Woher der Name Eiskasten kommt

Children doing refrigerator advertising in the 60s
Foto: Getty Images/vasiliki/iStockphoto Der Kühlschrank 1966.

Der Kühlschrank zog erst vor gut 50 Jahren in die Haushalte ein – und veränderte Alltag und Vorratshaltung.

Kaum jemand kennt das Linde-Verfahren – aber praktisch jeder in der westlichen Welt nutzt es. Und zwar rund um die Uhr. Ohne Linde-Verfahren wäre der Begriff "Erfrischungsgetränk" kaum so stark in unseren Sprachgebrauch eingezogen. Und Cola oder sonstige Limonaden würden wohl ganz anders schmecken.

Es geht, Sie ahnen es schon, um den Kühlschrank. Die Entwicklung dieses heute so alltäglichen wie unverzichtbaren Küchenutensils revolutionierte den Alltag wie kaum ein anderes Haushaltsgerät. "Dadurch hat sich das Leben der Menschen enorm verändert", sagt Roswitha Muttenthaler, die im Technischen Museum Wien für den Bereich Haushaltstechnik zuständig ist.

Im Winter wurde das Eis händisch geschnitten

Wintereinsatz des Eisbrechers MS Eisvogel im Wiene Foto: KURIER/Jeff Mangione Möglich wurde die Modernisierung des Alltags durch den Techniker Carl von Linde, 1842 – also vor 175 Jahren – in Oberfranken geboren. Kälteerzeugung wurde zu seiner Zeit noch eher praktisch angegangen: Zum Kühlen wurde Eis verwendet, das über den Sommer in "Eishäusern" gelagert wurde. In Wien kam das Eis zum Beispiel aus der Alten Donau, berichtet Egon Guth, Geschäftsführer der traditionsreichen "Vereinigten Eisfabriken und Kühlhallen" in Wien. Die Firma besaß Pachtgründe. "Im Winter wurde das Eis dort händisch geschnitten."Woher der Name Eiskasten kommt

Abnehmer gab es genug und die Lieferanten, "Eismänner" genannt, waren ab dem 19. Jahrhundert ein weit verbreiteter Beruf. Kühlung war unter anderem in der Fleischverarbeitung nötig oder bei der Bierproduktion. In vielen städtischen Haushalten behalf man sich mit "Eiskästen", um verderbliche Lebensmittel länger frisch zu halten. In ein Fach in den robusten, dickwandigen und meist mit Zink verkleideten Kästchen wurde eine Stange Eis eingeschoben, die wöchentlich geliefert wurde.

Bis in die 1950er-Jahre war Kühlen ein Luxus

Technisches Museum, Werbung, Plakat, Werbeplakat, … Foto: /TMW Nicht wirklich alltagstauglich, befindet Muttenthaler. "Eiskästen verlangten ständige Aufmerksamkeit. Nicht nur durch das Nachfüllen des Eises. Hohe Feuchtigkeit machte die Kästen schimmelanfällig und Haushaltsratgeber dieser Zeit rieten daher zum oftmaligen Reinigen."

Carl von Linde interessierte dies wohl weniger, er war schon als junger Mann von der technischen Kälteproduktion fasziniert. Seine erste "Kältemaschine" baute er mit 29. Das Prinzip dahinter – das eingangs erwähnte Linde-Verfahren zur Luftverflüssigung – ließ er sich 1895 patentieren: Beim Verdampfen nehmen Flüssigkeiten Wärme aus der Umgebung auf. Verflüssigt sich der Dampf, wird die Wärme wieder abgegeben. Bei den heute üblichen Kompressionskühlschränken wird ein Kühlmittel (Ammoniak, weil er bereits bei niedrigen Temperaturen verdampft; heute u. a. FCKW-freie fluorierte Kohlenwasserstoffe) durch Metallröhren gepumpt. Den Antrieb liefert ein elektrisch betriebener Kompressor. Das Kühlmittel nimmt die Wärme im Innenraum beim Verdampfen auf, verflüssigt sich wieder und gibt sie über die Rückseite des Kühlschranks ab.

