Lechweg: Es war Liebe auf den zweiten Blick

Zwei Wanderer mit Rucksäcken überqueren einen Bach in einer grünen Berglandschaft.
Der Lechweg begleitet einen der letzten Wildflüsse Mitteleuropas und führt den Wanderer durch ein Panorama all der Natur- und Kulturlandschaften, die der Alpenraum zu bieten hat. Von überall nimmt man ein paar Geschichten und Gedanken auf diese langsame Reise mit.

Nein, ich muss zugeben, richtig überwältigend war die erste Begegnung  nicht. Holt man als bergverliebter Großstädter Wanderschuhe und  Rucksack heraus, hat man ja oft schon das große alpine Drama im Kopf (merke: je mehr Städter, desto Drama). Wenn das Ganze noch „Lechweg“ heißt, also das Skidorado im Namen mitschwingt, dann fährt man mit kühnen Erwartungen hinauf ins Gebirge zwischen Tirol und Vorarlberg.

Doch plötzlich sitzt man im Postbus Richtung Formarinsee und stapft auf einem recht ausgetretenen Pfad die letzten Schritte zum Ausgangspunkt.  Rund um den  See ragen ehrfurchtgebietende Gipfel in den Himmel, doch    statt hinauf geht es bergab, wie der Lech eben fließt, hier oben, wo er seinen bescheidenen Ursprung als Gebirgsbach hat. Also  spaziert man statt schwitzend gipfelwärts gedankenverloren talwärts und hat damit reichlich Zeit und Muße, den Lech beim Plätschern und Gurgeln zu belauschen und dazu auf das Pfeifen der Murmeltiere zu achten.

Zeit und Muße, das ist  die erste überraschende Entdeckung, die man auf dem Lechweg macht – und es ist die Grundstimmung, die einen über die Tage begleitet. Natürlich  haben die Macher des Lechweg  Sehenswertes aus Natur und Kultur entlang der Strecke geschickt verknüpft.  Da gibt es die spektakuläre Hängebrücke  in der Nähe von Holzgau, auf der man in 110 Meter Höhe über eine Schlucht spaziert. In Holzgau selbst kann man „Lüftlmalerei“ entdecken, eine besondere Spielart barocker Pracht, die man in einem alpinen Dorf wohl nicht vermutet hätte.

Schwemmgebiet

Zwei Personen stehen auf einem Aussichtsturm mit Blick auf eine grüne Landschaft und Berge.

Ausblick auf eine Aulandschaft: Von der Aussichtswarte in Plach überblickt man das Schwemmgebiet des Lech und kann sich mit dem Fernglas auf Vogeljagd begeben.

Man kann Aussichtswarten erklimmen, etwa in Plach, und sich von dort aus mit dem Fernglas auf die Suche nach seltenen Vogelarten machen. Wem die Vogelsuche zu mühsam ist, der kann sich  in dem Anblick der Lech-Aulandschaft und des riesigen Schwemmgebietes, das der Fluss hier gestaltet hat, verlieren  – und  darüber nachdenken, was aus dem kleinen Gebirgsbach in ein paar Tagen Wanderung geworden ist. Magische Momente, wie jenen, wenn über dem Alpsee plötzlich das Märchenschloss Neuschwanstein auftaucht,   nimmt man mit Sicherheit für lange Zeit nach Hause mit.

Doch all das sind nur Augenblicke einer langen Wanderreise, die vor allem einmal daraus besteht, dass man einen Fuß vor den anderen setzt, einmal auf einem Waldweg,   einmal auf einer Almwiese und einmal auf dem Asphalt einer sonnendurchglühten  Landstraße. Manchmal kommt man ins Schwitzen, manchmal jammern die Knie, manchmal der Hintern, wenn sich eine glitschige Wurzel unerwartet in den Weg stellt.

Eine Karte, die eine Route von Schloss Neuschwanstein nach Lech zeigt.

Meistens aber geht man  einfach gelassen vor sich hin und die Gedanken gehen gelassen mit.    Ein paar von diesen Gedanken hat man ohnehin von daheim mitgebracht und hat jetzt Zeit, sie im Kopf kreisen zu lassen, ein paar klaubt man hier auf: Geschichten vom Bergvolk der  Walser, die im Mittelalter den Alpenraum  friedlich erobert haben, von den Sorgen der Wintertouristiker in Pandemie-Zeiten, von denen ein Wirt erzählt, von Goldfunden im Mittelalter und Bankrotten in der Neuzeit. Es gibt  viele Bilder und Geschichten mitzunehmen auf dem Weg vom Hochgebirge in den Allgäu. Und irgendwann ist der wilde Gebirgsbach in Beton eingesperrt und donnert über eine Staumauer, bevor er in Füssen zum anständigen Stadtfluss  wird. Einen langen Weg und viel Veränderung hat er jetzt hinter sich, der Fluss – und der Wanderer, der ihm gefolgt ist, ganz genauso.

Live im Interview: Vielwanderer Konrad Kramar im Gespräch über die Vielseitigkeit der heimischen Berge – bei der „Digitalen Ferien-Messe Wien Sommer Edition in Kooperation mit KURIER ReiseGenuss“ am 7. und 8. Mai. Alle Infos auf kurier.at/reise und ferien-messe.at

Drei Tipps

Eine Frau steht vor einer Destillerieanlage und erklärt den Prozess.

Der Lechtaler Haussegen ist weniger religiös als hochprozentig. Die vom Ehepaar Huber ambitioniert geführte Brennerei in Elbigenalp macht Edelbrände aus allem, was der alpine Raum zu bieten hat, und erklärt die Herstellung und „Geist und Seele“, die drinstecken, in Führungen durch die kühl-stylischen Räumlichkeiten. lechtaler-haussegen.at

Ein Wanderpaar geht durch eine malerische Stadt mit verzierten Gebäuden.

Barocke Kapriolen

Baukunst und Architektur gibt es an jeder Ecke entlang des Lechwegs zu entdecken. Immerhin kommt man ja an Schloss Neuschwanstein vorbei. Eine der überraschendsten dieser Entdeckungen ist das Dorf Holzgau mit seine „Lüftlmalerei“, einer Spielart des Spätbarock, die hier das Straßenbild prägt

Ein blauer Doppeldeckerbus fährt durch eine grüne Berglandschaft.

Busfahrt bergauf

Der mit Sicherheit bequemste Start für den Lechweg ist der Busshuttle von Lech zum Formarinsee. Der wegen seiner Schönheit sogar preisgekrönte Gebirgssee ist von dort nur noch ein paar Schritte entfernt. Dort oben entspringt der Lechweg und von dort kann man die Wanderung mit dem alpinen Panorama im Kopf auch in aller Ruhe angehen 

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