In festgefahrenen Familienkrisen fühlen sich Eltern oft hilflos. Wenn Konflikte eskalieren, sollte man sich professionelle Hilfe holen.

© Getty Images/iStockphoto/shironosov/iStockphoto

freizeit Leben, Liebe & Sex
07/15/2021

Was Eltern tun können, wenn ihnen die Kinder entgleiten

Bei Problemen mit Kindern kann die Abwärtsspirale manchmal kaum aufgehalten werden. Statt Schuldzuweisungen brauchen alle Beteiligten Hilfe von Experten.

von Marlene Patsalidis, Daniela Davidovits

Egal ob es um Schulverweigerung, Alkohol, Drogen, Computerspiele, psychische Probleme oder schlechte Freunde geht: Eltern haben meist keine Erfahrungen mit solchen Krisensituationen, weiß Familienberaterin Ines Berger. "Woher sollen sie wissen, wie es geht? Sie müssten früher sagen 'Wir haben ein Problem als Familie und brauchen Hilfe.' Viele bringen mir ihr Kind und wollen, dass ich es repariere. Aber niemand ist schuld, nicht die Kinder, nicht die Eltern. Meist ist die Beziehung sehr verfahren."

Laura Füller (Name geändert) dachte zuerst, dass ihre Tochter nur in einer Pubertätsphase ist, in der sie abnehmen will. Dass sie die weiten Kleider trägt, weil sie in Mode sind. "Dann habe ich gemerkt, dass die Magersucht eine Krankheit ist, die wir nicht besiegen können."

Was tut das Umfeld

Der Besuch bei einer Kinderpsychiaterin half nicht. Das Gewicht fiel, die Verzweiflung stieg. Bis sie nach fünf Monaten in der Abwärtsspirale und der Warnung einer Kinderärztin die Notbremse zog und ihre 12-jährige Tochter ins Spital brachte. "Die Situation dort war schrecklich und so, wie ich es vermeiden wollte. Meine Tochter hat immer gesagt, sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich sie 'abschiebe'."

Neben der Sorge um ihre Tochter waren die Vorwürfe anderer eine Belastung. "Ich hätte nicht gewusst, wie ich es anders lösen soll. Die Ärzte haben mir vorgeworfen, warum es so weit gekommen ist", erzählt sie. "Ich habe die Schule um Hilfe gebeten und die Diagnose mitgeteilt. Ich hätte mir gewünscht, dass die Turnlehrerin mit ihr spricht oder man Maßnahmen setzt. Meine Tochter wollte keinesfalls, dass es bekannt wird – und wir haben mitgespielt."

Beraterin Berger beobachtet problematisches Verhalten sowohl bei vernachlässigten Jugendlichen als auch bei Kindern besonders fordernder oder behütender Eltern. "Teenager rebellieren, speziell wenn man ihnen vermittelt, dass sie nicht okay sind. Dann sinkt ihr Selbstwert und sie suchen außerhalb der Familie. Eltern sollten herausfinden, was ihr Kind braucht – das können klare Grenzen sein oder mehr Verständnis."

Oft hört sie von Eltern Sätze wie "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" oder "Mein Kind muss sich das Vertrauen erst verdienen". Und dass es sich nicht an Vereinbarungen hält. "Aber es stellt sich heraus, dass es keine Vereinbarung war, sondern ein Befehl. Und wehren sich Jugendliche. Für sie macht es keinen großen Unterschied, ob sie um 23 Uhr oder 23.12 Uhr heimkommen. Sie wollen auf Augenhöhe kommunizieren."

Berger rät Eltern, ihre eigenen Ängste gegenüber ihrem Kind zuzugeben. Mit einer Formulierung "Ich mache mir Sorgen, wenn du spät unterwegs bist" könne ein Jugendlicher mehr anfangen als mit Verboten. "Ich habe eine Klientin, die mit ihrer Tochter ausgemacht hat, dass sie per Handytracking sehen kann, wo sie ist. Andere machen das hinter dem Rücken ihrer Kinder und die schalten es aus, sobald sie draufkommen." Das "System" sei oft keine Hilfe, es komme auf die handelnden Personen an, stimmen Füller und Berger überein: "Wenn man an einen Betreuer kommt, mit dem es nicht passt, kann es noch mehr eskalieren."

Bevor es zu einer Kindesabnahme kommt, "wird geprüft, ob das Kindeswohl durch gelindere Mittel geschützt werden kann", sagt Ingrid Pöschmann von der MA 11. Erfolgt eine Gefährdungsmeldung, etwa durch Schulen oder Nachbarn, wird ein standardisierter Prozess in Gang gesetzt: "Wir gehen der Meldung nach und treffen, je nach Dringlichkeit und Risiko, eine Priorisierung in der Bearbeitung. Dann machen wir uns durch Telefonate und persönliche Gespräche mit der Familie und dem Umfeld ein umfassendes Bild der Situation."

Wird ein Unterstützungsbedarf erkannt, wird in Zusammenarbeit mit der Familie ein Unterstützungsplan skizziert. Neben ambulanter, verpflichtender Erziehungsberatung ist eine stationäre psychiatrische Unterbringung möglich, aber auch eine Kindesabnahme. "Wichtig ist uns, die Eltern aktiv ins Boot zu holen und auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren. So gelingt es am ehesten, dass die Hilfe annehmen."

Erziehungshilfe

In akuten Krisensituationen können Kinder übergangsweise bei Krisenpflegeeltern (bis 3 Jahre) oder im Krisenzentrum untergebracht werden. Wenn eine längere Fremdunterbringung im Interesse des Kindes unausweichlich ist, ist klar, dass die Eltern weiter in die Betreuung miteinbezogen werden, auch wenn das Kind nicht mehr zuhause, sondern bei Pflegeeltern oder in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft lebt.

