freizeit
11.08.2018

Rügen, Usedom: Hitzeflucht an die Ostsee

Prächtige Villen, Strandkorbidylle, eine steife Brise, die erfrischende Ostsee. Rügen und Usedom sind ein ideales Ziel auf der Flucht vor der Hitze.

Der Wind  bläst kräftig und treibt die finsteren Wolken über den Himmel, die Menschen, die auf der Seebrücke des Ostseebades Binz auf Rügen zur Schiffsanlegestelle gehen, haben ihre warmen, wattierten Jacken angezogen und stemmen sich gegen die steife Brise. Das Boot, das sie zum Kap Arkona mit den beiden nebeneinander stehenden, ungleich großen Leuchttürmen bringen soll,  krängte schon  beim Anlegemanöver beachtlich und der Kapitän hat sich noch nicht entschieden, ob er überhaupt ablegen wird.

Schlechtwetter nicht für alle

Schlechtwetter also auf Deutschlands größter Insel? Keineswegs. Oder zumindest nicht für alle. Nur hundert Meter weiter springen drei junge Frauen über die Dünen, entledigen sich bei einem der gelb-grün gestreiften Strandkörbe ihrer Oberbekleidung und stürzen sich im Bikini ins Wasser, bis sie in den brechenden Wellen verschwinden. Ein Hochsommertag in einem der schönsten Ostseebäder eben. Eine Viertelstunde  lang tollen die drei lachend und prustend in den Wellen. Vielleicht auch  nur deshalb, weil das Wasser mit 19 Grad doch wärmer als die Luft ist und sie sich nicht heraus trauen. Wer ihnen zusieht, zieht den Zipp seiner Jacke bis unters Kinn zu.

 

Aber kaum zeigt sich die Sonne und lässt der Wind ein bisschen nach, füllt sich der Strand und die Menschen wuseln durch den Sand, um sich den Frischekick im hohen Norden Deutschlands zu geben. Das perfekte Kontrastprogramm zum Schwitzen an der Adria. Die eleganten Villen, gebaut um 1900 im typischen Stil der Bäderarchitektur, haben die DDR-Zeiten überstanden. Preußens Glanz und Gloria ist wieder da. Die  filigran verzierten Giebel,  Veranden und Freitreppen   leuchten  wieder strahlend weiß. Und der Rasende Roland, eine dampfgetriebene Schmalspurbahn, die 1895 ursprünglich als Rübenexpress Feldfrüchte zum Markt nach Stralsund transportierte, bringt heute die Touristen auf verkürzter Strecke von einem Ort zum anderen. Er verkehrt zwischen Putbus, Lauterbach und den Seebädern Binz, Sellin, Baabe und Göhren. Die lauten Pfiffe, gefolgt von schwarzen Rauchschwaden zeigen an, wann der Zug angepfaucht kommt.

3 slides, created on 08/Aug/2018 - 15:00:56

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Filigrane Holzverzierungen

Strahlend weiß

oder Fachwerk: Typische Bäderarchitektur

Das krasse Gegenteil zur verspielten Villen-Strandidylle  ist der Prora-Komplex, ein kurioses und beklemmendes  Relikt aus der Nazizeit. Ursprünglich war  der Koloss von Rügen 4,5 Kilometer lang. In dem  einstigen Kraft-durch-Freude-Seebad  sollte sich der deutsche Arbeiter erholen, es blieb allerdings beim Rohbau. Er wurde erst in der DDR-Zeit zur monumentalen Kaserne, heute steht Prora unter Denkmalschutz und es entstehen nach und nach Wohnungen, Hotels und Ferienanlagen.

Gorch Fock schrieb Geschichte

Geschichte hautnah hat auch die Hansestadt Stralsund zu bieten, der man sich von Rügen aus über die 2.831 Meter lang Strelasundbrücke annähert. Im alten Hafen mit seinen roten Ziegel-Lagerhäusern liegt die Gorch Fock I vor Anker. Der 1933 vom Stapel gelaufene Dreimaster war deutsches Schulschiff, ehe er 1945  versenkt wurde. Die Hängematten der Besatzung, die Segelwerkstätte und die Kajüte des Bordarztes – mit einer Bibel auf dem Kopfpolster des Krankenbetts und einem Holzhammer als „Narkosegerät“ – vermitteln, wie das Leben auf der 82 Meter langen Bark, auf der der Offiziersnachwuchs ausgebildet wurde, ablief.

