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freizeit Wohnen & Design
01/11/2020

Avocado und Dackel? Kitsch ist wieder in - die Trends fürs Wohnzimmer

Knallige Farben und aufregende Entwürfe bringen 2020 überraschend viel Extravaganz in den Wohnraum.

von Julia Beirer

Riesige Ameisen krabbeln die Wände hinauf, über dem Esstisch leuchten Hanteln und am Sofa bietet eine Berglandschaft eine überraschend weiche Rückenlehne. Designer, Interieur-Experten und Architekten wissen: Der Kitsch zieht ein und wird so schnell auch nicht verschwinden. Im KURIER-Gespräch erklären die Experten, wie die bunten und extravaganen Stücke perfekt in Szene gesetzt werden.

„Die Nachfrage nach schrulligem Design ist groß. Die Leute wollen weg vom puristischen Stil und sind auch bereit, Geld dafür auszugeben“, sagt Mimi Hofmann. Mit ihrer Kollegin Angelika Harrer betreibt sie Répertoire, ein Geschäft in Wien für „schöne schräge Sachen“.

Eine zentrale Rolle spiele auch die Nachhaltigkeit. „Wenn Produkte in China produziert werden, rümpfen unsere Kunden die Nase“, fügt Angelika Harrer hinzu. Da nütze die ganze Extravaganz nichts.

 

2014 war die Ananas als schmuckes Accessoire nicht wegzudenken 

2015 folgte der exotischen Frucht ein exotischer Vogel: der Papagei 

2016: Vor rund vier Jahren eroberte mit dem Mops ein Vierbeiner den Wohnraum

Er wurde aber 2017 vom gefiederten pinken Flamingo abgelöst 

2018: Mit dem Einhorn ist erstmals ein Fantasie-Geschöpf eingezogen

Der Fuchs erfreute sich bis vor kurzem großer Beliebtheit  ...

... musste sich ab Sommer 2019 aber der Avocado geschlagen geben ...

... bis der farbenfrohe Regenbogen den Wohnraum erobert hat 

2020 bleibt es mit dem Blatt der Monstera ganz natürlich ...

... und so fügt sich auch der derzeitige Dackel-Trend gut ein 

Der Dackel als Statement

Die auffälligen Stücke nehmen nicht den gesamten Wohnraum ein, sie setzen vielmehr ein Statement – und müssen eine Funktion erfüllen. Die Geschäftsinhaberinnen sind sich einig: Kunstobjekte allein genügen nicht. Dem stimmt auch Architektin und Bloggerin Andreea Cebuc zu. Passend zum kitschig-bunten Trend ortet sie ein Comeback der Stilrichtung Memphis Milano.

Was ist Memphis Milano?

In den 1980er Jahren hat eine Designergruppe um Ettore Sottsass in Mailand eine Gegenbewegung zur damaligen Designkultur gebildet. Das Ziel: Form statt Funktion in den Mittelpunkt des Entwurfs zu rücken, und zwar so farbenfroh und spielerisch wie möglich.

Entstanden sind Stücke wie gewellte, rosafarbene Wandspiegel und Bücherregale, dessen grün, gelb, blau, rot und orange Fächer sich in alle Himmelsrichtungen strecken.

Andreea Cebuc: „Derzeit orientieren sich viele junge Labels an Memphis Milano.“ Darunter auch die Wiener Designerin Doris Zaiser-Grossauer. Sie entwirft unter dem Namen Doris Darling Leuchten in Form von Hanteln. Bereits der Prototyp der „Super Strong Lamp“ war 2012 ein großer Erfolg auf der Möbelmesse in Mailand.

 

Damit ist der Designerin der internationale Durchbruch gelungen. Derzeit wird die ausgefallene Leuchte im „Corning Museum of Glass“ in New York – und damit dem größten Glasmuseum der Welt – ausgestellt.

Instagram ist wichtiger Trendfaktor

Treiber des opulenten Designs sind laut Andreea Cebuc auch soziale Medien. „Hotels und Shops müssen sich auf Instagram gut vermarkten“, weiß die Expertin. Aktuell richtet sie auch für zwei Klienten Apartments ein, die für Urlauber über Onlineplattformen gebucht und dadurch auf Fotos stylisch und modern präsentiert werden müssen. Die Inhaber wissen: Gut inszeniert vermieten sich diese Wohnungen fast von selbst.

