Wissen und Gesundheit
24.01.2018

Kaiserschnitt: Die wenig bekannten Langzeitfolgen

Für ausreichende Aufklärung über Vor- und Nachteile fehlt oft die Zeit.

Die Kaiserschnittrate nimmt weltweit nach wie vor zu. In Westeuropa wurden 2016 rund 25 Prozent aller Kinder mittels Sectio geboren, in Nordamerika 32 Prozent, in Südamerika 41 Prozent. Österreich liegt nach früheren Anstiegen seit einigen Jahren im Mittelfeld – etwa jede dritte Geburt erfolgt mittels Sectio (siehe Grafik unten).

Viele der Eingriffe seien medizinisch unbegründet, ihre Zunahme hänge auch damit zusammen, dass Frauen über die Vor- und Nachteile nicht ausreichend aufgeklärt seien. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer aktuellen Übersichtsstudie des Spitals Royal Infirmary of Edinburgh, erschienen im Fachblatt Plos Medicine, bei der die Vor- und Nachteile des Kaiserschnitts anhand von Daten von fast 30 Millionen Frauen ausgewertet wurden.

Die unmittelbaren, in der westlichen Welt minimalen Risiken einer Sectio wie Infektionen oder eine Thrombose seien Frauen meist bekannt. Langzeitfolgen würden hingegen mit den Frauen in der Geburtsvorbereitung weniger häufig besprochen. So erhöht sich etwa bei weiteren Schwangerschaften das Risiko für eine Fehl- oder Totgeburt leicht, auch die Gefahr von Problemen rund um die Plazenta, etwa eine Fehllage, Haftungsstörungen oder die vorzeitige Ablösung, steigt. Je mehr Kaiserschnitte bereits vorgenommen wurden, desto höher das Risiko.

Freie Entscheidung

Entscheidend sei die Aufklärung über die Vor- und Nachteile, meint Peter Husslein, Leiter der Gynäkologie am AKH Wien. "Ich propagiere die freie Entscheidung der Frau, wenn die Medizin es zulässt. Dazu muss sie aber ausführlich beraten werden und das kostet Zeit, die im öffentlichen Gesundheitssystem nicht honoriert wird." Viele Frauen würden heute später Kinder bekommen oder nur noch ein Kind, wodurch mögliche Folgen des Kaiserschnitts, die weitere Schwangerschaften betreffen, weniger bedeutsam seien. Hinzu komme, dass die Autonomie der Schwangeren gestiegen sei – sie möchte mehr mitreden und selbst bestimmen, ob Kaiserschnitt oder vaginale Geburt. "Der Arzt muss ausführlich aufklären und medizinische Expertise einbringen. Er muss aber auch die persönliche Erfahrung der Frau berücksichtigen, ihre Ängste und Belastungen", sagt Husslein.

Auch Barbara Maier, Leiterin der Gynäkologie im Wilhelminenspital, spricht sich für eine umfassendere Aufklärung in der Schwangerschaft aus. "Ich bin dafür, die Chance auf eine Spontangeburt zu erhöhen. Frauen sollen sich zutrauen, auch spontan zu gebären, weil ein Kaiserschnitt immerhin eine Bauchoperation ist. Auf der anderen Seite ist es ein Segen, einen Kaiserschnitt, etwa bei Komplikationen, machen zu können", sagt Maier. In der Geburtsvorbereitung werde aber mit sehr vielen Vorurteilen gesprochen, sodass etwa Ängste entstehen, die möglicherweise ausgeräumt werden könnten.

Folgen für das Kind

Nicht immer werde ausreichend thematisiert, welche Folgen der Kaiserschnitt für die Kinder haben kann. Maier: "Wir wissen schon, dass ein Kind seine Geburt auch 'erlebt'. Es ist ein Unterschied, ob eine Frau Wehen hat oder ob das Kind unvorbereitet geholt wird." Studien zeigen zudem für Kinder, die mittels Kaiserschnitt geboren wurden, bis zum Alter von zwölf Jahren ein erhöhtes Risiko für Asthma und bis zum Alter von fünf Jahren ein geringfügig erhöhtes Risiko, Übergewicht zu entwickeln. Auch gibt es Hinweise, dass der Kaiserschnitt Einfluss auf das kindliche Immunsystem hat, da die Kinder so nicht in Kontakt mit den mütterlichen Bakterien der Scheide kommen, die teils Darmbakterien ähneln und zur Entwicklung des Immunsystems beitragen. Um dies auszugleichen, wird versucht, die Kinder nach der Entbindung mit den Bakterien in Kontakt zu bringen.