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freizeit Reise
01/12/2020

Von Kloschlapfen, Plastikessen und Radiosport: Japan für Anfänger

Wer die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio besucht, sollte sich vorab mit den Eigenheiten der Japaner vertraut machen. Überrascht wird man dann immer noch genug.

von Caroline Kaltenreiner

Eine Fahrt mit der U-Bahn in Tokio ist (auch für Touristen) ein effizienter Weg, um von A nach B zu kommen. Und sie lässt tief in die Seele der Japaner blicken. Grundehrliche Leute sind das: Jeder muss beim Betreten und Verlassen der Station sein Ticket durch eine Maschine laufen lassen, nur: Der Schranken ist sowieso immer offen. Käme aber keiner auf die Idee, einfach durchzumarschieren. Handtaschen sind sperrangelweit offen, Smartphones stecken gerade so drinnen, dass es ein Leichtes wäre, sie rauszuziehen. Tut halt keiner. Betritt eine ältere Person die U-Bahn, wird sofort Platz gemacht, selbst, wenn es noch genug gibt. Sofern nicht alle schlafen. In der U-Bahn zu schlafen, scheint Volkssport zu sein. Auch im Stehen.

Eine gute Gelegenheit, genauer hinzuschauen: Modisch gesehen sind die Frauen stylisch unterwegs, aber dezent und in Einheitsfarben. Die Kleidung ist in Beige, Grau und Schwarz gehalten. Lediglich beim Schuhwerk zeigen manche ihre „verrückte“ Seite. Glitzer und Strass in enormen Auswüchsen dürften in Tokio gerade der letzte Schrei sein – oder der stille Ausbruch aus der öden Normalität.

Apropos verrückt: Beim Einfahren in eine U-Bahn-Station kann es passieren, dass Töne erklingen, als wäre man in einem Videospiel gefangen und hätte das nächste Level erreicht. In den Stationen gibt es Vogelgezwitscher vom Band. Weiß der Kuckuck, warum.

Dass hier die Uhren anders ticken, fällt schon kurz nach dem Verlassen des Flughafens auf: Auf einer Baustelle stehen die Arbeiter in Formation für gemeinsamen Morgensport. Hat nichts mit den Olympischen Spielen diesen Sommer zu tun. Rajio taiso, also Radiogymnastik, ist das – die kollektive körperliche Vorbereitung auf die Arbeit. Man müsste es an dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht mehr extra erwähnen, aber: Die Japaner sind höflich. Noch bevor Fremdenführerin Mitsu mit ihrer Darbietung über Land und Leute, Geschichte und Gegenwart beginnt, singt sie eine Lobeshymne auf Österreich. Sie schwärmt von der Wiener Oper, von Strauss, von der Kultur und natürlich von Sachertorte und Schnitzel. Wirklich ausgesprochen höflich.

Dann geht’s direkt nach Nikko, wo Mitsu ihre Gruppe schnellstmöglich von einem Tempel zum nächsten Schrein bringt – es gilt, keine Zeit zu verlieren. „Viel los?“ Mitsu lacht: „Das ist doch noch harmlos!“ Nikko ist ein hervorragendes Beispiel für die Religionsfreiheit in Japan, wie die betagte Reiseführerin in perfektem Deutsch erklärt, während sie die Reisegruppe zwischen all den Schulklassen die Anlage hinauf schiebt.

Gängig ist eine Mischung aus Shintoismus (die Verehrung von Natur, Ahnen und Mythologie) und Buddhismus – „eine Religion für das Leben und eine für danach“. Bewundert werden neben den reich verzierten und wunderschönen Anlagen auch der Klimbim, den es an jeder Ecke zu kaufen gibt. Talismane gegen Verkehrsunfälle, für eine gute Geburt, für eine schöne Hochzeit oder gegen Prüfungsangst. Für ein paar Yen kann man sich so gut wie gegen alles wappnen.

Japaner sind nicht laut, selbst in Tokio, in dem (ohne Außenbezirke!) mehr Menschen leben als in Österreich, ist es in der U-Bahn relativ still und auch auf der Straße herrscht kein Wirbel, außer es fährt ein Lkw vorbei, der die neuesten Lieder einer japanischen Band ankündigt. Kann ja auch keiner gut schreien mit Mundschutz. Ursprünglich wurde er von Kranken benützt, um die anderen nicht anzustecken, heute könnte man meinen, die halbe Stadt wäre krank. „Er dient auch dazu, sich in der Menge zu verstecken“, erklärt Japanerin Chigi und dann gibt’s natürlich auch Angst vor Keimen.

