Die Kleinstadt Béziers,  die heimliche Hauptstadt der okzitanischen Sprache, sieht man von  Weitem stolz auf ihrem Hügel thronen, in ihrer Mitte die Kathedrale Saint-Nazaire

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freizeit Reise
05/23/2021

Auf zu den Widerständigen

Im Südwesten Frankreichs haben die Okzitanier jahrhundertelang gegen die Bevormundung durch Paris gekämpft. Heute erleben okzitanische Sprache und Kultur eine Renaissance

von Barbara Mader

Meine Nächte sind schöner als eure Tage. Das schrieb der 22-jährige Dichter Jean Racine, nachdem er 1660 aus dem sündigen Paris in die südfranzösische Kleinstadt Uzès geschickt worden war, um dort auf eine Priesterlaufbahn vorbereitet zu werden. Wie das Zitat andeutet, ging der Plan nicht auf. Der junge Mann befasste sich im reizvollen Uzès weniger mit Theologie und mehr mit weltlichen Vergnügungen. Er wurde ein berühmter Dramatiker und hatte sieben Kinder. Racines „Briefe aus Uzès“ sind nicht nur Zeugnis dafür, dass Karriereplanungen in anderer Leute Namen gründlich danebengehen können. Sie sind auch eine Auseinandersetzung mit der für den Pariser Zugereisten neuen Sprachwelt, denn in Uzès sprach und spricht man Okzitanisch. Eine Sprache, schrieb Racine, die man gut verstehe, wenn man über ausreichend Spanisch- und Italienischkenntnisse verfüge. Ob die stolzen Okzitanier mit dieser Beschreibung zufrieden wären?

Obwohl jahrhundertelang von der Amtssprache Französisch verfolgt, haben die okzitanische Sprache und Kultur in Südfrankreich beharrlich Widerstand geleistet – und überlebt. Im alten Herzogsitz Uzès sind, wie in der ganzen Region, sämtliche Straßennamen zweisprachig.

Und, wie überall in Frankreich, gehen auch hier Kultur und Traditionspflege durch den Magen. Jeden Samstag schlagen die Händler unter den Platanen auf der Place aux Herbes ihre Stände auf und verkaufen regionale Spezialitäten wie Ziegenkäse, Nougat und Lammwürste.

Nicht minder spektakulär ist die Markthalle in der rund 25 Kilometer südlich gelegenen Römerstadt Nîmes. Man weiß eigentlich gar nicht, mit welcher der vielen Geschichten, die diese 2.500 Jahre alte Stadt zu erzählen hat, man beginnen soll. Vielleicht mit jener, die davon berichtet, dass hier, in dieser Stadt der Seidenindustrie, der Siegeszug der Jeans begann? „De Nîmes“, also „aus Nîmes“ stammte der Stoff, der später als Denim bekannt wurde. Und wie wäre es mit der Anekdote rund um das Stadtwappen, Palme mit Krokodil? Nein, zu kompliziert. Sie hat damit zu tun, dass Kaiser Augustus von hier aus seinen Feldzug nach Ägypten startete.

In Nîmes sind heute Springbrunnen, Poller und Schmucksteine im Straßenpflaster mit Krokodil und Palme verziert. Gestaltet hat das Stadt-Logo übrigens der Designer Philippe Starck. Kein Wunder, dass die Steine Sammlerobjekte geworden sind und immer mehr Löcher im Straßenpflaster hinterlassen.

Dann lieber noch ein bisschen Okzitanisch. Leider, sagt Fremdenführerin Sarah,  sei es heute als  Sprache etwas künstlich geworden, sei „die Sprache der über 70-Jährigen“. Doch es gibt Hoffnung: Die  Kinder lernen die Sprache der Alten nun wieder in den sogenannten Calandretas – das sind zweisprachige Schulen, die in der gesamten Region mehr werden. Dazu kommen eigene TV-Sendungen, ein Dutzend Radiosender sowie  mehrere Tages- und Wochenzeitungen. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Kundgebungen für die Anerkennung der Regionalsprachen.  Man schwenkte rote Flaggen mit dem okzitanischen Kreuz und forderte den gleichberechtigten Status  mit dem Französischen. Die okzitanischen Städte und Dörfer bekennen sich heute  wieder zu ihrem historischen Erbe. 

