Bunt gemischte Fußballteams

© Jürg Christandl

Kiku
02/24/2020

Integration, die rund läuft: United Kickers of Neustiftgasse

„Jugendarbeit ab Tag 1“: Afghanen, Tschetschenen, Somalis und Ösis spielen gemeinsam montags Fußball im Turnsaal der EMS.

von Heinz Wagner

Montagabend. Turnsaal der Europäischen Mittelschule in der Wiener Neustiftgasse. Gut zwei Dutzend Jugendliche bzw. junge Erwachsene in bunt gemischten Dressen oder Turn-Outfits. Die jungen Männer spielen Fußball. Jeweils sieben Minuten dauert ein Match – oder kürzer, wenn eines der beiden Teams schon zwei Tore geschossen hat. Das Siegerteam bleibt auf dem Parkett, eine nächste Mannschaft kommt dran. Beim Lokalaugenschein des (Kinder-)KURIER konnten sich vier zufällig zusammengewürfelte Teams bilden – durch Auszählen. Mehr als zwei Mal hintereinander muss aber kein Team spielen, dann darf es – auch bei zwei Siegen – pausieren.

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Insgesamt wird fast zwei Stunden lang gekickt. Obwohl’s mit Jamal Mataan einen Schiedsrichter gibt, wirft dieser eher nur von einer Ecke des Turnsaals aus Blicke auf das Spielfeld. Im Wesentlichen regeln die Kicker selbst ihre Matches. Das ist das doch überraschend – für alle, die schon Hobbyspiele je erlebt haben.

Die zweite Besonderheit: Hier kicken wöchentlich – wenn nicht Schulferien sind und der Turnsaal zu ist – Burschen, die selbst (oder deren Familien) aus Afghanistan, Tschetschenien, Somalia und Österreich kommen. „Jugendarbeit ab Tag 1“ nennt sich das Projekt, das Shokat Ali Walizadeh vom afghanischen Sport- und Kulturverein „Neuer Start“ ins Leben gerufen hat. (Mehr über den gelernten Zahntechniker mit Tipps für einen berühmteren ehemaligen ebenso Ausgebildeten in einer eigenen Geschichte – siehe Link unten.)

Seit fast einem Jahrzehnt organisiert der Verein im Sommer ein zweitägiges großes Sport- und Kulturfest – siehe auch ... Im Vorjahr ist es erstmals gelungen, den tschetschenischen Kulturverein Ichkeria mit einzubinden.

Vorurteile überwinden

„Konflikte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft“ in Parks, auf Straßen und in Schulen haben ihn zu diesem Projekt bewogen, schreibt Walizadeh in seinem Konzept. „Oft ist es aber so, dass Menschen einer bestimmten Community gegenüber andere Kulturen eine ablehnende Einstellung haben, ohne diese Menschen und deren Kultur (ausreichend) zu kennen“ Dabei zitiert er den urösterreichischen Spruch „was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“ – womit er sich gewählter ausdrückt als das Original.„Wir haben uns das Ziel gesetzt, diese Vorurteile gegenüber anderen zu beseitigen, indem wir diese Menschen durch Sport und gemeinsame Interessen einander näherbringen, um ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen. Dadurch können wir auch gegen Extremismus jeglicher Art sowie Rechtspopulismus gezielt vorgehen und den negativen Berichten in Medien entgegenwirken.“

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Integration von unten

Als Kooperationspartner fand er „Login – Verein zur Gesundheitsförderung und sozialen Integration“, den schon genannten tschetschenischen Kulturverein Ichkeria, sowie „Fair und Sensibel“ und einen Verein von Somaliern in Österreich.

Von letzterem kommt auch der oben schon erwähnte, der an den Fußballabenden in seiner Funktion als Schiedsrichter ziemlich unterbeschäftigt ist. Er arbeitet als (Gerichts-)Dolmetscher und organisiert sogenannte „Grassroots“-Projekte. „Integration darf und soll nicht nur von oben nach unten gehen, mit unseren kleinen Projekten wollen wir von der Basis her mithelfen, dass sich die Menschen integrieren können“, sagt er zum (Kinder-)KURIER.Wir wollen und könnten viel mehr machen, wenn wir Unterstützung, vor allem Räume bekommen würden“, sagt Shokat Ali Walizadeh. „Mit den Fußballabenden hier haben wir im November begonnen, wir mussten schon nach wenigen Stunden den Aufruf auf Facebook schließen, weil sich so viele interessiert und gemeldet haben. Wir verstehen das als Pilotprojekt und würden gern auch Volleyball, TaeKwondo, Kickboxen, Kungfu anbieten. Vor allem für Volleyball hätten wir in unserem Verein auch Frauen, die das leiten könnten.“ Während er sich über seine Ausbauvisionen in Fahrt redet, stellt er kurz dazwischen bedauernd fest, dass er an diesem Abend selber kaum zum kicken kommen wird, weil so viele Jugendliche da sind.