Diesbezüglich kann ein Fauxpas im Restaurant passieren. Bevor man sich an den Tisch setzt (entweder gleich am Boden oder an einen im Boden versenkten Tisch), hat man die Schuhe auszuziehen. So natürlich es anmutet, in die Schlapfen, die in der Garderobe parat stehen, zu schlüpfen, so entsetzt blicken die Japaner, wenn man sich damit Richtung Tisch bewegt. Denn die Treter sind dem Toilettengang vorbehalten und haben in der Nähe der Speisen nichts verloren.

Alles schön niedlich

Alles, was in Lokalen angeboten wird, steht in der Plastik- oder Wachsvariante im Schaufenster. Die Japaner haben eine eigenartige Vorliebe für Chawamushi – der Eierstich wird immer und in allen Variationen serviert. Wer sich mittags eine Suppe in einer Ramen-Bar bestellt, isst sie schnell und geht ebenso wieder, und Running Sushi hat nichts mit einem All-you-can-eat-Buffet zu tun.

Die Speisen haben je nach Wertigkeit eine andere Tellerfarbe, die Teller werden vor einem gestapelt und danach wird abgerechnet. Die Tendenz, immer alles zu verniedlichen (auch ein Ausbruch aus dem genormten Leben?), erreicht auch Speisen, insbesondere die Desserts werden gerne verziert oder als Figuren oder Tiere angerichtet.

Da wir gerade von Tieren und Lokalen sprechen: Dass es in Japan Katzencafés gibt, wissen zwar viele, wie das ganze aussieht, aber wenige. Das Café bezieht sich nicht, wie oft geglaubt, auf heiße Getränke, Kellner oder Torten. Stattdessen kauft man halbe Stunden in einem Raum, in dem Katzen wohnen. Getränke gibt’s maximal aus dem Automaten. Wenn man Glück hat, lässt sich eine streicheln. Funktioniert auch in der Variante Eule oder Minischwein.

Als Europäer kennt man die Bilder aus den Medien: erwachsene Menschen, die in Manga-Marnier durch die Stadt gehen. Dieser Verkleidungsspaß nennt sich Cosplay und ist in Wahrheit nicht so verbreitet, wie man glaubt. Wer es dennoch sehen möchte, hat in den Tokio-Vierteln Ikebukuro, Nakano und Akihabara die besten Chancen.

Viel öfter sieht man Menschen in Kimonos: „Billig!“ rümpft Chigi die Nase. Denn die chinesischen und japanischen Touristen, die vor dem Fushimi Inari-Taisha Schrein nahe Kioto (und auch sonst überall) für Fotos posieren, tragen Leihware in minderer Qualität. „Einen Kimono schneidert man selbst aus echter Seide, oder es ist ein Erbstück, man trägt ihn in die Oper und nicht zum Sightseeing.“ Nicht mehr ganz so höflich, aber immer noch grundehrlich.

 

Anreise
ANA fliegt täglich zwischen Wien und Tokio/Haneda. Der Flug NH206 verlässt Wien um 11.50 Uhr und erreicht den stadtnahen Tokioter Flughafen Haneda am Folgetag um 6.55 Uhr lokaler Zeit. ana.co.jp/de

Austrian fliegt mehrmals wöchentlich non-stop von Wien nach Tokio/Narita. 

Einreise
Kein Visum notwendig

Währung Preisniveau
1 Euro = ca. 120 Yen, oft wird nur Bargeld akzeptiert. Japan ist zwar teuer (Hotels!), Sushi ist aber billiger als hierzulande und  Ramen-Suppen leistbar, der öffentliche Verkehr ist günstig, Alkohol teuer

Angebote
– Geführte Japan Rundreisen von Ruefa mit deutschspr. Reiseleitung z. B. „Best of Japan“ zu mehr als 20 Terminen ab  3.199 €/P.  für 11 Tage plus Zubringerflüge von österreichischen Flughäfen
– Individuelle Rundreise als Kombination von JR-Pässen und vorgebuchten Hotels z.B. als 18-tägige Rundreise Hotel/Bahn ab  2.043 €/P.  exkl. Flüge und Besichtigungen
– Buchung in Reisebüros oder 0800/200 400,  ruefa.at/japan

Auskunft
jnto.go.jp