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09/09/2021

Soziologe Heinzlmaier: Viele Jugendliche entfernen sich von der Politik

Soziologe Bernhard Heinzlmaier hat die Folgen der Pandemie für die Jugend erforscht.

von Ute Brühl

Auf die Unterschiede kommt es an, sagt der Soziologe und Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. In seinem Buch „Generation Corona“ beschreibt er, wie ausdifferenziert die junge Generation ist und wie einzelne Milieus die Pandemie getroffen hat.

KURIER: Herr Heinzlmaier, die Jugend hat Corona besonders zu spüren bekommen. Ist das auch das Resümee Ihrer Untersuchungen?

Bernhard Heinzlmaier: Die Krise hat die gesellschaftliche Mitte und die Unterschichten besonders getroffen. Das gilt auch für die Jugend. Diese Schichten sind es, die die Zeche dafür zahlen dürfen, aber nicht mehr gehört werden. Der politische Diskurs spielt sich nur noch im oberen Gesellschaftsdrittel ab – die anderen dürfen zuhören. Die Mittel- und die Unterschicht entfernen sich immer stärker von Staat und Politik, weil die Politik unfähig ist, mit diesen Schichten in einen konstruktiven Dialog zu treten. Die in der Mitte haben unglaubliche Abstiegsängste.

Viele Branchen suchen händeringend Arbeitnehmer und Lehrlinge. Das ist doch auch eine Chance und kein Grund für Abstiegsängste.

Ja, es gibt einige akademische Berufe, in denen Fachkräfte dringend gesucht werden – etwa Informatiker. Es gibt aber in vielen akademischen Bereichen eine Überproduktionskrise, die am Ende zur Entwertung der individuellen Abschlüsse führt. Hier ist die Konkurrenz ungemein groß. Wenn ich als Soziologe einen Studienleiter suche, melden sich 200 junge Leute, die alle besser ausgebildet sind als ich – und die werden zwischen 1.200 und 1.400 netto verdienen.

Und wie sieht es bei Lehrstellen aus? Die Industrie findet keine Lehrlinge mehr.

Auch da gibt es diese Asymmetrie. Die Industrie sucht Lehrlinge, bekommt aber keine, weil alle, die infrage kommen, akademische Ausbildungen anstreben. Das Problem: Die Leute sagen, sie verdienen lieber weniger, haben aber das Image eines akademischen Abschlusses. Das ist für sie besser als ein Handwerker zu sein, der abends schmutzig nach Hause geht.

Die Jungen schauen laut Ihren Untersuchungen aber gar nicht so pessimistisch in die Zukunft. Wie erklären Sie sich das?

Man kann Enttäuschte nicht mehr enttäuschen.

Aber wenn ich enttäuscht bin, schaue ich doch nicht positiv in die Zukunft.

Man muss differenzieren: Junge Menschen schauen positiv in ihre persönliche Zukunft. Das zeigen alle Studien der vergangenen 20 Jahre. Gleichzeitig haben sie eine negative Sicht auf die Zukunft der Gesellschaft. „Diese wird untergehen und ich werde es trotzdem schaffen,“ meinen sie. Was Corona betrifft: Man nimmt viel hin. Überhaupt versuchen die, die in der Mitte sind, den Aufstieg. Diesen wollen sie eher durch Anpassung als durch Auflehnung erreichen. Sie erleben Corona und die Umstände zwar als schmerzhaft, aber es wirft sie nicht aus der Bahn. Es ist nicht so völlig unerträglich und man hofft, dass es vorbeigeht.

Buchtipp: Bernhard Heinzlmaier:
„Generation  Corona“ Verlag Hirnkost.
164 Seiten. 18,50 Euro

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