Waldschrat: Wenn Pantha du Prince aufritt, verkleiden sich seine Mitmusiker und er als Waldgeister. Die Tour zur „Conference of Trees“ fand wegen Corona ein jähes Ende.

© Stephan Abry

freizeit
01/25/2021

Natürlich Techno: Wald, Wiese, Wummern

Für die einen mag elektronische Musik und die damit einhergehende, durchaus exzessive Kultur fern jeglicher Natur sein. Für andere besteht ein direkter Zusammenhang.

von Daniel Voglhuber

Ein stampfend lauter maschineller Bass. Schwitzende, schreiende Menschen, die nicht nur von der Stimmung berauscht sind. Dampfende und dunkle Räume. Viel Körperlichkeit, nicht nur beim Tanzen. Eskapismus, temporäres Ausklinken vom Alltag.

Das ist Techno in Nicht-Coronazeiten. Wild und ungezügelt wie eine expressionistische Großstadt. Natur ist höchstens der Himmel bei einem Rave im Freien.

Könnte man meinen.

Dabei gibt es einige namhafte Künstler der Szene, die überhaupt keinen Widerspruch zwischen Techno und Natur sehen. Sie lassen sich von Wäldern, Bergen, Flüssen und Wiesen inspirieren oder weben Naturgeräusche in ihre Musikstücke ein, bauen sie nach. Sie wollen die Zerstörung der Natur bewusst machen. Oder dass man ihr auch zuhören kann, weil sie einiges zu erzählen hat.

Konferenz der Bäume

Das findet etwa Pantha du Prince. Hendrik Weber, wie er eigentlich heißt, hat im Vorjahr sein sechstes und viel beachtetes Album „Conference of Trees“ veröffentlicht. Darin beschäftigt er sich mit dem Kommunikationsverhalten von Bäumen, ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren verstärkt beleuchtet worden ist. Xylofone, selbst gebaute Holz-Schlagwerke, Klangstäbe oder Glocken liefern in Kombination mit elektronischem Gerät den Sound – und vor allem die Geschichten – der Pflanzen.

Pantha du Prince stammt aus Hessen und heißt eigentlich Hendrik Weber.  Er war u. a. Bassist der Hamburger Indie-Band Stella. Seine Alben  werden stets gefeiert. Für „Black Noise“ erhielt der Klangkünstler 2011 den Echo-Kritikerpreis. 2020 erschien „Conference of  Trees", wo man die Bäume miteinander kommunizieren hört.

„Wenn man etwas Wichtiges wissen will und versucht, andere Antworten zu finden, sollte man sich zu einem Baum setzen“, empfiehlt Weber. „So ein Baum ist ein kräftiger, strukturierter Geselle.“ Das entziehe sich dem Rationalen – und man könne da schon als wahnsinnig gelten, meint der Künstler, der selbst wie ein Waldwesen wirkt und in seiner Kindheit viel in der Natur Hessens herumgestreift ist. Diese Sphäre könne man über Klänge betreten. „Uns mit dem Ursprünglichen zu verbinden, gelingt mit Musik.“

Bei der „Conference of Trees“ bewegt er sich teilweise auch von dem weg, was eigentlich Techno ausmacht. So dauert es eine ganze Weile, bis der Bass einsetzt. Doch die Musik im Viervierteltakt bleibt ein wichtiger Teil für Weber: „Techno ist immer noch der Bodensatz, er ermöglicht experimentelle Klänge.“ Techno ersetzte Formen von ritueller Tanzmusik. „Es geht darum, in einen anderen Zustand als den alltäglichen einzusteigen, es geht um Transzendenz.“ Dem würden sich Schamanen, Heiler aber auch Poeten – oder Gärtner bedienen.

Der Vogelbeobachter

Wenn es um elektronische Musik und Natur geht, gibt es auf jeden Fall kein Vorbeikommen an Dominik Eulberg. Der DJ und Produzent aus dem deutschen Westerwald hat Biologie und Geografie, Schwerpunkt Naturschutz (das Wort selbst mag er aber nicht, weil: „Die Natur braucht uns nicht, wir brauchen die Natur.“) studiert. Und er ist leidenschaftlicher Vogelbeobachter. Seine Minimal-Techno-Stücke tragen so klingende Namen wie „Abendpfauenauge & Oleanderschwärmer“. Biodiversitäts- oder Öko-Techno sind Zuschreibungen, die herumflattern.

Dominik Eulberg stammt aus dem deutschen Westerwald und hat Ökologie mit Schwerpunkt Naturschutz studiert. Der  42-jährige ist Hobby-Ornithologe. Zu Beginn seiner Karriere verpackte er Naturgeräusche in Tracks. Für das SWR-Fernsehen hat er zuletzt in der Reihe „Eulbergs Kosmos“ Pflanzen und Tiere erklärt.

Früher hat Eulberg Tiergeräusche für seine Musikstücke benutzt. Aber „das Ding ist gelaufen“. Vielmehr will er direkt Veränderungen anstoßen. „Der Mensch bezeichnet sich als Krone der Schöpfung. Aber warum ist er dann ein homo suicidalis und zerstört den Lebensraum?“ Und er schütze nur das, was er schätze. Und das gehöre dringend geändert. „Wir verstehen uns nicht mehr als Teil der Natur“, ist Eulberg überzeugt. Und gerade Kunst und Kultur seien schöne Ventile, Menschen zu erreichen. „Der Mensch ist ein Herdentier, wenn ein anderes Mitglied neue Wege geht, finden das andere auch attraktiv. Weil ein Mitglied eine neue Nahrungsquelle erschlossen hat.“ Man merkt, da spricht ein Biologe.

