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Verständnisfragen
03/09/2021

Gehörlose Eltern: „Wir dachten, unsere Eltern wären Aliens“

Die Autorin Claudia Durastanti hat einen Roman über ihre gehörlosen, rebellischen Eltern geschrieben.

von Barbara Mader

Was bedeutet Sprache, wenn man zwischen Menschen aufwächst, die sich weigern, die Sprache der anderen zu erlernen? Autorin Claudia Durastanti im Interview über Eltern und andere Außerirdische.

KURIER: Sie sind als Kind gehörloser Eltern zwischen New York und Süditalien aufgewachsen. Was bedeutet Muttersprache für Sie?

Claudia Durastanti: Elias Canetti sagte sinngemäß, Sprache ist eine Mutter und Mutter ist eine Sprache. Ich wuchs zwischen Menschen auf, die keinerlei Sprache gut beherrschten. Meine Großeltern sprachen kaum Italienisch, sondern einen eigenen süditalienischen Dialekt. Englisch lernten sie nie. Meine Eltern waren gehörlos und verweigerten Gebärdensprache. Meine Mutter hat mich dazu gebracht, dass ich eine sehr ausgeprägte Körpersprache entwickelt habe, auch eine Form von Sprache.

Warum lehnten Ihre Eltern Gebärdensprache ab?

Sie wollten nicht auffallen. Tatsächlich fielen wir als Familie noch viel stärker auf, weil wir unsere eigenen, sehr expressiven Gesten entwickelten. Später bin ich draufgekommen, dass in dieser eigenen Sprache auch eine Schönheit liegt. Als Autorin kommt mir der ungewöhnliche Zugang zur Sprache zugute. Aber als Kind wollte ich wie alle sein, „normal“. Dieses Buch ist eine Rückkehr und auch eine Hommage an meine Muttersprache im wörtlichen Sinn, die vielfältige Sprache meiner Mutter.

Claudia Durastanti beschreibt in ihrem ersten autobiografischen (dem insgesamt vierten) Roman das Aufwachsen mit gehörlosen Eltern, die auch in anderer Hinsicht durchaus ungewöhnlich sind. Sie verweigern Gebärdensprache und jegliche Konvention, leben manchmal als Künstler und oft am Rande der Gesellschaft. Erst in Italien, ab den 60ern in New York, danach wieder in Italien. Durastanti, 1984 in Brooklyn geboren, brachte sich mit Büchern  selbst Italienisch bei. Heute  ist sie mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie schreibt für La Repubblica und lebt nach einer Zeit in London nun wieder in Rom. 

Keiner versteht den anderen: Ist jeder in diesem Buch ein „Fremder“?

Früher dachte ich, dass meine Eltern diesen Namen nicht verdienen. Ich kannte Albert Camus’ „Der Fremde“ und fand es zu elegant und zu dramatisch für meine Familie, die sich so vulgär ausdrückte. Meine Mutter war ja sehr stolz darauf, wenn man sie aufgrund ihrer seltsamen Art zu sprechen für eine Fremde anstatt für gehörlos hielt. Ich brauchte lang, um zu begreifen, dass diese Entscheidung mit persönlicher Freiheit zu tun hatte. Alle, auch die Hörenden in meiner Familie, weigerten sich, die Sprache der anderen zu lernen. Sie bevorzugten es, Zäune aufzubauen und Herrscher in ihrem eigenen kleinen Reich zu bleiben. Als ich nach London zog, verstand ich sie plötzlich. Ich sprach zwar die Sprache, aber ich habe trotzdem nicht zu den anderen gepasst. Ich blieb eine Fremde.

Sie betrachteten Ihre Eltern als Außerirdische. Warum?

Als ich klein war, nahm mich mein Bruder zur Seite und sagte: „Jetzt bist du alt genug, um es zu erfahren: Unsere Eltern sind Außerirdische. Sie tun nur so, als ob sie taub wären, um uns zu überwachen.“ Ich versuchte daraufhin, meine Mutter zu enttarnen, ich schrie sie an, aber das nützte natürlich nichts. Kennen Sie den Film „The Arrival“? Er handelt davon, dass Außerirdische uns mit ihrer schwer zu entschlüsselnden Zeichensprache eine Botschaft bringen wollen. Aber wir sind darauf trainiert, dass Außerirdische Böses wollen, und hören deshalb nicht hin. Das hat mich sehr an meine Eltern erinnert.

Kinder sind konformistisch. Haben Sie sich für Ihre gehörlosen Eltern geschämt?

Wir wuchsen sehr isoliert auf. Das war eine sehr radikale Entscheidung meiner Mutter, die beweisen wollte, dass sie nicht behindert ist und alles allein schafft. Erst später habe ich Kinder anderer gehörloser Eltern kennengelernt und gesehen, dass es da eine Gemeinschaft gibt. Wir gehörten da nicht dazu. Meine Mutter war ja in keiner Weise der Idealtyp einer Mutter, insbesondere, als wir in ein kleines Dorf nach Süditalien zogen. Sie trug Glatze, selbstgefärbte Kleidung, trank und war insgesamt ziemlich rebellisch. Das war schwierig.

Ihre Eltern verweigern, aber beherrschen Gebärdensprache?

Ja, natürlich. Mein Vater hasst das derartig, dass er mir sogar mein normales, typisch italienisches Gestikulieren abgewöhnen wollte (lacht).

Gab es manchmal sprachliche Missverständnisse?

Klar. Viele gehörlose Menschen erkennen Sarkasmus nicht gut. Als ich ein sarkastischer Teenager war, gab’s oft Probleme. Grundsätzlich ist Sprache für Gehörlose sehr wichtig. In Italien hat man mein Buch dafür kritisiert, dass es im Verhältnis zur ungewöhnlichen Erzählung sprachlich zu wenig avantgardistisch ist. Ich wollte das so. Ich wollte, dass meine Mutter es versteht.

Jetzt, wo alle Masken tragen, können Ihre Eltern ja keine Lippen lesen. Wie verstehen sie die anderen?

Es wird viel geschrieben. Außerdem kann meine Mutter Gesichter insgesamt sehr gut lesen, auch wenn sie die Lippen nicht sieht

Was sagen Ihre Eltern zu Ihrem Buch?

Meiner Mutter gefällt es ganz gut, aber sie hält es für reine Erfindung. Mein Vater interessiert sich eigentlich nur dafür, dass ich Preise gewinne und ein schönes Kleid trage.

Claudia Durastanti: „Die Fremde“. Zsolnay. 304 Seiten. 24,90 Euro

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