricht – auf dem YouTube-Kanal der Europäischen Janusz-Korczak-Akademie zu sehen – Link unten.

Neben dem oben schon erwähnten Buch „Janusz Korczak: Kinder lieben und achten“, das im Titel her Anleihe nimmt, bei einem der frühen Korczak’schen Erziehungs-Ratgeber, verfasste Belfer auch noch das Buch „Ein weißes Haus in einer grauen Stadt“ (ebenfalls vergriffen, englische Version auf Amazone um 2,69 €)

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