Tyler Brûlé ist internationaler Trendexperte und gefragter Vortragender auf Konferenzen

© Monocle

Interview
03/07/2021

Trendexperte: „Privatheit ist der Luxus der Zukunft“

Tyler Brûlé glaubt an ein Comeback in Sachen Reise und Konsum. Aber es könnte sich die Art verändern, wie wir damit in sozialen Medien umgehen.

von Marlene Auer

Zeiten wie diese sind sehr ungewohnt für Tyler Brûlé. Der bekannte Globetrotter und Herausgeber des Kosmopoliten-Magazins „Monocle“ reist normalerweise die Hälfte des Jahres rund um die Welt, spricht auf Konferenzen über die Trends der Zukunft. Auf seine Meinung vertrauen Experten der Hotellerie, Reisebranche und des Lifestyle-Sektors. Vereinzelt unternimmt er derzeit grenzüberschreitende Reisen, im Vergleich zu früher ist die Anzahl der Trips aber stark reduziert.

Die Freizeit erreicht ihn telefonisch, als er gerade von Bern kommend mit dem Zug in St. Moritz in der Schweiz ankommt, wo dieser Tage normalerweise das legendäre Snow Polo auf dem zugefrorenen See über die Bühne geht. Prominente und royale Gäste aus aller Welt tummeln sich dort jedes Jahr auf den Rängen und in den beheizten Zelten. In diesem Jahr bleibt es aber ruhig.

Das Reisen gehört normalerweise zu Ihrem Alltag, wie sehr vermissen Sie es?

Tyler Brûlé: Ich beginne langsam, es als normal zu empfinden, und ich vermisse die Langstreckenreisen nicht wirklich. Was sich aber herauskristallisiert ist, wie stimulierend das frühere Leben war – besonders wenn man etwa in Städte wie Helsinki schaut, wo das Leben bereits in viel mehr Bereichen weitergeht, Restaurants und Handel geöffnet sind und Menschen ins Büro gehen, um zu arbeiten. Es ist nahe dran am ,alten’ Leben vor etwa einem Jahr, an das wir uns erinnern. Natürlich kann man per Telefon und Video in Kontakt sein, aber es ist nicht zu vergleichen mit persönlichem Kontakt – wenn man etwa in einem Lokal geschäftlich miteinander zu Abend isst und nach dem Austausch viele Ideen hat. Das ist, was ich mehr vermisse und hier belebt das Reisen.

Derzeit wird vom Reisen aber abgeraten, um die Viren nicht zu verbreiten. Es haben sich Begriffe wie „Flugscham“ und „Reisescham“ breit gemacht. Schämen Sie sich?

Nein, überhaupt nicht, ich breche damit ja kein Gesetz. Und vor Covid gab es diese Debatte ja auch schon, damals ging es, was das Fliegen betrifft, um Klimaschutz. Da spielt ein bisschen Scheinheiligkeit mit. Denken wir etwa an eine simple Debatte: In Sachen Energie ist alles, was elektronisch erzeugt wird, großartig – aber in vielen Ländern muss man Kohle verbrennen oder nicht erneuerbare Ressourcen verwenden, um Energie herzustellen. Ich denke, wir alle sollten uns hier beruhigen. Die Wirtschaft muss weiterlaufen. Und wo kommen wir hin, wenn es nicht möglich ist, zu einem kranken Familienmitglied zu fliegen wegen der Quarantäne? Das Gleiche gilt für Geschäftsreisen: Niemand sollte sich schämen müssen, für ein Meeting in ein anderes Land zu reisen.

Manche würden hier entgegnen, dass das notwendige Anlässe sind. Urlaubsreisen fielen hier nicht hinein, zuletzt gab es eine breite Debatte um Influencer, die das schöne Leben in Dubai präsentierten.

Ja, aber was soll falsch daran sein, wenn Menschen jetzt auf die Malediven fliegen. Ist da ein Gesetz, das das verbietet? Nein. Die Fluglinien haben Vorkehrungen getroffen, damit die Flugzeuge sauber sind. Es geht um Freiheit und um Selbstverantwortung. Ich bin erstaunt, wie konform die Welt war, diese Kriterien zu verlieren, für die wir doch als Menschen jahrzehntelang gekämpft haben. Ich glaube, hier braucht es eine Korrektur. Natürlich kann man Dinge immer verbessern. Aber es fehlen ein paar Basisfakten: Kann man wirklich wissen, ob das Sitzen in einem Schanigarten bei einem Kaffee so gefährlich ist? Im Gegensatz zur Gefahr, die Sessel hochzustapeln und die Städte unglaublich traurig aussehen zu lassen?