Aber auch die eigenen vier Wände werden gern in den sozialen Medien gezeigt, geteilt und von anderen (hoffentlich) geliked. Damit das gelingt, sind der Mops-Polster, die Fuchs-Tasse und der Avocado-Salzstreuer präsent im Wohnzimmer – und am Foto.

Wie bunte Stücke kombinieren?

Wer auf den bunten Geschmack gekommen ist, sollte langsam beginnen. „Ein grünes Sofa mit orangen Kissen und violetter Decke gefällt mir zwar sehr gut, kann Farbanfänger aber überfordern.“ Andreea Cebuc rät zu kleineren Akzenten. Auffällige Vasen, knallige Kissen und kleine Dekostücke sind ein guter Start. Regeln gibt es laut Cebuc aber keine. Stattdessen gilt: Erlaubt ist, was gefällt.
Designer Sebastian Menschhorn geht sogar noch einen Schritt weiter und appelliert zu mehr Mut: „Scheiß drauf, wenn es anderen nicht gefällt. Hör auf deinen Bauch. Die Einrichtung soll Freude bereiten.“

Dementsprechend ist die Form für den Wiener Designer zwar vorrangig, Memphis Milano ordnet er seinen Stil aber nicht zu. „Dieser Stil ist verspielt und hat gezeigt, dass es mehr gibt als Funktion.“ Der Mensch ist also nicht nur zum Funktionieren da. „Die Memphis Milano-Entwürfe sind aber manchmal beliebig und das ist nicht mein Ding“, sagt Sebastian Menschhorn.

Genauso wenig, wie feste Regeln für die Einrichtung vorzuschreiben. „Wohnen ist etwas Lebendiges. Deshalb ist ein Raum nie fertig, sonst ist er leblos, “ sagt der Designer, während er auf drei kleine gelbe Kreise blickt, die von der Wand leuchten. Seine „Laune-Optimierungspunkte“ bereiten ihm Freude, wann immer er darauf blickt. Menschhorn: „Freude und Funktion in einem Entwurf zu vereinen ist das Ideal.“

KURIER: Was halten Sie von den aktuellen Wohntrends?

Sebastian Menschhorn: Eine Studie zeigt spießige Einrichtung mit deprimierender Wärme bis in die 80er. Ab der Jahrtausendwende ist es eiskalt geworden. Klar, reduziert, minimalistisch in Grau, Beige oder gar keiner Farbe. Jetzt ist Farbe voll da und das ist wichtig.

Ab wann ist es zu viel des Guten?

Design soll Freude bereiten und Eleganz ist überbewertet. Was nützt mir Eleganz, wenn ich keinen Spaß habe.

Was ist Ihr Designansatz?

Storytelling bringt emotionalen Mehrwert. Mit dem Sofa Batiki (Bild links) war die Idee einen Mikro-Urlaub zu kreieren. Die Farbe ist türkisblau wie das Meer und die Form bildet eine Landschaft, die an Reisterrassen erinnert. Es sollte exotisch und so weit weg wie möglich sein. Wer hier sitzt und einen Kaffee trinkt, kommt zu sich und erlebt einen Mini-Urlaub. Das ist anders als stehend aus einem Becher zu trinken, den man dann wegschmeißt. Das ist auch ein Zeichen von Selbstachtung.

Das müssen Sie erklären.

Objekte sind mehr als die Funktion, die sie erfüllen. Sie kreieren ein Umfeld und einen Effekt. Trinke ich meinen Kaffee aus Porzellan, das ich später von Hand abspülen muss, bin ich mir das wert. Den Pappbecher werfe ich weg. Heutzutage muss alles abwaschbar, abwischbar und praktisch sein. Aber fühlt man sich mit den Produkten wohl? Wir sind sinnliche Wesen, die sinnliche Freude brauchen. Wenn wir uns das nehmen, berauben wir uns. Alles geht schneller, aber zu einem hohen Preis.