Gesund
05.12.2018

Schweine als Organspender: Affen überleben mit Schweineherz

Die Forscher jubeln: Erstmals lebten Affen mit Herzen von Schweinen länger als ein halbes Jahr.

„Das ist ein bahnbrechender Schritt“, sagt Andreas Zuckermann, Leiter des Herztransplantationsprogramms von MedUni und AKH Wien: „20 Jahre hat sich auf dem Gebiet der Xenotransplantation (Tierorgane für Menschen, Anm.) wenig getan – und jetzt gibt es diesen großen Erfolg. Viele Forschungsgruppen haben aufgehört, auf diesem Gebiet zu arbeiten. Man muss es Kollegen aus München hoch anrechnen, dass sie immer weiter an dem Thema gearbeitet und an den Erfolg geglaubt haben.“

Einem Forscherteam des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München um den Herzchirurgen Bruno Reichart und den Veterinärmediziner Eckhard Wolf ist es gelungen, genetisch veränderte Schweineherzen langfristig in Pavianen funktionsfähig zu halten.

Von fünf Tieren waren zwei nach 90 Tagen noch immer gesund, zwei Tiere lebten sogar mehr als ein halbes Jahr (195 und 182 Tage) damit, berichten die Forscher im Fachmagazin Nature. Bisher hatten Paviane mit Schweineherzen maximal 57 Tage überlebt. Bisher starben in entsprechenden Versuchen etwa 60 Prozent der Tiere binnen zwei Tagen. Jetzt hingegen war es tatsächlich ein "Ersatz des Herzens, das ist das Neue", sagte Bruno Reichart.

„Wenn man ehrlich ist: Bis vor Kurzem hat ja keiner geglaubt, dass das funktionieren kann“, sagt Eckhard Wolf – er habilitierte 1994 in Wien – im Gespräch mit dem KURIER. „Denn auch die bisherige maximale Lebensdauer eines Schweineherzens in einem Pavian von 57 Tagen wurde nur ein einziges Mal erreicht und konnte nie wiederholt werden.“ Vor allem drei Punkte hätten zu dem Erfolg geführt, erklärt Wolf:

- Genetische Veränderungen Bei den Schweinen wurden drei Eingriffe im Erbgut durchgeführt: So fehlen auf der Oberfläche ihrer Herzzellen Strukturen, die das Immunsystem der Affen sofort erkennen würde – somit wird eine akute Abstoßungsreaktion verhindert. Fließt das Blut des Pavians durch die Herzgefäße des Schweins, ist das Risiko von Gerinnseln groß – durch die Aktivierung eines natürlichen Mechanismus wird das verhindert. „Den Schweinen schaden diese Veränderungen nicht.“

- Sauerstoffversorgung Ab dem Zeitpunkt der Entnahme und während der Implantation wird das Herz alle 15 Minuten mit einer Nährlösung durchströmt, die Plasma und rote Blutkörperchen enthält – damit wird die Sauerstoffversorgung sichergestellt. Dies geschieht mit Hilfe einer speziellen Herz-Lungen-Masche von Experten der Universität im schwedischen Lund. Die Ärzte können dadurch in Ruhe den Empfänger des Organs vorbereiten und dann das Schweineherz einsetzen. "Es schlägt dann in den Pavianen von der ersten Sekunde an gut und regelmäßig", sagte Reichart.

- Wachstumshemmung Das Schweineherz würde im Pavian viel zu groß werden. „Mit einem speziellen Medikament drosseln wir das Wachstum“, sagt Wolf. Beim Menschen wäre das nicht in dem Maße notwendig, weil die Größe des Herzens in etwa dem des Schweines entspricht.

In den USA hat man derart modifizierte Schweineherzen in die Bauchhöhle von Pavianen eingesetzt (dort hatten sie keine lebenserhaltende Funktion) – die Abstoßung konnte mehr als 900 Tage verhindert werden. „Nach diesen Erfolgen kann man erstmals sagen, dass die Transplantation von Schweineorganen technisch möglich ist“, betont Wolf. „Bevor man an eine Studie mit Menschen denken kann, sind aber noch viele Hürden zu überwinden.“ So werden etwa neue, ganz spezielle Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems getestet.

Während der deutsche Herzchirurg Reichart „wenn alles gut läuft“ in bereits drei Jahren eine erste klinische Studie mit Menschen für realistisch hält, ist der Wiener Spezialist Zuckermann zurückhaltender: „Ich halte in zehn bis zwölf Jahren einen ersten Einsatz für realistisch.“