Der Tourismus hat früher Städte belebt, wird er wiederkommen?

Ja, und das früher als die Geschäftsreisen, bei denen Firmen zögern, Mitarbeiter auf Reisen zu schicken, solange es Schwierigkeiten geben könnte. Aber es wird teurer werden. In den nächsten zwei Jahren werden Anbieter so viel verlangen, wie sie nur bekommen können, um das Defizit aufzuholen. Es werden wohl auch nicht alle Billigfluglinien in der Form weiterexistieren wie bisher. Dann werden alle Luft holen und darüber nachdenken, und es wird wohl zu einer Art Korrektur kommen.

Und bis dahin? Weil das Reisen vor der Pandemie günstig war, konnten sich mehr Menschen Urlaube leisten, die Fluglinien haben mit Preisdumping gearbeitet, auch für Kurztrips über das Wochenende. So ist Reisen für viele leistbarer Lifestyle geworden.

Viele würden das Gegenteil sagen. Viele glauben, wir könnten auch digital reisen und in der Jogginghose mit dem Aufsetzen einer Virtual-Reality-Brille Urlaub machen – dazu ein Thai-Gericht bestellen und glauben, in Phuket zu sein. Wir sehen also auch hier: Es gibt viele, die versuchen mit solchen Dingen Profit zu machen und die Diskussion zu steuern, dass diese Art des Reisens ja besser für die Umwelt sei.

Das digitale Reisen kann aber sicher nicht so intensiv sein wie das echte Erlebnis.

Ich sehe das auch so, aber ich bin überrascht wie viele intelligente Menschen tatsächlich glauben, weiterhin ihre Geschäfte so führen zu können, ohne einander in Realität zu erleben.

Das Reisen ist zudem für viele wichtig, um ihren Lifestyle zu präsentieren. Die Influencer, über die wir zu Beginn gesprochen haben, sind beispielgebend dafür. Auf Instagram zählt der Hashtag „happy life“ mehr als 13 Millionen Einträge. Sie selbst sind sozialen Medien gegenüber skeptisch eingestellt. Wieso?

Für viele macht das Sinn, ich halte es für nicht notwendig in meinem eigenen Leben. Das Präsentieren des Glücklichseins als Indikator für ein erfolgreiches Leben kann sehr stressig sein. Wir erleben zudem, wie sich die Art der Postings verändert: Es wird mehr Privates gezeigt, viele Backstage-Einblicke wie etwa Bilder eines Supermodels vor der Show. Das könnte sich ändern.

Inwiefern?

Privatheit ist der Luxus der Zukunft, der Luxus der Stille. Gerade weil wir derzeit zwischen Videokonferenzen und digitalen Meetings hin- und herspringen, wird sich eine Sehnsucht nach Ruhe breit machen.

Dabei haben wir im Lockdown vermeintlich genug Ruhe erlebt. Bis dahin dachten viele, Zeit ist der wahre Luxus. Ist es normal, dass wir etwas wollen, das wir gerade nicht haben?

Ja, das ist das alte Spiel. Wenn das normale Leben wieder anläuft, werden wir den Luxus der Privatheit suchen, abseits von sozialen Kanälen. Das Leben in echt.

Welche anderen Bereiche des Lebens könnten sich noch verändern?

In unserem Miteinander nicht viel. Als die Pandemie ausbrach, schüttelten wir keine Hände, es gab keine Umarmungen. Das war seltsam für viele in unserer Kultur, doch im Sommer – als die Infektionszahlen sanken – war keine Spur mehr davon. Vieles ist anders derzeit, aber es wird nicht bleiben.

Gilt das auch für den Handel und die Kultur? Manche meinen, wir könnten konsum- und kulturmüde werden, je weniger wir davon haben.

Nein, wir werden wieder zum alten Leben zurückfinden. Ich glaube, es kommt zu einem Comeback in all diesen Bereichen. Schlussendlich auch im Overtourism. Wir müssen lernen, Lösungen dafür zu finden.

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