Dieses Prinzip ist den meisten egal. Gut Gekühltes muss der Kühlschrank liefern, besonders an heißen Sommertagen. Bis in die 1950er-Jahre war dies für den Großteil der Bevölkerung hierzulande ein absoluter Luxus. "Man musste sich das erst einmal leisten können", sagt Roswitha Muttenthaler. Erst in den 1960er-Jahren wurden elektrisch betriebene Kühlschränke durch nun mögliche Massenproduktion erschwinglich und die Küchen wurden flächendeckend damit ausgestattet. 1960 kostete etwa ein Bosch-Kühlschrank nur mehr rund 40 Prozent des Preises von 1951.

Je mehr Lebensmittel, desto größer die Kühlschränke

Grocery Produce Display in Supermarket Store Refri Foto: Getty Images/iStockphoto/YinYang/iStockphoto Mit den heutigen Geräten und ihren ausgeklügelten Temperaturzonen für unterschiedliche Lebensmittel hatten die Kühlschränke der Anfangszeit wenig gemein. "Sie hatten nur ein kleines Fassungsvolumen, es gab aber auch nicht dieses umfassende Lebensmittelangebot wie heute, etwa bei Milchprodukten." Für Muttenthaler ist diese Entwicklung übrigens eine direkte Folge der neuen Kühlmöglichkeiten.

Mehr noch – je mehr Auswahl an Lebensmitteln es gab, desto größer wurden die Kühlschränke und umgekehrt. Die Möglichkeit des Kühlens und Lagerns veränderte das Konservierungsverhalten nachhaltig. "Kühlschränke ermöglichten eine neue Vorratshaltung und auch einen Ernährungswandel", sagt Muttenthaler. Abgesehen davon: Wer weiß, ob heutige Trend-Limonaden schmecken würden, hätte sich die Kältemaschine mit dem Linde-Verfahren nicht durchgesetzt.

Die Geschichte in Bildern

200 Pferde und zahlreiche Ochsengespanne umfasste der Fuhrpark der 1898 gegründeten "Eisfabrik der Approvisionierungs-Gewerbe in Wien" in ihren besten Zeiten. Die mäßig isolierten Holzanhänger versorgten Wiener Haushalte und Firmen mit Natur- und Kunsteis. Zum Höhepunkt der Kunsteisproduktion (30er-Jahre) fuhren bereits Lkw, mit Aufkommen des Kühlschranks brach das Geschäft ein. Heute lagern die "Wiener Eisfabriken" Lebensmittel und pharmazeutische Produkte ein und produzieren Eisblöcke (bis zu 1 m³) für Kunst- und Werbezwecke. Verderbliche Lebensmittel wurden früher in kühlen Räumen oder Kellern aufbewahrt. In Städten kamen im 19. Jahrhundert Eiskästen auf. Diese mit Metall oder Emaille insolierten Holzkästen verfügten über ein Fach, in dem die Eisstange eingeschoben wurde – und meist über einen Ablaufhahn, um das Schmelzwasser abzulassen. Im Gegensatz zum Eiskasten kühlte der Kühlschrank eigenständig, man ersparte sich Eis nachfüllen und ständiges Putzen. Neben elektrisch betriebenen Modellen, die sich letztendlich am Markt durchsetzten, waren auch Geräte erhältlich, die über einen Gasanschluss verfügten. Die ersten Kühlschränke in den USA (1930er-Jahre) sahen wie Maschinen aus. Das Kühlaggregat thronte bei manchen obenauf, wanderte aber auf die Hinterseite. In Europa kleidete man die frühen Modelle mit Holz oder Metall aus. Erst mit der Kunststoffausstattung kamen Fächer in die Innentüren.

(kurier) Erstellt am
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