Der erste Tag der Fremdunterbringung ist der erste Tag der Rückführungsarbeit, sagt Pöschmann: „Wir agieren nie leichtfertig und erarbeiten mit Eltern, was es braucht, damit das Kind wieder sicher heimkehren kann.“

Partner in Krisen

Dass mit der Kinder- und Jugendhilfe oft nur Kindesabnahmen assoziiert werden, bedauert Ingrid Pöschmann. Sie ist Leiterin des Referates Inklusion der MA 11, die in Wien für den Kinder- und Jugendschutz zuständig ist. Die Sozialpädagogin wünscht sich ein akkurateres öffentliches Bild: "Natürlich wollen wir Kinder schützen, aber auch Familien stützen." Man versteht sich als Serviceeinrichtung für Eltern, "die sich überlastet fühlen". Nicht die Notfall-Versorgung von Kindern stehe im Fokus, "sondern die präventive Begleitung".

In Wien werden werdende Eltern mit einem Wickelrucksack ausgestattet. Neben nützlichen Goodies finden baldige Mütter und Väter darin den Kontakt zur Elternberatung der MA 11. "Wir wollen möglichst bald bei den Müttern und Vätern andocken. Sie sollen wissen, dass sie sich an uns wenden können."

Die Paar- und Familienberatungsstellen MA 11 bieten anonyme und kostenlose Beratung in familienrechtlichen Fragen und bei psychosozialen Konflikten an. Ziel ist, die Erziehungsfähigkeit zu fördern und "darauf zu achten, dass das Kind mit seinen Bedürfnissen gesehen wird". In den Familienzentren können Elterngruppen ((Stillgruppen, Pubertätsgruppen, etc.) besucht werden, um sich auszutauschen. In den längerfristigen Eltern-Fit-Vortragsreihen bereiten Hebammen, Ärztinnen und Ärzte sowie Juristinne und Juristen auf die Geburt und das Leben mit Kindern vor. Ein spezielles Angebot gibt es für Eltern von Kindern mit Behinderungen: "Spezialisten kommen nach Hause und entlasten Eltern im Alltag."

Wenn ihre Tochter aus dem Spital kommt, gibt es eine angeordnete Familientherapie, erzählt Füller. Was sie Eltern rät, die mit der Situation überfordert sind? "Nie das Kind aufgeben und sich nicht die Fähigkeit absprechen lassen, – wieder – für das Kind sorgen zu können."

Familienberatungsstellen
Die MA 11 bietet in Wien psychosoziale/rechtliche Beratung (01 4000-8011). Österreichweit organisieren Diözesen oder Caritas
Unterstützung für Familien (familienberatung.gv.at)

Wiener Kinderfreunde
Die Wiener Kinderfreunde bieten thematisch breite Konflikt- und Lebensberatung (kinderfreunde.at)

Frühe Hilfen
Aktuell sind 26 regionale Netzwerke der Frühe Hilfen in Österreich begleitend aktiv (fruehehilfen.at)

Die Möwe
In Kinderschutzzentren in Wien/Niederösterreich bietet die Möwe Kindern/Bezugspersonen Hilfe bei Gewalterfahrungen (die-moewe.at)

Das Leben mit Kind ist für viele Familien von Tag eins an "eine Herausforderung", weiß Sabine Haas, Leiterin des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen Österreich. Das Angebot der Organisation richtet sich an alle Neo-Eltern, "besondere Aufmerksamkeit gilt aber Familien, die ihre Lebenssituation schon vor der Geburt als belastend erlebt haben". Etwa wegen finanzieller Unsicherheiten, beengtem Wohnraum oder fehlenden Zukunftsperspektiven. Auch der Anspruch der Eltern an sich selbst erzeugt Druck. Wird der Umstieg auf das Leben mit Kind als überwältigend erlebt, "kann es schwierig sein, einfühlsam und ruhig mit dem Kind umzugehen".

Die Frühen Hilfen suchen zusammen mit Müttern und Vätern nach Lösungen, beraten kostenlos, vorbeugend, niederschwellig und langfristig. Wenn Babys unaufhörlich weinen, gilt es, "zu erkennen, wie man sich selbst am besten entspannen kann". Gelingt das durch Bewegung, bietet sich ein Spaziergang mit Kinderwagen an. Auch Musik, Atemübungen, kalte Handduschen oder das Herunterzählen von 30 auf 0 können hilfreich sein. Hat man das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, legt man das Baby am besten an einen sicheren Ort und verlässt für fünf Minuten den Raum. Haas: "Spätestens nach solchen Situationen sollte man sich Expertenrat holen."

Eltern fehlt oft Faktenwissen über Erziehung und auch über die Krisen,  beobachtet Pubertätsexpertin Ines Berger. "Niemand hat ihnen beigebracht, wie es geht. Leider wird es als Versagen gesehen, wenn man sich Hilfe holt. Aber es ist genau umgekehrt."

Eltern müssten auch ihre eigenen Verhaltensmuster und Gefühle hinterfragen: "Warum stört mich ein bestimmtes Verhalten so sehr – und was hat das mit meiner Jugend zu tun?" Berger hat bei Klienten sehr heikle Situationen erlebt, in denen es essenziell war, dass alle an einem Strang ziehen: "Es ist wichtig, dass Eltern und Kinder nicht gegeneinander kämpfen. Es gibt uns als Familie und wir haben gemeinsam ein Problem – und müssen uns Konflikten stellen."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.