Diese Röntgenaufnahme kursiert derzeit im Netz.

© Shahar and Sayers/Scientific Reports

Gesund
06/26/2019

Forscher warnen vor Horn am Schädel durch Handy-Nutzung

Eine Röntgenaufnahme, die ein durch exzessive Smartphone-Nutzung verursachtes Horn am Skelett zeigt, wirft Fragen auf.

Waren Sie in den vergangenen Tagen online unterwegs? Womöglich sogar mit dem Smartphone? Dann wird Ihnen dieser Artikel wohl kaum entgangen sein: "Smartphone-Nutzern wachsen Hörner am Hinterkopf".

So, oder so ähnlich, lauteten Schlagzeilen, die mit einer Röntgenaufnahme bebildert im Internet kursier(t)en.

Das Röntgenbild entstammt einer australischen Studie. Darauf ist eine knöcherne Beule am Schädel eines 28-jährigen Mannes zu erkennen.

Horn durch gebeugte Haltung

In der Erhebung der University of the Sunshine Coast in Queensland, die vergangenes Jahr publiziert und nun von der BBC und der Washington Post aufgegriffen wurde, postulierten Forscher einen Zusammenhang: zwischen intensiver Smartphone-Nutzung und der Verformung des Skeletts.

Konkret würde die konstant nach vorn gebeugte Haltung bei jungen Menschen immer öfter dazu führen, dass sich derartige knöcherne Strukturen ausbilden.

Verantwortlich dafür sind laut den Studienautoren, Chiropraktiker David Shahar und Biomechaniker Mark G. L. Sayers, "andauernde Fehlhaltungen, die mit dem Aufkommen und der extensiven Nutzung moderner tragbarere Geräte, etwa Smartphones und Tablets, verbunden sind".

Für die Studie untersuchten die beiden Röntgenaufnahmen von 1.000 Patienten, im Alter von 18 bis 86 Jahren. In der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen fand sich die Ausbuchtung an jedem vierten Schädel, berichtet die BBC.

Tatsache ist: Das Benutzen digitaler Geräte beeinflusst die Körperhaltung. Schulterkopfschmerzen sind die Folge. Die Hals-/Nacken-Muskulatur kann bleibende Schäden davontragen. In diesem Kontext ist meist vom sogenannten Handy-Nacken die Rede.

Kritik an Studie

Laut der New York Times ziehen unbeteiligte Experten die Aussagekraft der Untersuchung aber in Zweifel.

Zum einen würden die Ergebnisse auf einer Analyse in der Vergangenheit aufgenommener Röntgenbilder basieren. Zudem sei keine Kontrollgruppe untersucht und Ursache und Wirkung nicht nachgewiesen worden.

Darüber hinaus hatten viele der Probanden offenbar derart starke Nackenschmerzen, dass sie sich bei einem Chiropraktiker in Behandlung begaben und Röntgenaufnahmen anfertigen ließen. Inwieweit die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sind, sei daher unklar.

"Knochen passt sich an"

Wenn der Kopf über einen längeren Zeitraum hinweg nach vorne gebeugt wird, könnte sich theoretisch tatsächlich ein derartiger Knochensporn bilden, sagt Evan Johnson, Physiotherapeut am New Yorker Presbyterian Och Spine Hospital, im Interview mit der New York Times. In dieser Position drücke das Nackenband, das den Kopf hochhält, gegen den Schädel – "der Knochen passt sich an, indem er einen kleinen Hügel oder Vorsprung bildet", führt Johnson aus.

Der Knochensporn selbst sei laut dem Experten kein Anlass zur Sorge: "Die Tatsache, dass Menschen diesen kleinen knöchernen Ansatz an ihrem Schädel haben, bedeutet nichts."

Weitaus besorgniserregenderer sei ein anderer Befund der Studie: Auf den Röntgenbildern sei zu erkennen, dass die Hälse einiger Probanden eine ungewöhnlich gebogene Haltung angenommen haben. Sofern moderne Technologie diese Haltungsänderung in der Bevölkerung verursache, sei das "keine Kleinigkeit".

"Weit hergeholt"

David Putrino, Leiter der Abteilung für Reha-Innovation am Mount Sinai Spital in New York, sagte der New York Times, dass ein Zusammenhang zwischen einem gekrümmten Hals und den Knochensporen durchaus denkbar sei. Da sich die Knochen von Kindern und Jugendlichen noch im Wachstum befinden, würden diese eher ihre Form aufgrund erhöhter Krafteinwirkung ändern. "Aber ich glaube nicht, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir die Handynutzung dafür verantwortlich machen können", sagte Putrino.

David J. Langer, Leiter der Neurochirurgie am Lenox Hill Hospital in New York, sagte: "Das ergibt für mich keinen Sinn." Es sei zwar bekannt, dass Bandscheibenprobleme bei Menschen auftreten, die viel Zeit damit verbringen, mit gebeugtem Hals nach unten zu schauen. "Es ist aber wahrscheinlicher, dass man dann an einer degenerativen Bandscheibenerkrankung oder einer Verlagerung im Nacken leidet als an einem Knochensporn, der aus Ihrem Schädel herauswächst", sagte Langer.

"Ich habe das noch nie gesehen und ich mache viele Röntgenaufnahmen. Ich hasse es, ein Spielverderber zu sein, aber es scheint ein bisschen weit hergeholt zu sein."