„Okzitanisch“, erzählt die Journalistin Monique Boulze, konnte sich, anders als etwa Bretonisch, im Lauf der Jahre nicht stark  weiterentwickeln,  aber es ist nach wie vor sehr präsent.   „Wir verwenden  enorm viele okzitanische Ausdrücke in unserer Alltagssprache. Im Prinzip spricht der ganze Süden Okzitanisch. Aber es geht nicht nur um die Sprache. Wenn du genau schaust, siehst du überall Zeichen der okzitanischen Identität. Auf den Autos, auf  Hausmauern, als Schmuckstück – überall findest du das rote Okzitanisch-Kreuz. Es gehört zu uns.“ Und mitunter zieht man die örtlichen Hoheiten auch ganz gerne auf Okzitanisch durch den Kakao. Etwa den in Nîmes allgegenwärtigen Augustus. Majestätisch thront er in der Nähe des Maison Carrée, eines römischen Tempels, dem Präsident Mitterrand einst mutig eine hochmoderne Bibliothek von Norman Foster gegenüberstellen ließ. Hier steht nun Kaiser Augustus auf seinem Sockel und streckt den Arm wichtigtuerisch in die Luft. Man hat ihm den Beinamen „Mire so plou“ gegeben, Okzitanisch für: Der, der nachprüfen wolle, ob es regnet.

Auch im weiter westlich gelegenen Montpellier gibt es mehrere zweisprachige Schulen und in der Straßenbahn werden sämtliche Stationen in beiden Sprachen angekündigt. Apropos Straßenbahn: beneidenswertes Montpellier, die Bim führt in nur wenigen Minuten direkt zum Strand und die Straßenbahnen sind, wie in vielen anderen französischen Städten, von Christian Lacroix gestaltet – hier passenderweise mit Muscheln und Seesternchen.

In der Universitätsstadt Montpellier lebten in den 1960ern 90.000 Menschen, heute sind es 290.000. Das rasante Wachstum war für Stadt und Einwohner eine Herausforderung. Eine umgekehrte Entwicklung erlebte das Städtchen Béziers, rund sechzig Kilometer westlich. Wer sich der Kleinstadt über den Canal du Midi und seine spektakuläre Schleusenanlage nähert, sieht sie von Weitem stolz auf ihrem Hügel thronen. In ihrer Mitte erhebt sich die Kathedrale Saint-Nazaire aus dem 13. Jahrhundert.

Aber der Ruhm ist Vergangenheit, der Glanz bröckelt. Béziers wurde einst durch Textilproduktion reich, erlebte in den 1920ern schwierige Zeiten und hat sich seither nicht mehr so recht erholt. Doch immerhin ist Béziers die heimliche Hauptstadt der okzitanischen Sprache – schon im Tourismusbüro kann man einschlägige Sprachführer kaufen. Was außerdem zählt? Rugby. Ist so etwas wie die zweite Religion hier. Béziers steht in ständiger Konkurrenz mit dem nahe gelegenen Narbonne. Narbonne, sagen die Einheimischen, verliere immer. Narbonne hat allerdings auch abgesehen von seiner mehr oder minder erfolgreichen Rugby-Mannschaft einiges zu bieten. Die Heimatstadt des Chansonniers Charles Trenet punktet mit unzähligen Sehenswürdigkeiten.

Auch Narbonne war einst römische Kolonie und auch hier hat man, wie in Nîmes, etliche römische Straßen gefunden, als man Parkhäuser bauen wollte. Dazu kommt die Kathedrale St-Just-St-Pasteur, in die Eingeweide von Philipp dem Kühnen begraben liegen, umringt von den ältesten Glasfenstern Frankreichs sowie eindrucksvollen Darstellungen von Hölle und Fegefeuer. Die erfrischende Botschaft: Paradies gibt’ s keines. Ach ja, wir befinden uns im Land der Katharer, einer radikalen christlichen Sekte, die im Mittelalter ihre wenig lebensbejahende Weltanschauung auslebte. Für die Katharer lag die Hölle auf Erden und in Okzitanien lag eines der Zentren der Inquisition.

Reden wir lieber von einer erfreulicheren Religion, die ebenso für Konkurrenz sorgt wie Rugby: Dem Cassoulet. Das Rezept für den regionaltypischen Eintopf aus weißen Bohnen, Speck und gepökeltem Schweinefleisch stammt der Legende nach aus dem Hundertjährigen Krieg. Als Hauptstadt des Cassoulet gilt Toulouse, wo es eine eigene Cassoulet-Akademie gibt. Und selbstverständlich einschlägige Bruderschaften. Natürlich singt man rund ums Cassoulet stets Okzitanisch. Alles nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte.

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