© Matthias Schickhofer

freizeit Reise
06/08/2020

Von der Au bis auf den Gletscher: Was ein Fluss alles zu erzählen hat

Der Iseltrail in Osttirol begleitet den letzten frei fließenden Gletscherfluss der Alpen von Lienz bis zu seinen Gletscher-Ursprüngen, immer begleitet vom Rauschen des Wassers.

von Konrad Kramar

Eigentlich ist er mir ja schon bei unserer ersten Begegnung unangenehm aufgefallen. Wir saßen auf der Terrasse des Grand Hotels in Lienz und wollten uns – wie das Wanderer eben so machen – über vergangene und zukünftige Heldentaten austauschen, doch er unterbrach uns ständig lautstark. Brauste und toste direkt hinter dem eleganten Hotel vorbei und klackerte zwischendurch mit einem Ast, den er vor sich her schleuderte wie ein ungezogenes Kind sein Spielzeug.

Isel heißt der Fluss, der sich da mitten in Osttirols Hauptstadt vor allem im Frühsommer schon recht aufdringlich bemerkbar macht. Vielleicht passt es ihm nicht, dass er im Stadtgebiet ordentlich eingeengt und in sein steinernes Flussbett verbannt wird.
Schließlich ist der Isel  ein Freigeist, ist er doch der letzte noch ungehindert fließende Gletscherfluss der Alpen. Das heißt, auf seinem ganzen Weg vom Gletscher bis zur Mündung in die Drau wird ihm nie von einer Staumauer der Weg versperrt. Der Iseltrail begleitet diesen Fluss, oder besser gesagt: Er geht ihm entgegen.

Eine fünftägige Wanderung von Lienz bis hinauf zu seinen Ursprüngen am Umbalgletscher in den 3.000ern der Osttiroler Hohen Tauern.


  Wer sich auf diesen Weg macht, lernt nicht nur den sehr wechselhaften und oft störrischen Charakter eines Gletscherflusses kennen, er durchquert auch eine Vielzahl an Landschaften von sanften Flussauen über steile naturbelassene Wälder bis hinauf in die kahle Felslandschaft des Hochgebirges. Dort  schlängeln sich die Bäche, die  sich später zur Isel vereinigen sollen, über die Hochalmen. Man meint, irgendwo im hohen Norden zu sein.


Auf einmal sanft

Schon am ersten Tag, gleich hinter Lienz, zeigt uns der am Vorabend noch ruppige Fluss, wie sanft er werden kann, wenn man ihn in Ruhe seinen Weg machen lässt. Eine Aulandschaft öffnet sich, durch die die Isel in unzähligen Verzweigungen mäandert. Dabei bildet sie Schwemminseln, zu denen  man an manchen Stellen waten, sich dort für eine  Pause
 niederlassen kann.

Denn zu einer Flusswanderung gehören diese Pausen ganz nah am Wasser, nicht nur um zu schauen, sondern auch, um zu lauschen – der Begleitmusik für diese fünf Tage. Es rauscht, es plätschert und es rumpelt gelegentlich sehr laut. Die Isel nimmt auf ihrem Weg nicht nur Sand und  Kiesel mit, sondern oft auch große Felsbrocken.

Seltene Pflanzen

Die reisen jahrelang den Fluss hinunter, bleiben irgendwo auf ihrem Weg liegen, bis sie ein heftiger Wasserschwall wieder ein Stück mitnimmt. Dann eben rumpelt es.
In der Aulandschaft aber lassen sich auch Pflanzen entdecken, die einzig und allein hier ganz nahe am Wasser wachsen. Risikofreudige Existenzen wie Tamariske, die mit dem ständigen Kommen und Gehen des Wassers zu leben gelernt haben.

Gletschermilch

In der Au kann man die Füße  ins Wasser strecken, kann auch entdecken, wie der Fluss seine Farbe
 zwischen den Jahreszeiten ändert. Wer sich im Frühsommer auf den Weg macht, erlebt die Isel grünlich-grau und trüb. „Gletschermilch“ heißt
 dieses Wasser.

Es ist das Ergebnis der Schneeschmelze oben im Hochgebirge, wo sich erst um diese Zeit der letzte Schnee  verabschiedet und die lange Flussreise ins Tal antritt. Acht Stunden dauert die etwa, erzählt Walter Hopfgartner, Wasserbau-Experte für Tirol und einer der Männer, die sich für den Schutz der Isel eingesetzt haben. Jetzt erzählt er begeistert davon, was es für die Natur bedeutet, dem Fluss Raum zu geben, auch von den Hochwasserkatastrophen, für die die Isel verantwortlich war, eben weil man meinte, sie leichtfertig einengen zu können.