Aber man merkt auch den gestandenen Szene-Menschen: „Menschen, die Techno verstehen, verstehen auch die Natur.“ In der Natur sei nämlich alles Rhythmus: Es gäbe ein ständiges Pulsieren, den Herzschlag, ein ständiges Kommen und Gehen, den Tag und die Nacht. Und er sieht das wie Pantha du Prince: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich im Kollektiv zu einem externen Impuls synchronisieren kann.“ Das schaffe gemeinsame Erfahrungen.

Und das sei wichtig für die Menschheitsgeschichte gewesen: „Nur mit einem antreibenden Takt, hat der Mensch es geschafft, Pyramiden zu bauen.“ Und jene, die das durchblicken, hätten eben einen Zugang zur Natur. „Ich versuche, bei meinen Gigs biologische Führungen zu verlosen. Ich stelle fest, wie empfänglich die Leute dafür sind. Die hören da genau hin. Und sie merken sich alles – ich frage das hinterher ab.“

Nachts im Museum

Apropos Pädagogik: Im Dezember hat er im Berliner Museum für Naturkunde ein Live-Set für United we Stream gespielt, das als Reaktion auf die Schließung aller Veranstaltungsstätten während der Covid-19-Pandemie ins Leben gerufen worden ist. Während er an den Geräten für seine hypnotischen und treibenden Klängen schraubte, führten Kamerafahrten durch die Sammlungen des Hauses. Danach sprach er über die Relevanz von Clubkultur, den Zustand der Biodiversität oder das Humboldtsche Bildungsideal.

Aktivistisch ist auch Robin Perkins alias El Búho (spanisch für „die Eule“) unterwegs. Der DJ aus England hat einst bei Greenpeace gearbeitet. Dann ging er ganz in der Musik auf und koordinierte in Südamerika das Projekt „A Guide to the Birdsong“. Das waren Alben, geprägt von Tracks mit Vogelstimmen. Sie sollten Geld und Aufmerksamkeit für bedrohte Tiere sammeln.

Sein Sound ist ein Mix aus lateinamerikanischer Folklore-Musik, Naturgeräuschen und Downtempo Electronica.

Vom Inn geprägt

Die Natur war auch nicht unbeteiligt, dass Recondites Karriere Fahrt aufnahm. Der gebürtige Niederbayer Lorenz Brunner – er ist einen Steinwurf von der österreichischen Grenze zu Braunau aufgewachsen – spielt seit einigen Jahren in der Techno-Oberliga. Seine Kindheit war geprägt vom Inn und Auwäldern, vor Corona jettete er zu den wichtigen Tanzböden der Welt. Er kann – Hausnummer – Auftritte in der Berliner Club-Kathedrale Berghain oder beim Awakenings Festival in Amsterdam vorweisen. Seine musikalische Bandbreite erstreckt sich von melancholisch-düster über unergründlich (auf Englisch: recondite) bis härtere Gangart.

Recondite heißt im bürgerlichen Leben Lorenz Brunner. Er hat in Clubs und auf Festivals gespielt, die in der Techno-Welt Rang und Namen haben: Im Berliner Berghain, im Space Ibiza für die Party-Reihe des Pioniers Richie Hawtin oder im Womb Club Tokio. Aufgewachsen ist er in Niederbayern nahe der Grenze zu Oberösterreich.

Begonnen hat der Trubel ironischerweise 2013 mit dem ruhigen Album „Hinterland“, wo er Naturgeräusche wie Schneeknirschen verarbeitet hat. Heute geht er für seine Stücke aber nicht mit dem Aufnahmegerät nach draußen, das Draußen ist nämlich schon drin: „Die Natur kommt viel mehr unbewusst durch. Da kommen Erinnerungen hoch, von einer Zeit, als ich allein durch den Wald gestreift bin. Am Land hat man ja nicht immer nur Freunde um sich“, erklärt Brunner, der 2020 musikalisch mit seinem Album „Dwell“ an „Hinterland“ angeknüpft hat.

Die vermisste Menge

Wenn er überland, also für Auftritte unterwegs ist, nutzt er oft auch die Gelegenheit für Ausflüge fern der Hallen, Clubs und Festivalgelände. „Ich habe das Privileg, schöne Sachen zu sehen – sei es die beeindruckende Landschaft von Island oder der Zuckerhut.“ Aber nicht immer ist Zeit dafür. „Seit rund acht Jahren war es teilweise schon sehr intensiv. Es gab Wochenenden mit bis zu fünf Auftritten auf Festivals.“ Schon vor der Corona-Krise wollte es Brunner daher ruhiger angehen lassen, um gesundheitliche Probleme zu vermeiden.

Aber in der (Zwangs-)Pause ist ihm aufgefallen, dass er etwas vermisst: den Austausch mit Menschen, die tanzende Menge.

„Techno findet nicht nur im Studio statt. Das ist nicht nur ein Livestream (für einen solchen hat er übrigens vor Kurzem auf dem Dachstein-Gletscher vor mächtiger Kulisse mächtige Klänge ertönen lassen, Anm.). Er hat auch eine soziale Rolle. Techno ist Großstadt und Techno ist Natur.“

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