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Gesund
10/21/2019

Streit um Organspenden im AKH spitzt sich zu

Abkommen des AKH soll ein Nachteil für heimische Patienten gewesen sein. Der Chefchirurg weist das vehement zurück.

von Ernst Mauritz, Birgit Seiser

Sind für Patienten aus Österreich Transplantationslungen „verloren“ gegangen? Um diese Frage ist ein Streit zwischen Experten ausgebrochen. Am Montag gab es eine Krisensitzung im AKH Wien bzw. an der MedUni Wien. Ergebnis: Eine internationale Expertenkommission soll die Lungentransplantationen untersuchen. Der KURIER sprach mit einem Eurotransplant-Vorstandsmitglied, das die in der Süddeutschen Zeitung genannten Vorwürfe bestätigte – der Leiter des Lungentransplantationsprogramms, Walter Klepetko, weist sie aber zurück.

Der Fall Griechenland

Kritik: Von 2009 bis 2019 sollen in Wien 50 Griechen eine Lunge transplantiert bekommen haben – aber nur 25 Organe stammten aus Griechenland. Laut dem Eurotransplant-Vorstandsmitglied stimme es zwar, dass weitere griechische Organe in Eurotransplant-Länder gegangen sind – aber für die meisten dieser Organe – es soll ein Plus von maximal 22 sein – gebe es kein Anrecht, ein Organ zurückzubekommen. Das Eurotransplant-Vorstandsmitglied: „Ist in Deutschland kein Organ für einen Hochrisikopatienten verfügbar, in Österreich aber schon, geht unser Organ nach Deutschland.

Dafür aber kommt ein österreichischer Hochrisikopatient an die Spitze der deutschen Warteliste.“ Bei Griechenland habe diese – theoretische – Möglichkeit nur in den vier Jahren der Kooperation bestanden.

Reaktion: Laut Walter Klepetko, der auch Leiter der Uni-Klinik für Chirurgie von AKH bzw. MedUni Wien ist, ist der Vorwurf zynisch und skurril: „Jede Lunge, die in das Eurotransplant-System kommt, bedeutet einen Mehrwert, denn so stehen für die Patienten in Österreich allgemein mehr Spenderorgane zur Verfügung.“ Natürlich würden nicht alle Lungen nach Österreich gehen, weil nicht jedes Spenderorgan zur passenden Zeit zu einem Patienten aus Österreich passen würde, sagt der Lungenchirurg.

Twinning-Abkommen

Kritik: Lungenspezialist Klepetko schloss mit mehreren Ländern (neben Griechenland u. a. auch Rumänien, Slowakei, Bulgarien oder Serbien) Twinning-Abkommen: Länder mit funktionierenden Transplantationsprogrammen helfen anderen, eigene aufzubauen. Zwischen 2012 und 2015 soll es aber ein Minus von 60 Lungen (mehr Eurotransplant-Organe für Patienten dieser Länder als Organe aus diesen Ländern für Eurotransplant) gegeben haben. Seit 2017 sind diese Programme beendet, die Zahl ausländischer Patienten ist rückläufig. Und es seien auch Patienten aus Polen, Italien und der Türkei – dort wohnhafte, keine mit Wohnsitz in Österreich – operiert worden, ohne z. B. aus der Türkei Organe erhalten zu haben.

Reaktion: Dass Patienten aus anderen Ländern behandelt worden seien, bestreitet Klepetko nicht. Die Behandlungen seien aber im Rahmen von Ausbildungsprogrammen für Chirurgen der jeweiligen Länder erfolgt. Außerdem seien die Eingriffe schon Jahrzehnte her. „Wenn die Transplantationsbilanz negativ war, haben wir die Programme beendet, wie in Fall der Slowakei“, sagt Klepetko.

Patientenauswahl

Kritik: „Wer wählt in Griechenland, Rumänien oder Bulgarien die Patienten aus?“, so das Eurotransplant-Vorstandsmitglied: „Bei uns hat jeder den gleichen Zugang zur Warteliste – egal ob Bauarbeiter oder Akademiker. Und auch Sonderklasse spielt gar keine Rolle.“ In den Partnerländern sei das intransparent gewesen.

Reaktion: Diesem Vorwurf steht Klepetko mit dem Argument gegenüber, dass auch in den anderen Ländern führende Fachärzte aus Pneumologie-Instituten die Transplantationspatienten ausgewählt hätten.

Honorar

Kritik: Ein Honorar von 17.000 Euro für Privatpatienten aus Nicht-Eurotransplant-Ländern sei viel zu hoch – drei Mal so viel, wie es die Honorarrichtlinien erlauben würden. Für die Organentnahme beim hirntoten Spender dürfe gar nichts verlangt werden: „Das zahlt das Spital.“

Reaktion: „Von den 17.000 Euro gehen 65 Prozent an das Ärzteteam, 20 Prozent an mich (3.400 Euro, Anm.) und der Rest bleibt beim AKH für die Infrastruktur“, sagt Klepetko. Es sei klar, dass Operationen von Patienten aus dem Ausland, mehr Kostenaufwand bedeuten. Es wäre aber immer ausschließlich im Sinne der Patienten gehandelt worden.