Genuss
15.12.2017

Ana Roš: "Es war ein hartes Jahr"

Spitzenköchin Ana Roš erzählt im Interview, wie sich ihr Leben nach der Kür verändert hat.

Nie wird Ana Roš den 24. Jänner 2017 vergessen, als die Welt erfuhr, dass die slowenische Spitzenköchin mit dem Titel "Beste Köchin der Welt" gekürt wurde. Die 44-Jährige kochte an diesem Tag im italienischen Alta Badia auf, aber das Handy wollte nicht aufhören zu vibrieren: "In dieser Situation konnte ich nicht alleine sein – ich holte mir einen Champagner und bat eine Freundin, ein paar Stunden bei mir zu bleiben." Im Gespräch mit dem KURIER zeigt sich Roš, die auf Einladung der slowenischen Botschaft auf Wien-Visite war und Haubenkoch Konstantin Filippou einen Besuch abstattete, schüchtern und zurückhaltend. Was sie damals gefühlt hat? "Ich war glücklich, aber ängstlich."

Mein Geheimrezept ist Regionalität, Saisonalität und Persönlichkeit.

Die Jury hatte ihre Wahl unter anderem mit ihrer Präzision, Vorstellungskraft und Liebe für Details begründet. Oft wird der Kochstil der Autodidaktin als Melange von italienischen und österreichischen Einflüssen beschrieben. Roš muss schmunzeln: "Ich würde mich gar nicht als genau bezeichnen: Mein Geheimrezept ist Regionalität, Saisonalität und Persönlichkeit. Die Nähe zum Meer spiegelt sich in meiner Handschrift wider."

Bereits ein Jahr vor der Kür durch das britische Magazin Restaurant hatte sich ihr Leben dramatisch verändert – Millionen Zuseher fanden durch die Netflix-Dokureihe "Chef’s Table" Gefallen an der Karriere der zweifachen Mutter. Seitdem fühlt sich ihr Leben wie eine Achterbahn an, sie habe damals nicht gewusst, wie viele Tageszeitungen und Koch-Shows es auf der Welt gebe.

Karriere wie im Film

Der Lebenslauf der Spitzenköchin könnte aus der Feder eines Drehbuch-Autoren stammen: Als Siebenjährige startete sie eine Ski-Karriere für das damalige Jugoslawien, die sie mit 18 beendete. Die Liebe zum Sport brachte sie zum Tanzen, allerdings musste sie die Tänzer-Karriere verletzungsbedingt bald wieder beenden. Schließlich studierte Roš – der Vater Akademiker, die Mutter Journalistin – Diplomatie. Das Sprachtalent heuerte im slowenischen Außenministerium an und ergatterte einen renommierten Job in der Europäischen Kommission.

Kurz vor Job-Antritt lernte sie ihren heutigen Mann Valter Kramar kennen, der aus einer Gastronomen-Familie stammt. Die junge Diplomatin entschied sich für ein Leben mit ihm in Kobarid (Karfreit), ihre Eltern zeigten sich schockiert und ihr Vater wollte für lange Zeit kein Wort mehr mit ihr sprechen. Im Hiša Franko arbeitete die Quereinsteigerin zunächst als Servicekraft. Als der Posten des Küchenchefs frei wurde, nahm die Autodidaktin ihre Chance wahr.

Glückliche Kinder, die nicht helfen müssen

Sie erlaubt sich keinen freien Tag, sie arbeitet sieben Tage die Woche: "Es war ein hartes Jahr." Die Köchin wirkt erschöpft, über neue Projekte will sie noch nicht sprechen, aber ein Ziel hat sie: "Unser Restaurant muss nicht größer werden – unser Restaurantbetrieb muss professioneller werden, es hängt zu viel an meiner Person."

Meine Kinder sollen Kinder bleiben.

Wie sie das alles schafft? "Die Kraft schöpfe ich aus dem Sport, jeden Tag gehe ich 75 Minuten laufen oder mache Yoga. Und ich bekomme durch meine Kinder Energie." Noch zeigen ihr 14-jähriger Sohn und ihre 13-jährige Tochter keine Ambitionen, die Leidenschaft ihrer Eltern zu teilen. "Das sollen sie auch nicht, das wäre ein falsches Verständnis von einem Familien-geführten Restaurant. Meine Kinder sollen Kinder bleiben. Hin und wieder helfen sie mit, aber das machen sie, wenn sie mit mir Zeit verbringen wollen."

Ana Roš wurde am 31. Dezember 1972 im slowenischen Šempeter pri Gorici geboren. Gemeinsam mit ihrem Mann Valter Kramar, ein bekannter Sommelier, leitet sie das Hiša Franko: Das Restaurant mit einigen Gästezimmern, ein altes Gebäude aus dem Jahr 1860, befindet sich eine Stunde von Arnoldstein und drei Kilometer von Italien entfernt. Heute gehört das Restaurant zu den wichtigsten Adressen im Alpenraum. Das 6-Gang-Menü kostet 85 Euro, das 11-Gang-Menü 120 Euro.

Info: Staro selo 1, 5222 Kobarid, Mi, Do, Fr 19-23 Uhr, Sa, So 12-16 Uhr und 19-23 Uhr, nur mit Reservierung www.hisafranko.com