© Grayling/Aida

freizeit Reise
04/26/2020

Aida Nova: Was kann das Milliardenschiff?

Ein überzeugter Individualtourist auf einem Megaschiff für bis zu 8.000 Personen. Kann das gut gehen? Ansichten eines Debütanten, der (noch vor Corona) zum ersten Mal ein Kreuzfahrtschiff betreten hat.

von Dominik Schreiber

Das Schiff hat Ausmaße, die man sich kaum vorstellen kann. Allein die winzig wirkenden gelben Rettungsboote an der Seite der Aida Nova fassen 440 Personen. Der nächste Flugzeugträger, den die USA in den Dienst stellen werden, ist vier Meter kürzer und zwei Meter schmäler als dieses gigantische Schiff.

Fast eine Milliarde Euro kostete das 337 Meter lange Wunderwerk der Technik, das wegen Corona derzeit „arbeitslos“ im Hafen herumsteht. Vor diesem gigantischen Schiff zu stehen ist durchaus vergleichbar mit den paradiesischen Wasserfällen von Iguaçu in Südamerika oder den Tempelanlagen von Angkor in Kambodscha.

Fassungsloses und ehrfürchtiges Erstaunen übermannt den Betrachter beim ersten Zusammentreffen: Wie ist so etwas nur möglich? Wer baut so etwas? Und vor allem eines: Wer bucht so etwas?

Die Aida Nova ist aktuell das viertgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt, eine schwimmende Kleinstadt. Gemächlich schippert man damit über das Meer, die Höchstgeschwindigkeit wird nur sehr selten erreicht. Den Motor hört man nicht einmal. Bis zu 6.600 Passagiere und 1.400 Crew-Mitglieder finden auf dem See-Giganten Platz.

Geboten wird vieles: ein dreistöckiges Theater, 23 Bars, 17 Restaurants und sogar eine eigene Kunstgalerie oder ein Fernsehstudio, in dem Schiffsgäste bei der Millionenshow mitspielen und Reisen gewinnen können. Langeweile kann hier erst gar nicht aufkommen, ständig gibt es Angebote: Tanzshows, ein Vortrag des Kapitäns und natürlich die drei Wasserrutschen.

Die Bordrestaurants in Bildern:

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Die Burger sind hervorragend

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Das Fischrestaurant

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Französisches Frühstück

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Das dreistöckige Theater

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Fast echt japanisch

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Die Kunstgalerie

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Teriyaki

Der Kreuzfahrt-Tourist von heute will auch im Urlaub beschäftigt und unterhalten sein – das wird ihm hier geboten, auf für den Erstbesucher vielleicht überraschend hohem Niveau. Statt zweitklassiger Animateure von All-Inklusive-Clubs treten in Hamburg ausgebildete Profis auf. Und mehrmals täglich verkündet die Stimme von Tom aus den Schiffslautsprechern, was man mit seiner Zeit so anfangen könnte. Das stört mitunter aber auch die Atmosphäre.

Der Weg ist das Ziel

„Das Schiff ist für die meisten mittlerweile die Destination“, sagt Kapitän Dominique Tidow jedenfalls nicht zu Unrecht. Tatsächlich sprechen die meisten Gäste davon, dass sie Urlaub auf der Aida Nova machen und nicht etwa eine Kanaren- oder Mittelmeerkreuzfahrt.

Das mag den überzeugten Individualtouristen verwundern, doch die Stopps sind längst nicht mehr wichtig, wie es scheint. Selbst bei einer attraktiven Insel wie Madeira verlassen nur rund 3.500 von diesmal 5.100 Passagieren überhaupt das Schiff. Das bedeutet umgekehrt, dass immerhin ein Drittel der Gäste lieber an Bord ist als auf der Blumeninsel.

Gerade einmal 1.400 Passagiere buchen einen der offiziellen Ausflüge. Jeder kann also den Urlaub erleben, den er möchte. So zeigt sich, dass man auch irgendwie ein Individualtourist sein kann auf einem riesigen Schiff mit Tausenden anderen Gästen, viele nehmen etwa ein Taxi oder ein Elektrofahrzeug und erkunden die Insel auf eigene Faust.

Nur rund 15 bereitstehende Reisebusse werden in der Früh befüllt – für ein Schiff dieses Ausmaßes ist das eigentlich gar nichts. Sogar die Reiseleiterin mault: „Nicht einmal die wenigen Busse werden mehr vollgefüllt.“ Dabei sind derartige Ausflüge nicht teuer, 60 bis 70 Euro (inklusive Mittagessen) sind fällig.

Die Größe fällt kaum auf

Auf der Aida Nova selbst bekommt man ohnehin so gut wie nie mit, wie groß dieses Schiff tatsächlich ist und wie viele Gäste an Bord sind. Oft weiß man nicht einmal, wo vorne und hinten ist, weshalb es glücklicherweise eigene Wegweiser bei den Aufzügen gibt. Das Motto lautet offenbar: Glücklich ist, wer vergisst, dass er auf einem Schiff ist.

Die einzelnen Lokale sind ohnehin kleinteilig konstruiert. Lässt man etwa die großen Buffet-Restaurants aus, die tatsächlich massenweise Interessenten anziehen, dann bekommt man beispielsweise im japanischen Restaurant – abgesehen vom philippinischen Personal – durchaus das Gefühl, man würde ein kleines Lokal in Japan besuchen.