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Keine Einbahnstraße

Ein anderer, Thomas Ehringer, der an diesem Abend wegen einer Verletzung – nicht hier vom Fußball – fehlt, sagt am Telefon zum Reporter: „Ich spiel mit, weil ich grundsätzlich an anderen Kulturen interessiert bin und finde, Integration kann keine Einbahnstraße sein. Davon müssen beide Seiten profitieren.“Als besonders beweglich und mehrfacher Torschütze tritt Jafar Musawi in Erscheinung. Er spielt nicht nur Fußball, sondern auch Volleyball, hat etliche TaeKwonDo-Bewerbe gewonnen, „vorher hab ich Kungfu gemacht und ich mache die Sporttrainer-Ausbildung.“ Vier bis fünf Mal in der Woche ist er sportlich aktiv.

Kicken und Schach

Die sportlich Bandbreite des Jüngsten an diesem Abend ist eine ganz andere. Subair Kirimov spielt im Tor und in der Verteidigung und ansonsten erfolgreich Schach. „Mit 10 hab ich angefangen und bis 12 gespielt, dann hab ich eine Pause gemacht und jetzt wieder begonnen“, sagt der 14-Jährige. Gelernt hat er’s mit Freunden, jetzt in der Oberstufe in einem Floridsdorfer Gymnasium spielt er in der Schule, die ihn auch zu einem Turnier in Italien schickte. Dort gewann er. „b und zu spiel ich auch auf dem Handy Schach.“
Ob er als einer aus der tschetschenischen Community Berührungsängste mit Fußballern aus Afghanistan, Österreich und Somalia gehabt habe, verneint Kirimov. „Ich hab nur Angst gehabt und bin immer nervös, ob ich gut genug spiele. Ich geb immer mein bestes“, sagt er und das ist zu sehen und zu spüren. Nach jeder Partie ist er völlig ausgepowert, regeneriert aber rasch bis zum nächsten Einsatz.

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Inforunde

Shokat Ali Walizadeh, der selbst nach seiner Lehr zum Zahntechniker – bis zum Gesellen – aus ehrenamtlicher Tätigkeit in Vollzeit Jugend- und Sozialarbeit wechselte, will aber nicht nur die jungen Männer zum gemeinsamen Sporteln zusammenbringen. Jedes Mal bringt er entweder Infos oder Mitarbeiter_innen von Beratungseinrichtungen mit. Beim KURIER-Besuch war es der Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut Romeo Bissuti vom Männergesundheitszentrum Men. Gerade Männer – schon im allgemeinen – würden meinen, immer stark sein zu müssen und kümmerten sich wenige rum ihre Gesundheit, so leitete er in einer kurzen Gesprächsrunde ein. Bissuti wies auf die anonymen Beratungen – auch in verschiedenen Sprachen u.a. neben Deutsch auch Dari/Farsi und Englisch (neben Türkisch, Bosnisch/ Kroatisch/ Serbisch, Russisch, Kurdisch, Armenisch, Spanisch, Französisch) hin. „Wir wollen die Jugendlichen auf die vielen Angebote der Stadt aufmerksam machen, die sie oft gar nicht kennen oder wo sie Berührungsängste haben, weil sie aus ihren Herkunftsländern oft Ängste haben, dass Informationen an falsche Stellen weitergeleitet werden. Das ist ja hier nicht so“, erklärt der Organisator des Projekts.

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Shokat Ali Walizadeh, Organisator des montäglichen Kickens in der EMS Neustiftgasse

Bis zur Erschöpfung

Mit vollem Einsatz spielen die allermeisten. Viele fast bis zur Erschöpfung. Mit Fortdauer des Abends werden Partien durchaus hitziger. Und dennoch mit nicht einmal einem halben Dutzend Fouls. In diesem Punkt lässt sich nur hoffen, dass sich die jungen internationalen Kicker nicht noch mehr integrieren. Hobby-Kicks ohne Fouls sind hierzulande eher eine Seltenheit. Mit Schaudern erinnere ich mich an Freizeitfußball der Mitglieder einer kleinen Redaktion, eng verbunden, und dann flogen die Fäuste. Heftige Wickel unter Eltern sportelnder Kinder schafften’s vor nicht allzulanger Zeit sogar in praktisch alle Medien.

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