Steile Waldwege zum Wasser


So nahe ans Wasser kommt man als Wanderer auf anderen Etappen dieses Weges nicht so leicht. Beim Virgener Katarakt etwa hört man ihn vom Weg aus nur aus der Ferne grollen. Wenn man sich aber durch den Wald – es gibt steile, aber begehbare
 Pfade – bergab zum Fluss macht, steht man plötzlich am Rand einer Schlucht und erlebt den Fluss, der sich dort über Felsabhänge zwischen den Bäumen hinunter stürzt, zum ersten Mal richtig wild.

Tor ins Hochgebirge


Und wild kann dieser Fluss sein, um das zu erleben, und zwar hautnah, muss man nicht unbedingt durch steile Wälder bergab schlittern. Der Wasserschaupfad an den unteren Umbalfällen führt auch vorsichtige Fußgänger direkt über die tosenden Wassermassen. Da steht man auf Brücken und Aussichtsplattformen und hat beeindruckend viel Luft und noch mehr schäumendes  Wasser unter sich.
Die Umbalfälle sind auf diesem Weg das Tor ins Hochgebirge, also dem letzten Abschnitt des Weges. Den muss man übrigens nicht mit eiserner Konsequenz von Anfang bis Ende gehen. Es gibt öffentliche Busse, die einen gratis mit der Gästekarte von einer Unterkunft zum Start jeder einzelnen Etappe bringen und vom Ende wieder abholen.

Über die Baumgrenze

Das Finale oben in den Hohen Tauern wird ohnehin kaum jemand auslassen, der sich aufgemacht hat, um der Isel entgegenzugehen. Wer die Umbalfälle passiert hat, steigt noch mit dröhnenden Ohren  über die Baumgrenze und erlebt, wie sich die gerade noch brüllend über Felsabhänge stürzende Isel in einen schmalen Hochgebirgsbach  verwandelt.

Balancieren über Baumstämme


Auf Baumstämmen übers WasserZwischen Felsen, Wasser und Bergsonne kann man auf der Clarahütte noch eine Pause machen, genießen, was eine echte Schutzhütte im Hochgebirge ausmacht. Dann geht es hinauf zum Gletscher, und wie zu Beginn der Reise teilt sich der Fluss in unzählige Bäche, die sich quer durch  die Hochfläche schlängeln. Brücken sind hier oben oft nur noch ein Baumstamm, über den man balanciert.

Brücke einfach weggerissen

Schließlich steht man vor den schmutzigen Schneezungen des Umbalgletschers, wo das Wasser, dem man  vom Tal aus gefolgt ist, aus dem Felsen bricht. Bescheiden für einen Fluss, der sich doch da unten so mächtig gebärdet, denke ich auf dem Rückweg. Und dann steht unsere Gruppe plötzlich vor den Resten einer Brücke, die der Fluss knapp unterhalb der Clarahütte weggerissen hat . „Das Schmelzwasser kommt immer erst zu Mittag“ erklärt einer der einheimischen Bergwächter, die gerade die Holztrümmer wegräumen. Dann waten wir an einem Seil durch das kalte Wasser und wissen, dass man einen wie die Isel besser nicht unterschätzt.

INFO

Klimafreundliche Anreise
Lienz, die Hauptstadt Osttirols, ist auch mit der Bahn ziemlich gut zu erreichen: oebb.at. Wer sich von hier aus auf den Weg macht, kann sich sorglos von seinem Quartier entlang der Route mit dem Gästebus zum Anfang jeder beliebigen Etappe bringen und vom Ende abholen lassen

Der Trail
Alle Informationen sind auf einer eigenen Iseltrail-Seite unter osttirol.com zu finden. Dort kann man auch Quartiere entlang der Route buchen, in allen Preis- und Komfort- kategorien

Unterkünfte
Wer sich etwa zum Start noch etwas gönnen will, kann im Grandhotel Lienz ab 230 Euro pro Doppelzimmer 5-Sterne- Luxus genießen: grandhotel- lienz.com
Eines der  sympathischsten Quartiere am Iseltrail ist das „Natur-Resort Heimat“ mit seinen Naturholz-Zimmern und dem Kräutergarten samt Beratung durch die Chefin.
DZ mit Frühstück ab 98 Euro, heim-at.com. Das ehemalige Quartier für die Wiener Sängerknaben liegt in Prägraten.  Dieses Bergsteigerdorf gilt als das Tor zur den Osttiroler Hohen Tauern

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