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freizeit Leben, Liebe & Sex
02/08/2020

Wider die Wegwerfgesellschaft: "Reparieren ist Kunst"

Autor und Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer plädiert in seinem neuen Buch dafür, dass Wiederherstellen wieder wertgeschätzt werden muss.

von Marlene Patsalidis

KURIER: Früher war es selbstverständlich, Dinge zu reparieren. Was hat sich verändert?

Wolfgang Schmidbauer: Die zerbrochene Tasse, der geborstene Spazierstock, sogar das defekte Auto: Bei unseren Großeltern wurde noch nahezu alles ausgebessert und wiederhergestellt. Repair-Cafés markieren derzeit zwar eine Gegenbewegung, heutzutage haben Massenware und Wegwerfen aber nach wie vor Konjunktur. Reparieren ist Kunst und erfordert menschliche Aufmerksamkeit. Und sie lassen sich nicht, wie die industrielle Produktion, automatisieren. Daher ist es heute vielfach billiger, Dinge, die als Wegwerfprodukt konzipiert wurden, auf den Müll zu schmeißen und neu zu kaufen. Auch der Preis spielt eine Rolle. Wenn eine Socke zwanzig Euro kostet, ist das ein Anreiz, sie zu stopfen. Aber, wenn ich fünf Paar für fünf Euro bekomme?

Kleine Fachgeschäfte, die Reparaturen anbieten, verschwinden aus dem Stadtbild. Hindert das Menschen daran, Dinge reparieren zu lassen?

Ich sehe die Wurzel dieses Problems anderswo: Hohe Mieten kann ein Schuster oder Schneider aufgrund fehlender Kundschaft nicht bezahlen. Professionell repariert werden vielfach nur noch Luxusgegenstände, beispielsweise teure mechanische Uhren, bei denen eine Überholung schnell 800 Euro kostet. Oder handgemachte Schuhe.

Worin liegt der gesellschaftliche Wert des Reparierens?

Die Reparatur ist die wirksamste Form von Recycling. Zusätzlich wird ein genaueres Wissen um Qualität erworben. Reparierte Dinge sind persönliche Dinge, sie sind nicht mehr glatt und anonym. Je weniger Bindung wir zu den Dingen entwickeln, desto schneller werden sie ersetzt.

"Unsere Massenproduktion belastet nicht nur die Umwelt, sie führt auch zu seelischer Deformation", schreiben Sie in Ihrem Buch. Was ist damit gemeint?

Das ist für mich als Psychotherapeut eigentlich der wichtigste Aspekt. Etwas wegzuwerfen und auf perfekten, störungsfreien Ersatz zu hoffen, entspricht einer primitiven Gefühlsreaktion. Wer es sich angewöhnt, Störfälle ernst zu nehmen, sie zu untersuchen, erwirbt eine geistige Haltung, die in vielen Lebensbereichen hilfreich ist und deren Mangel wir an vielen Stellen spüren. Es wird überall rasend schnell entwertet. Arbeit verliert an Wert und Würde, wenn sie allein dem schnellen Nutzen dienen muss und Menschen ebenso wie Waren austauschbare Glieder einer Produktionskette werden.

Vor allem technische Geräte werden immer komplexer und damit fehleranfälliger. Und vieles ist heute so gebaut, dass Defekte kaum behoben werden können.

Das stimmt. Wenn Kunden aber wieder mehr Wert auf Reparaturfreundlichkeit legen würden und der Staat Verantwortung für einen Abbau der Verschwendungswirtschaft übernimmt, werden sich auch die Konstruktionsmerkmale ändern. Hersteller sind in die Pflicht zu nehmen, Ersatzteile anzubieten. Sobald das vorgeschrieben wird, können wir auf langlebigere und reparaturfreundlichere Dinge hoffen.

Bei größeren Investitionen greifen viele Menschen zur billigeren Variante, weil sie sich die teurere nicht leisten können. Oft lohnt sich eine Reparatur dann nicht. Ist das Reparieren nur etwas für privilegierte Mitglieder der Gesellschaft?

Das glaube ich nicht. Gerade bei Möbeln wird viel Schund angeboten. Handwerklich gut gemachte Gebrauchtmöbel sind billiger, schöner und reparaturfreundlicher als die Polstergarnitur vom Discounter. Auf Dauer ist nichts teurer als Billigware.

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