Gesund
04/17/2019

Ultraschalluntersuchung: Spätscan könnte Kaiserschnittrate senken

Britische Forscher schlagen eine Routineuntersuchung in der 36. Woche vor, um Notkaiserschnitten vorzubeugen.

Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge könnten durch späte Ultraschalluntersuchungen allein in Großbritannien Tausende Notkaiserschnitte verhindert werden.

Mit einer routinemäßig durchgeführten Echografie in der 36. Schwangerschaftswoche könne eine Beckenendlage des Kindes leichter festgestellt werden, schreiben Forscher der University of Cambridge und der University of East Anglia im Fachblatt PLOS Medicine.

Steißlage erkennen

Bei einer Steißlage, wie die Beckenendlage auch genannt wird, liegt das Baby nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Beckenende voran im Bauch der Mutter. Kaiserschnitte bei Beckenendlagen werden in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Eine Spontangeburt ist grundsätzlich möglich, wird in der modernen Geburtshilfe dennoch eher selten empfohlen. Bei einer spontanen Beckenendlagengeburt kann es zu Komplikationen und einer Gefährdung des Kindes kommen. Auch Notkaiserschnitte bergen Risiken und Langzeitfolgen. So erhöht sich etwa bei weiteren Schwangerschaften das Risiko für eine Fehl- oder Totgeburt leicht, auch die Gefahr von Problemen rund um die Plazenta, etwa eine Fehllage, Haftungsstörungen oder die vorzeitige Ablösung, steigt.

In Großbritannien untersuchen Hebammen nach der 21. Schwangerschaftswoche derzeit die Lage des Babys von außen, durch das Abtasten des Babybauches bei der Mutter. Ein zusätzlicher Ultraschalltermin könnte nicht nur Komplikationen bei der Geburt vorbeugen, sondern dem staatlichen Gesundheitssystem (NHS) Kosten ersparen, schreiben die Wissenschafter.

Für die neue Erhebung führte das Forschungsteam bei 3.879 britischen Erstgebärenden Ultraschalluntersuchungen in der 36. Schwangerschaftswoche durch. Eine Beckenendlage wurde dabei bei 179 Frauen (4,6 Prozent) diagnostiziert. In mehr als der Hälfte dieser Fälle (55 Prozent) war diese bei vorherigen Untersuchungen nicht festgestellt oder vermutet worden.

Säuglingstodesfälle verhindern

Ed Wilson, Gesundheitsökonom an der University of East Anglia, sagte über die Studienergebnisse im Interview mit dem Guardian: "Wir gehen davon aus, dass Routineuntersuchungen in ganz Großbritannien rund 15.000 nicht diagnostizierte Steißlagen, mehr als 4.000 Kaiserschnitte und zwischen sieben und acht Todesfälle von Säuglingen pro Jahr verhindern könnten. Wir haben uns auch die Kosten zusätzlicher Scans angesehen und festgestellt, dass der NHS Kosten sparen kann, wenn Scans für weniger als 12,90 Pfund (etwa 15 Euro, Anm.) durchgeführt werden können." Und weiter: "Wenn Ultraschalluntersuchungen zu so geringen Kosten angeboten werden könnten, indem sie zum Beispiel Teil eines normalen Hebammentermins sind, könnte das routinemäßige Angebot von Ultraschalluntersuchungen eine gute Nutzung der NHS-Ressourcen darstellen."

Die Diagnose einer Steißlage in der 36. Woche erlaube zudem, zu versuchen, das Baby vor der Geburt zu drehen, erklären die Forscher in ihrer Studie. Bei einer äußeren Wendung, wie das Verfahren genannt wird, wird versucht, das Kind von außen durch Druck auf die Bauchdecke zu drehen. Dies sollte nur von erfahrenen Geburtshelferinnen durchgeführt werden, da es zu Problemen, etwa Nabelschnurkomplikationen oder einer vorzeitigen Plazentalösung, kommen kann.

Frauen könnten nach der Diagnose außerdem einen Kaiserschnitt planen, wenn sie dies wünschen. Gordon Smith, Gynäkologe und Studienleiter von der University of Cambridge, sagte dazu: "Wir glauben, dass die Studie eine Möglichkeit bietet, Frauen zu identifizieren, bei denen das Risiko einer komplizierten Geburt erhöht ist."

Krankenhäuser in England bieten aktuell allen Frauen mindestens acht Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft bis zur 21. Woche an. Bei Risikoschwangerschaften werden zusätzliche Termine angeboten.

Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen in Österreich

In Österreich beinhaltet der Mutter-Kind-Pass je fünf Untersuchungen in der Schwangerschaft und in den ersten 14 Lebensmonaten des Kindes. Innerhalb der 18. und 22. Schwangerschaftswoche kann im Rahmen des Mutter-Kind-Passes eine einstündige Hebammenberatung in Anspruch genommen werden. In Österreich ist die Durchführung der vorgeschriebenen zehn Untersuchungen die Voraussetzung für den Bezug des vollen Kinderbetreuungsgeldes.

Zusätzlich werden im Rahmen des Mutter-Kind-Passes drei Ultraschalluntersuchungen empfohlen, und zwar in der 8.-12. Schwangerschaftswoche, der 18.-22. Schwangerschaftswoche und der 30.-34. Schwangerschaftswoche. Diese drei Ultraschalluntersuchungen sind freiwillig, das heißt, sie werden von der Krankenkasse bezahlt, sind aber nicht für den vollen Erhalt des Kinderbetreuungsgeldes notwendig.

Kritik an "Baby-Watching"

Ultraschalluntersuchungen ohne medizinischen Grund werden von manchen Experten unterdessen kritisch beurteilt. In Deutschland trat Anfang des Jahres etwa eine neue Strahlenschutzverordnung in Kraft: Ab Ende 2020 ist der Einsatz des Ultraschalls in nicht-medizinischen Kontexten untersagt.

Das bringt die Methode in die Kritik. Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e. V. (DEGUM) weist diese zurück. "Trotz jahrzehntelanger intensivster Forschungsarbeit gibt es nach wie vor keine Studienergebnisse, die darauf hindeuten, dass Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft irgendeine Gesundheitsbelastung für das ungeborene Kind darstellen", betonte Kai-Sven Heling, Vizepräsident der DEGUM, im Kontext der Diskussion vor einigen Monaten.