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freizeit Leben, Liebe & Sex
12/15/2019

Soll ich meiner Frau einen Seitensprung zu Weihnachten schenken?

Eine Forscherin schlägt vor, einen "Freibrief für Seitensprünge" auf den Gabentisch zu legen. Was eine Expertin dazu sagt.

von Gabriele Kuhn

Nach wie vor gilt Untreue als einer der häufigsten Trennungs- und Scheidungsgründe – Gelegenheiten dazu gibt es mehr denn je, nicht zuletzt der digitalen Möglichkeiten wegen. Seitensprung- und Dating-Plattformen boomen und wer will, tindert sich unverbindlichen Sex. Längst keine reine Männersache, wie so manche immer noch denken: „Frauen begehren und betrügen, sie sind nicht für die Monogamie gemacht“, behauptet die bekannte Anthropologin und Sozialforscherin Wednesday Martin gar in ihrem Buch „Untrue. Warum fast alles, was wir über weibliche Untreue zu wissen glauben, unwahr ist.“

Das weibliche Geschlecht sei aus ihrer Sicht keineswegs zurückhaltender oder züchtiger. Denn schon nach wenigen Beziehungsjahren würde sich sexuelle Langeweile einschleichen und damit die Lust auf Abwechslung steigen. Frauen hätten ein uneingeschränktes Recht auf sexuelle Autonomie, völlig unabhängig vom Begehren des Mannes. In einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Telegraph“ schlug die Forscherin daher folgendes vor:„Schenken Sie Ihrer Partnerin einen Freipass für einen Seitensprung.“ Im Gegenzug hätte man dann ja vielleicht auch seinen legitimierten Spaß.

Geh fremd, du hast meinen Segen!

Klingt nach fröhlicher Weihnacht – aber ist die Idee eines „Geh fremd, du hast meinen Segen“ wirklich klug? Das kommt auf die Herangehensweise an. In der Praxis der Sexualtherapeutin Beatrix Roidinger sitzen immer wieder Menschen, die ihre Beziehung öffnen wollen.

Die offene Ehe ist eines von vielen Konzepten aus der Reihe „einvernehmliche Nicht-Monogamie“. Dazu gehört übrigens auch das „Swingen“, der gemeinsame Besuch eines Swingerclubs oder die „Polyamorie“, die emotionale und sexuelle Mehrfachbeziehung auf freiwilliger Basis, bei der alle Beteiligten voneinander wissen. Der wesentliche Unterschied zu „Poly“: Im Rahmen der offenen Beziehung geht’s oft auch nur um ein kurzes Abenteuer. Ob polyamor oder offene Ehe – der Schritt dahin muss wohlüberlegt sein.

„Ich denke, dass sich da einige Menschen überfordern. Ich erlebe immer wieder Paare, die das tun möchten, aber wahnsinnig großen Druck empfinden, auch Angst und Unsicherheit. Gleichzeitig ist da eine große Sehnsucht. Aber zu denken, die Beziehung ist wackelig und funktioniert nicht mehr und man holt sich schnell mal was von außen, wird nicht funktionieren. Das ist kein Heilmittel und kann der Anfang vom Ende sein.“ Ein flapsiges „Dann geh‘ halt mal fremd und vernüg‘ dich“ kann also nach hinten losgehen. Überhaupt, wenn der eine es nur dem anderen zuliebe tut. Die Sexualtherapeutin würde also keinem Paar einfach so raten, sich zu öffnen, weil’s gerade lustig ist. „Da braucht es schon sehr reife und reflektierte Persönlichkeiten.“

Andererseits sei eine offene Beziehung aber sehr wohl die Chance, sich neu zu definieren, überhaupt, wenn man sonst ein gutes Team ist. „Manchmal haben Paare, die sehr lange zusammen sind, keinen Sex mehr. Jetzt ist es aber so, dass wir heute 80 oder 90 Jahre alt werden – bei relativ guter Gesundheit. Das wäre dann schon eine lange Zeit, um asexuell zu leben. Wenn es nicht gelingt, die Lust aufeinander auf anderem Wege wieder anzufachen, ist es eine Lösung für Menschen, die gut miteinander leben, Kinder miteinander haben oder sogar eine Firma, sich Sex von außen zu holen. Ich kenne einige Paare, die so tun“, erzählt Beatrix Roidinger.

Sich als Paar wieder näherkommen

Die Frage ist nur: Wie geht das? Abenteuerlustige sollten alle Hürden und Folgen ihrer Ambitionen gut reflektieren. „Von Anfang an ist es besonders wichtig, sich zu fragen, warum man das überhaupt machen möchte. Es gilt, sich Fragen zu stellen: Was ist meine Sehnsucht? Was funktioniert in der Beziehung nicht?“, rät Beatrix Roidinger. Das Öffnen der Beziehung birgt nämlich auch so manche Chance: „Man kann sich auf diese Weise als Paar wieder näherkommen, weil da alle intime Themen mitschwingen: Was willst du sexuell? Wie geht es dir mit mir? Was ist deine Sehnsucht? Wo sind deine Grenzen? Es bietet also viele Perlen, persönlich und aneinander zu wachsen.“ Eben weil man sich mit sich auseinandersetzen muss – und sich Ängsten, Kränkungen oder Leidenschaften stellen. „Oft führt das dazu, dass sich die Partner nicht mehr nur gegenseitig die Klinke in die Hand geben, sondern endlich wieder miteinander sprechen.“

Dazu braucht’s auch Regeln – allerdings: „Regeln allein reichen nicht“, so Roidinger. Denn selbst wenn man als offenes Paar für sich beispielsweise die Regel erstellt, dass mit dem Außenpartner keine Nähe oder kein intensiver Kontakt entstehen darf, so treffen da nicht nur eine Vagina und ein Penis aufeinander: „Da hängen auch noch Menschen dran, die einander vielleicht näher kennenlernen möchten.“

Das Leben und Lieben funktioniert eben nicht wie eine Exceltabelle – und natürlich stellt sich die Frage: Was ist mit der Eifersucht? Kann man sich die abgewöhnen? „Jein“, sagt Roidinger und: „Über dieses Thema habe ich schon viel nachgedacht und auch geredet. Ich denke, Eifersucht ist ein mächtiges Gefühl, das über Jahrtausende gewachsen ist, weil es immer auch Verlust und Gefahr signalisiert hat. Das war wichtig fürs Überleben, ist im alten Teil des Gehirns verankert.“ Hinter Eifersucht steht nicht nur Besitzdenken, sondern eine tiefe Verlustangst, die Angst, allein zu sein, verlassen zu werden. Und: „Ein großer Teil davon ist gesellschaftlich gemacht.“

Eifersucht "desensibilisieren"

Die Sexualtherapeutin ist überzeugt, dass man Eifersucht nicht gänzlich überwinden kann, aber sie lässt sich „desensibilisieren“: „Eine Frage der Übung, ich habe schon öfters gesehen und erlebt, dass sie gelingt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad – und wirklich nur achtsam und bewusst mit dem eigenen Partner.  Wenn mein Mann fremdgeht und ich mir nur sage, okay, ich gewöhne mir jetzt halt die Eifersucht ab, ist das nicht bewältigte Eifersucht, sondern Flucht. Das wird nicht funktionieren.“ Man müsse dieses Thema als Paar gemeinsam angehen – sich die Eifersucht als Sammelsurium der Gefühle anschauen, etwa als Angst vor dem Altern oder Sterben. „So ist es möglich, sie zu transformieren und dann zu schauen, was der andere braucht, um sich in der offenen Beziehung besser und sicherer zu fühlen.“, sagt Roidinger.

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