© Helmut Lunghammer

"Vielliebe"
12/16/2019

Dieser Mann weiß fast alles über Polyamorie und offene Beziehung

Der Sozialwissenschaftler Stefan Ossmann hat die Vielliebe erforscht. Er erzählt, was es heißt, mehrere Menschen zu lieben.

von Gabriele Kuhn

KURIER: Was versteht man unter Polyamorie genau?

Stefan Ossmann: Der Überbegriff lautet konsensuale Nicht-Monogamie und die Polyamorie ist ein Unterbegriff, so wie Swingen, Cruisen oder die offene Beziehung. Polyamorie muss konsensual sein, zwei Menschen oder eben mehr müssen dafür sein, die Beziehung zu öffnen. Nach oben gibt es kein Limit. Es braucht Emotionalität und intime Praktiken.

Und die Langfristigkeit ist ebenso ein Aspekt. Eine Poly-Beziehung unterscheidet sich massiv von einer offenen Beziehung, wo es meist um kurze zusätzliche Abenteuer geht. Dann gibt es noch das Cruising, was eigentlich aus der Homo-Szene kommt und man auch zum Thema Sexpartys einordnen kann. Cruising macht man allein, Swingen meist zu zweit. Das ist außerdem ein wenig verbindlicher. Schließlich wäre da noch die „Relationship-Anarchy“, also die Beziehungsanarchie. Das wird, um es mit Steve Jobs zu sagen, das nächste „Big Thing“, denke ich.

Warum - und was ist Beziehungsanarchie überhaupt?

Nun, was Polyamorie auszeichnet ist, dass es meist sowas wie Hierarchien gibt – es gibt eine Primärbeziehung und Sekundärbeziehungen. Und dazu ein klares Regelwerk, wie oft man sich mit diesen Personen treffen darf. Zum Beispiel, wie man Urlaub miteinander verbringt. Mit der Primärbeziehung fahre ich zwei Wochen nach Griechenland, mit der Sekundärbeziehung drei Tage in die Therme in die Steiermark, mehr nicht. Beziehungsanarchie hat diese Hierarchisierung nicht. Heißt: Alle Personen sind zum Zeitpunkt des Gemeinsamseins gleich wichtig.  Dass das wichtig wird, ist eine Einschätzung von mir, weil es die Hierarchisierung aufhebt und weil Poly noch einen anderen Punkt dabei hat – es ist eigentlich ein linkes Konzept.

Es hat also auch eine politische Dimension.

Wie gesagt, Polyamorie ist eigentlich ein linkes Konzept. Würde man eine Studie machen und das Wahlverhalten von Poly-Menschen erheben, könnte man das ganz klar sehen. Es ist aber andererseits auch – und das hören die Leute nur ungern – ein neoliberales Optimierungskonzept. Vor allem dann, wenn ich aus einer Beziehung komme. Ich habe eine Beziehung, und das sieben Jahre, die ist eh großartig, aber es fehlt etwas – auf sexueller Ebene oder was auch immer. Jetzt gehe ich raus und suche mir einen weiteren Partner oder Partnerin, im Versuch, mein Leben auf diese Weise zu optimieren. Ich suche mir das Fehlende und wenn es mit dem Partner nicht funktioniert, schaue ich wieder weiter. Und dieses Optimieren ist eben gerade sehr angesagt.

Und die offene Beziehung – wie funktioniert die?

Die ist Verhandlungssache, meist gibt es Regeln. Etwa die Fußballspiel-Regel: Es gibt ein Heimspiel und ein Auswärtsspiel – was aber bedeutet, sich mit dem/der Anderen nicht öfter zu treffen, um die Gefahr einer emotionalen Nähe nicht aufkommen zu lassen. Dann die Postleitzahl-Regel: Bei mir in der Gemeinde, im Bezirk, Stadt nicht – wenn du am Wochenende nach St. Pölten fährst, ist es mir wurscht. Oder die Reisepass-Regel: In Österreich, wo ich meine Familienstruktur habe, den Freundeskreis und wir uns alle kennen, sind wir einander sexuell treu. Wenn du nach England auf Konferenz fliegst, oder nach Deutschland als Staubsaugervertreter musst, ist es mir wurscht.

Wie viele Österreicher sind polyamourös?

Wir wissen es nicht, auch nicht weltweit. Den Studien, die es dazu gibt, ist nicht zu trauen. Ich habe mir für meine Dissertation angesehen, welche Studien dazu publiziert wurden und woher die Papers kommen. Die einzigen Zahlen, die sich auf quantitative Erhebungen berufen, kommen aus dem US-amerikanischen Raum, das ist eine Gruppe von drei, vier Forscher, die sich immer wieder selbst zitieren. Es bleiben also Schätzungen. Meine persönliche Schätzung ist, dass in Österreich zirka fünf Prozent der Menschen polyamourös empfinden. Die also zumindest zwei Menschen auf ähnlich hohem Niveau lieben und begehren. Noch einmal 0,5 Prozent leben das wirklich aus, und von denen sind es zirka ein Zehntel, die sich auch outen.

Warum werden Menschen polyamourös?

Ich habe mir die Lebens- und Liebeshistorie von Menschen angesehen, die polyamourös leben. Was war der Punkt in ihrem Leben, dass sie der Monogamie abschwören und sich auf Poly einlassen? Da gibt es sehr unterschiedliche Gründe. Es sind Menschen, die sich aus einer Beziehung heraus in eine andere Person verlieben. Wo man seit Wochen und Monaten in jemanden aus dem Büro verliebt ist, und die Sexualität erst danach kommt. Dann gibt es die klassische, sexuelle Affäre, aus der sich dann etwas entwickelt. Und schließlich gibt es solche, die lange monogam mit jemandem lebten, sich trennten und nun überlegen, was Neues zu leben, weil die Monogamie gescheitert ist. Indem sie die nächste Beziehung, die sie eingehen, für mehrere Personen offen gestalten. Da ist alles möglich.

Sind das vor allem jüngere Menschen?

Definitiv nein. Die Jungen sind die, die in den sozialen Medien präsent sind. Man sieht sie mehr. Und es ist auch ein bisserl ein Hipster-Phänomen geworden, vor allem in Deutschland, und da wiederum in Berlin. Heißt: Ich habe ein Stoffsackerl, trage Leinenhosen, als Mann brauche ich einen Haardutt und Bart sowie ein MacBook-Air, fahre mit einem Rennradl von Peugeot aus den 1980er-Jahren durch die Gegend und dann mache ich noch meine Beziehung auf, weil das auch dazugehört. Und Fleisch essen tu ich sowieso nicht. Das ist die Hipster-Komponente. Was ich aber vor allem bei Polytreffen in Deutschland gesehen habe, sind Menschen 50, 55 Plus. Da ist die Reproduktion erledigt, die Kinder sind aus dem Haus.  Man setzt sich mit dem Leben auseinander, der Caring-Aspekt spielt ein wenig mit. Es geht um die Frage, wie man den Lebensabend verbringen will. Manchmal ist es auch so, dass einer der Partner keinen Sex mehr haben möchte oder kann oder es gibt bestimmte Vorlieben, die er mit dem eigenen Partner nicht ausleben kann. Eine relativ große Anzahl der Personen, die ich interviewt habe, sind über ihre BDSM-Neigungen in die Polygeschichte gekommen. Die waren monogam haben dann entdeckt haben, dass sie eine BDSM- Neigung haben, die sie zwei Mal in der Woche ausleben gehen, um dann wieder heimkommen und sich auf die rosarote Couch zu setzen.

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