Trevor Wie mit Kindern inmitten australischer Natur

© Trevor Wie

Kiku
02/24/2019

Von der kleinen Ameise und der großen Welt

Trevor Wie, ein Angehöriger der australischen First Nations People, derzeit in Wien, über unterschiedliche Weltsichten.

von Heinz Wagner

Nach einem heftigen Wirbelsturm stand eine winzig kleine Ameise ganz allein, einsam und verlassen irgendwo, eigentlich sozusagen im Nirgendwo. Von den Artgenossen keine Spur. Mit diesem Bild beginnt Trevor Wie seine erzählte, geschriebene und gezeichnete Geschichte „The Good-Way Ant“, also von der Ameise, die den guten/richtigen Weg gefunden hat. Auf der Suche nach dem Weg zu seiner riesigen Familie stellten sich der kleinen Ameise so manche Aufgabe in den Weg. Unter anderem lag da ein Käfer auf dem Rücken. Hilflos. „Ameischen kannte Herrn Käfer nicht und er hatte keine Ahnung, ob dieser für ihn gefährlich war. Aber tief in seinem kleinen Ameisenherzen fühlte er, dass da keine Gefahr lauerte...“

Obwohl Ameisen sehr, sehr kräftig sein, ein Vielfaches ihres eigenen Gewichts tragen können – und gemeinsam überhaupt schier unlösbare Aufgaben bewältigten, unsere kleine Ameise aber war allein. Und doch schaffte sie es mit aller Kraft und Hebelwirkung dem Käfer so weit zu helfen, dass...

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Helfen, die Welt zu verstehen

 Ja, und zur Belohnung landete nach einer langen anstrengenden Wanderung das Ameischen bei seiner Familie, die ihm nach seiner Erzählung den Namen „Good-Way-Ant“ verlieh und ihn bat, Geschichtenerzähler zu werden „und den kleinen Ameisen dabei zu helfen die Welt zu verstehen und deine wertvollen Geschichten mit Jung und Alt zu teilen“.

Leben in beiden Welten

Der, der die Geschichte in Buchform, immer wieder aber auch mündlich und dazu noch viele andere erzählt, ist der schon genannte Trevor Wie. Der Angehörige der australischen First Nations People (Ureinwohner_innen, oft auch als Aborigines bezeichnet) ist derzeit in Wien, um Workshops und Seminare abzuhalten, vor allem für Pädagog_innen (organisiert von der Belinda Mikosz von der österr. Janusz-Korczak-Gesellschaft).

In diesen versucht er die verschiedenen Sichtweisen auf die Welt zu thematisieren, anzustoßen. Die verschiedenen Völker, die schon seit einigen 10.000 Jahren auf diesem Erdteil leben, haben einen ähnlichen Zugang wie praktisch alle Naturvölker. Sie leben das, was die sogenannte Zivilisation erst seit einigen Jahren mit den Begriffen Nachhaltigkeit anzustreben beginn – im Einklang mit der Natur, Verbrauch von Ressourcen nicht im Übermaß, den Kreislauf der Natur erkennen und spüren. Zuhören, auf jede Form der Sprache – von der Mimik über die Körpersprache bis zur ausgestrahlten Energie zu achten... – das versucht Trevor Wie zu vermitteln.

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Leer oder voll

Charakteristisch dafür seien vielleicht zwei der Folien herausgegriffen, die der Ökologe Pädagoge, Vortragende, Publizist und Fremdenführer im Kakadu-Nationalpark und im West-Arnhem-Land, den Teilnehmer_innen zeigt: Ein weißes Quadrat mit „nur“ einem gelben Punkt in der Mitte. Während viele „Westler“ dies meist als leer bezeichnen würden, findet er – und die meisten First Nations People dieses „voller Möglichkeiten“ – kommt vielleicht besonders im schulischen Zusammenhang bekannt vor, oder?

(Ab-)Werten

Das zweite Bild: Eine einfache Wellenlinie. Die natürliche Bewegung eines Flusslaufs, einer Schlange... – auf der einen Seite. Eine gerade Linie durchgezogen, der oberen Kurve ein Plus, der unteren ein Minus verpasst, und schon befinden wir uns in der Kategorie Wertung, Auf und Ab statt „nur“ Hin und Her.

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Busch statt Räume

Am liebsten lebe er, so der Referent zum Kinder-KURIER im Busch, obwohl er sich auch mit städtischen Gegebenheiten angefreundet hat und sogar einer der ersten war, der schon im vorigen Jahrhundert den Umgang mit Computern erlernte. „Manchmal haben sie mich bei technischen Problemen mit diesen, damals noch riesigen Maschinen sogar aus dem Busch geholt, damit ich sie wieder zum Laufen bringe. Da hab ich ihnen gesagt, ich muss Zeit bei den Maschinen verbringen und ihre Energie spüren, erst dann kann ich sie reparieren.“

Energie spüren ...

... das ist für Trevor Wie so wichtig, dass er mehrere Tage vor dem ersten Workshop anreiste und den ersten Tag in der Natur rund um Wien verbrachte. „Erst am nächsten Tag bin ich einfach durch die Stadt gegangen, um auch hier die Energie aufzunehmen. Das mach ich meistens, wenn ich wo neu hinkomme. Trotzdem bin ich viel lieber im Busch als in geschlossenen Räumen. Für die schlimmste Energie halte ich Klimaanlagen in solchen Räumen. In meiner Heimat in Australien halte ich solche Workshops und Seminare auch am liebsten in der freien Natur ab, da können die Teilenehmerinnen und Teilnehmer auch viel leichter verstehen, was ich meine, ihnen sagen, erklären will.“

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Lehren aus Geschichten

Auf die Geschichte mit der Ameise ist er „schon vor vielen Jahren gekommen als ich mit jungen Kindern gearbeitet habe. Ich habe einen heftigen Streit zweier Kinder gesehen und nachgedacht, wie ich den Kindern einen Ausweg aufzeigen kann. Dann ist mir diese Geschichte eingefallen, ich hab sie erzählt und gehofft, dass die Kinder selber ihre Lehren daraus ziehen. Aufgeschrieben hab ich sie erst viel, viel später.  In der Zwischenzeit sind mir aber schon viele andere solcher Geschichten eingefallen, wie die Ameise, die den richtigen Weg gefunden hat, als Erzählerin immer wieder Beispiele zeigen kann, wie wir alle auf den guten, den richtigen Weg kommen können, oder könnten!“

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Noch freie Plätze..

... gibt es für den Vortrag bei den Wiener Kinderfreunden: 1. März, 101 Ballgasse 2:
Anmeldung und Infos:
gabriela.miksicek@wien.kinderfreunde.at

Einige Fotos von Trevor Wie - in Wien und in Australien

In Felsen geritzte jahrtausendealte Symbole ...

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...Vom Punkt zum kreis, zu Kreuzungspunkten ...

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Kleine Ameise hilft großem Käfer