Das Leben unter Wasser sieht man im Ozeaneum, dem 2008 erbauten Meeresmuseum, dessen Form an das geblähte Segel eines Schiffes erinnert. Haien beim Schwimmen zusehen, den Gesängen der Wale lauschen. In Stralsunds Altstadt zeugen die  prächtigen Bauten im Stil der norddeutschen Backsteingotik von Wohlstand und Macht der Hansestädte. Das Rathaus am Alten Markt, mit seiner mit Rosetten und Giebeln verzierten Fassade hinter der  genau nichts ist. Nur gebaut, um zu zeigen, dass man es sich leisten kann.  Wie gut die Kaufleute des Hansebundes wirtschafteten, ist auch in den prächtigen Innenstädten von Rostock, Wismar oder Greifswald an jeder Ecke spürbar. Weniger nobel ging es einst in den schmalen verwinkelten Gässchen dahinter zu. Eines dieser Gässchen in Stralsund war so finster und eng, dass man ihm den Namen „Arschkerbe“ gab. Heute ist es längst umgetauft – in Jacobichorstraße – doch die Figur eines Buben, der die Dachrinne hochklettert und dabei dem Betrachter das Hinterteil zuwendet, erinnert an den einstigen Namen.

Die Heimat von Flugpionier Lilienthal

Auf Rügens Nachbarinsel Usedom, direkt an der Grenze zu Polen gelegen, ist an schönen Sommertagen an den Stränden kaum ein Plätzchen frei. Auch hier schützen Strandkörbe vor dem frischen Wind und auch hier ist der Salzgehalt – im Gegensatz zur Nordsee – durch das viele Süßwasser, das aus den Flüssen in die Ostsee fließt, ganz gering. Brackwasser eben.
Die Insel ist Geburtsort von Flugpionier Otto Lilienthal, der den ersten „Segelapparat“ entwickelte. Und in Peenemünde, am nördlichsten Zipfel Usedoms, ließ Hitler den Physiker Wernher von Braun an neuen Waffensystemen forschen. Dass hier das Hightech-Zentrum und die Raketenschmiede der Nazis stand, ist heute zum Glück nicht mehr erkennbar. Die Sowjets sprengten die Anlagen nach Kriegsende. Dafür hinterließen sie der Stadt ein Relikt, das im Hafen weithin sichtbar ist: Juliett

U-461, das größte dieselbetriebene U-Boot der Welt. Während sich heute Touristen durch die Luken von Sektion zu Sektion des einst raketenbestückten Monsters zwängen, verbrachten bis 1994 rund 80 Soldaten Wochen, ja Monate unter Wasser, ehe sie ölverschmiert und nach Diesel stinkend wieder herausklettern durften. Bis 1994 war das Boot in sowjetischen Diensten, danach dockte die Juliett als Museumsschiff in Peenemünde an.
Natürlich gibt es auch auf Usedom, Rügens kleinerer Schwester, hübsche  reetgedeckte Häuschen mit bunten Blumenvorgärten, strahlend weiße  Bädervillen, endlose Sandstrände mit Strandkörben, die erfrischende  Ostsee. Und nur selten, ganz selten, Temperaturen jenseits der 30 Grad, an die wir uns in diesem Sommer schon beinahe gewöhnt haben. Also dann doch lieber einmal Ostsee-Wellenbad und danach huschhusch ins Strandkörbchen oder auf ein Fischbrötchen mit salzigem Bismarck-Hering und ein Störtebeker-Pils  mit Köm*.
*Kümmelschnaps

7 slides, created on 09/Aug/2018 - 13:39:00

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Reetgedeckte Häuschen 

Backsteingotik

Die dunkle, enge Gasse hieß früher "Arschkerbe"

Fassade mit nix dahinter: Demontration des Hanse-Reichtums

Alter Markt in Stralsund

Segeln vor historischer Kulisse in Rostock

Der "Rasende Roland" auf Rügen

 

Tipps

SCHLAFEN
STRANDHOTEL BINZ, Rügen
Tolle Lage, geräumige Zimmer direkt an der Strandpromenade mit Blick auf die Bucht. DZ/Frühstück ab 179 €.
www.strandhotel-binz.de

WASSERSCHLOSS MELLENTHIN, Usedom
Renaissanceschloss mit modernem Hotelzubau und Spa. DZ /Frühstück ab 118 €.
www.wasserschloss-mellenthin.de

ROMANTIK HOTEL SCHEELEHOF, Stralsund
Historischer Backsteinbau in der Altstadt, drei Minuten vom Hafen (Bild u.).
DZ/Frühstück ab 119 €.
www.scheelehof.de

NICHT VERSÄUMEN
ROBBENEXPEDITION
Die Robben sind  in die  Ostsee zurückgekehrt. Beobachtungsfahrt in den Biosphärenpark Südost-Rügen.
www.weisse-flotte.de
U-BOOT JULIETT U-461
Besichtigung im Hafen von Peenemünde.
www.u-461.de
STÖRTEBEKER FESTSPIELE
Sommerspektakel auf der Naturbühne  in Ralswiek, Rügen, mit Geschichten um den Piraten Klaus Störtebeker.
https://stoertebeker.de