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Kultur
07/10/2020

Techno-Pionier Dr. Motte: "Andere gehen in die Oper – ich rave“

Der DJ und Mitbegründer der Berliner Loveparade feiert seinen 60. Geburtstag mit einem Streaming-Festival.

von Marco Weise

Techno ist sein Leben. Da aber der „Klang der Freiheit“, wie der Musikstil gerne bezeichnet wird, aufgrund der coronabedingt geschlossenen Clubs derzeit Sendepause hat, leidet Dr. Motte, wie er im KURIER-Interview erzählt.

Der deutsche DJ und Loveparade-Gründer hat in den 1990er-Jahren mit seinen Mega-Raves die Demonstrationskultur weltweit beeinflusst und Berlin zum Techno-Mekka verwandelt.

KURIER: Sie hatten am Donnerstag Geburtstag. Alles Gute zum 60er. Sollte man in diesem Alter noch in den Club tanzen gehen?

Dr. Motte: Ich verstehe die Frage nicht. Es gibt doch nichts Besseres als zu guter Musik zu tanzen. Warum sollte man damit irgendwann aufhören? Gerade in der Techno-Kultur hat Alter noch nie eine Rolle gespielt. Deswegen bitte: weitermachen!

Zur Person
Matthias Roeingh alias Dr. Motte kam am 9. Juli  1960 in Berlin-Spandau zur Welt. Am 1. Juli 1989 veranstaltete er die erste Loveparade in Berlin. Er gilt als einer der Gründerväter der deutschen Techno- und Clubkultur. Dr. Motte legt heute noch als DJ auf und  engagiert  sich für die Berliner Subkultur

Streaming-Festival
Coronabedingt findet Mottes Geburtstagsparty im Internet statt. Am Samstag, 11. Juli, ab 16 Uhr  auf dem offiziellen Dr.-Motte-YouTube-Kanal. Mit u. a. Felix Kröcher, Franca und Westbam

Nach so vielen Jahren im Club, bei Raves und hinter DJ-Pult: Mit welchen körperlichen Problemen haben Sie zu kämpfen? Wo zwickt es?

Eigentlich nirgendwo. Tanzen hält jung. Ich liebe es, zu gutem Techno zu tanzen und die Bassdrum und den Groove mit dem ganzen Körper zu spüren. Das macht Spaß.

Sie werden gerne als Techno-Pionier bezeichnet. Sehen Sie sich eigentlich selbst als einer?

Ich selbst bin da bescheiden. Ich mache das alles, weil ich diese Musik liebe und immer wieder tolle, neue Musik entdecke. Ich bin nun aber schon seit 35 Jahren DJ und habe tatsächlich die erste Acid-House-Party Berlins in meinem damaligen Club Turbine Rosenheim veranstaltet. Also stimmt das mit dem Techno-Pionier auch irgendwie.

Aktuell gibt es keine Möglichkeit zum Feiern. Clubs haben zu, Veranstaltungen sind mehr oder weniger abgesagt. Daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. Wie gehen Sie damit um?

Vor vier Monaten hatte ich meinen letzten Auftritt, dann wurde schlagartig alles abgesagt. Keine Club-Auftritte, nur Streams. Immerhin, aber dauerhaft ist das keine Alternative. Ich vermisse das Auflegen im Club und das gemeinsame Erleben elektronischer Tanzmusikkultur mit anderen Leuten extrem. Mir fehlt der kreative Austausch, das Miteinander, die Reaktionen. Inzwischen empfinde ich sogar so etwas wie Langeweile. Das hatte ich noch nie. Ich hoffe, die Clubs werden endlich als Kulturstätten anerkannt und mit anderen Konzerthäusern gleichgestellt. Andere gehen in die Oper, ins Theater, lesen ein Buch – ich rave. Das ist meine Kultur, mit der ich meine Akkus wieder mit Lebensenergie und Freude auflade.

Wie wird sich die Krise auf zukünftige Massenveranstaltungen, auf einen Besuch im Club auswirken?

Irgendwann wird das auch wieder vorbei sein. Wir sind ja soziale Wesen und brauchen das Miteinander. Es ist ein tief sitzendes, urmenschliches Bedürfnis zusammenzukommen und gemeinsam zu tanzen. Deshalb finden jedes Wochenende X „illegale“ Partys und Raves statt, weil wir Menschen das brauchen. Weil man dieses Grundbedürfnis des menschlichen Seins nicht einfach abstellen kann.

Werden wir je wieder so frei feiern wie vor Corona?

Ja, es wird sich irgendwann wieder normalisieren, weil es gar nicht anders geht. Uns diesen Zwischenzustand als „neue Normalität“ zu verkaufen, ist eine Manipulation durch Worte. Aber nichts an dem momentanen Zustand ist normal. Wir haben Grundrechte und Grundbedürfnisse. Die Menschen werden das deshalb nicht dauerhaft hinnehmen, weil es entgegen ihrer Natur ist.

Wie verbringen Sie die Techno-freie Zeit?

Techno ist mein Leben. Es gibt keine Techno-freie Zeit darin. Im Augenblick konzentriere ich mich auf unsere gemeinnützige Organisation „Rave the Planet“ und die Projekte, die wir damit umsetzen. Zum Beispiel wollen wir die elektronische Musikkultur als immaterielles UNESCO-Kulturerbe anerkennen lassen. Das ist etwa in den Niederlanden schon geschehen. Auch in der Schweiz steht die „Züricher Technokultur“ auf der UNESCO-Liste der gelebten Kulturen. Außerdem wollen wir eine neue Loveparade ins Leben rufen, die wir „Rave The Planet Parade“ nennen und die für den 10. Juli 2021 geplant ist. Dafür sammeln wir gerade Spenden, denn wir wollen eine werbefreie Kulturparade veranstalten, ohne sichtbare Sponsorings, wie es früher bei der Loveparade der Fall war.

Die Berliner Clubkultur ist seit Monaten inaktiv. Wie schwer trifft es die Szene?

Das ist extrem hart. Seit vier Monaten haben Clubs unverschuldet geschlossen und haben keine Einnahmen, keine Perspektive und es gibt fast keine Unterstützung. Da sind laufende Kosten für die Betriebsstätten zu bezahlen und vieles mehr. In Berlin ist die Clubkultur ein wichtiger Wirtschaftszweig, der jährlich 1,5 Milliarden Euro Umsatz in der Stadt generiert. Dieser fehlt gerade, Touristen bleiben weg, die Kaufkraft sinkt, da hilft auch keine verringerte Mehrwertsteuer. Eine negative Spirale.

Die Gleichstellung von Clubkultur und Hochkultur gibt es in Berlin mittlerweile. War das ein wichtiger Schritt? Welche Vorzüge bzw. vielleicht auch Nachteile ergeben sich daraus?

Elektronische Tanzmusikkultur ist eine gelebte Kultur. Die Clubs und Festivals kuratieren ihre Programme, wie jedes andere Konzerthaus auch. Sie sind weder Casinos noch Pornokinos, mit denen sie als sogenannte „Vergnügungsstätten“ nach der Bauverordnung und Gewerbeverordnung in eine Schublade gesteckt werden. Das muss doch jedem klar sein. Ein Club ist auch keine Diskothek, in dem aktuelle Hits rauf und runter gespielt werden. Elektronische Musik- und Clubkultur sind ganz einfach eigenständige Kulturformen, ob man sie nun mag oder nicht.

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