Die Einrichtung der Spezialitäten-Restaurants wirkt weder kitschig noch billig, alles ist stilvoll und hochprofessionell. Für diese Lokale muss vielfach nicht extra bezahlt werden, dennoch wirken sie nie überlaufen.

Wer glaubt, dass er All-Inklusive-Mentalität auf der Aida Nova findet und Animateure oder pöbelnde, alkoholisierte Passagiere zum Alltag an Bord gehören, der wird sein blaues Wunder erleben – denn derartige Vorurteile bestätigen sich überhaupt nicht. Fast gediegen geht es an Bord zu. So mancher Gast ist sogar enttäuscht, dass es keine eigene Schlagerbar zum Schunkeln gibt. Nie kommt das Gefühl auf, dass ein gewisses Niveau unterlaufen wird. Es herrscht deutsche Gründlichkeit und Ordnung. Die Schiffsprache ist ohnehin Deutsch.

Disco und Party

Dennoch müssen Partyfans nicht auf Unterhaltung verzichten, dafür sorgen eine kleine Diskothek (The Cube) und die Rock-Box-Bar. Jeden Abend finden außerdem im Poolbereich am obersten Deck riesige Partys statt, der absolute Höhepunkt ist wohl die Silent-Disco. Dann treten drei Discjockeys gegeneinander an, an den Kopfhörern der Gäste zeigen Lichter, wem von den dreien man gerade zuhört.

Grüne Schlager, blaue Popmusik oder rote Housemusic – die richtigen Gruppen finden immer zueinander. Der ideale Ort, um neue Freundschaften zu schließen. Besonders lustig ist es, ohne Kopfhörer zuzuhören, wie die Tanzwütigen durcheinander singen.

Der Abschluss der Party findet dann in den früheren Morgenstunden im Streetfood-Bereich statt, bei Currywurst oder Kebab. Sogar für die Verpflegung am nächtlichen Heimweg ist an Bord gesorgt. Wobei man geneigt ist, das Schiff als Hotel und die Kabine als Zimmer wahrzunehmen. Doch wer das tatsächlich tut, wird von den Profi-Kreuzfahrern sofort zurechtgewiesen.

Nicht so viel Platz ist hingegen den Freibereichen eingeräumt. Scheint die Sonne und gibt es einen Seetag, dann sind die wenigen Außenbereiche und Pools gut gefüllt (und natürlich die Liegen längst mit schiffseigenen weiß-gelben Handtüchern reserviert). Dann lohnt es sich umso mehr, eine Außenkabine zu haben mit Privatbereich und der obligaten Hängematte, so erspart man sich das Rennen um die besten Plätze.

Minigolf und Basketball

Ansonsten kann man auch eine Runde Minigolf spielen, das Basketballfeld nutzen oder – sehr empfehlenswert – sich im Spa einen eigenen kleinen Bereich mit Balkon und eigener Sauna mieten. Noch besser sind natürlich die Suiten, die sogar richtige Rundterrassen angebaut haben. Als zusätzliches Plus wartet ein eigener Lounge-Bereich nur für die Suiten-Gäste. Auch hier bleibt genug Raum für den individuellen Urlaub.

Das ganze Schiff ist jedenfalls von oben bis unten perfekt durchgeplant. Oder wie Kapitän Tidow sagt: „Eine Milliarde Euro gibt man nicht einfach aus, da muss schon alles passen.“

Die Preise an Bord sind dafür kommod: Ein Bier an der Bar schlägt sich mit 3,50 Euro zu Buche, ein Cocktail kostet rund sieben bis acht Euro. Man muss kein Krösus sein, um sich eine Reise auf der Aida Nova leisten zu können. Wer dennoch klotzen statt kleckern möchte, findet in der zweistöckigen Penthouse-Suite viel Platz. Diese kostet aber richtig Geld, deshalb gibt es auch nur eine einzige.

Fünf Decks für das pure Vergnügen

Die riesige Gästeschar verteilt sich jedenfalls über die einzelnen Etagen. Allein fünf komplette Decks dienen der Bespaßung der Gäste. Nirgends fühlt man sich als Massentourist, dafür ist alles viel zu kleinteilig gehalten. Auch wer eine Kreuzfahrt bisher wegen Umweltbedenken abgelehnt hat, kann hier ein besseres Gewissen als anderswo haben.

Als Antrieb fungiert bei diesem Schiff der Helios-Klasse LNG (Flüssigerdgas) statt Diesel. Damit wird weit weniger Feinstaub produziert, was man schon an den Schornsteinen mit freiem Auge sehen kann. Schwarzer, verrußter Qualm gehört der Vergangenheit an. Ob dies auch einen Nutzen für die -Bilanz bringt, wird unter Experten noch ausgestritten.

Man kann diese Form der Kreuzfahrten lieben oder hassen, es ist aber für jeden erstaunlich, was hier Gigantisches und Hochprofessionelles auf die Beine gestellt wurde. Oder wie der Kapitän so treffend sagt: „Solche Schiffe werden gebaut, weil sie auch mit Gästen gefüllt werden.“ Ob das auch künftig nach der Coronakrise so sein wird, ist derzeit wohl offen. 85 Prozent der Passagiere kommen laut Aida jedenfalls nach einer Kreuzfahrt wieder – vielen gefällt das also.

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