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freizeit Leben, Liebe & Sex
12/28/2020

Selbstmord? "Bei dem Wort reißt es mich"

Der Journalist Golli Marboe über den Tod seines Sohnes, sein größtes Versagen und Schlüsselfragen für Hinterbliebene.

von Johanna Hager

KURIER: Seit dem 26. Dezember 2018 ist Ihr Leben, wie Sie im Buch "Notizen an Tobias“ (erscheint im Frühjahr 2021) schreiben, ein anderes. Ihr Sohn hat sich mit 29 Jahren das Leben genommen. Ihrem Appell folgend – "Reden wir bitte über die Ursachen von Suiziden“: Wie schwer oder leicht fiel es Ihnen, über Tobias‘ Tod zu sprechen und zu schreiben?

Golli Marboe: Es drückt am Herzen. Man kann über nichts anderes nachdenken als über die Ursachen und Umstände, warum es zu so einem Unglück gekommen ist. Gerade als Journalist drängt es sich auf, dass man damit irgendwann nach außen geht. Mir ist es vielleicht leichter gefallen, doch ich glaube, dass es allen Müttern, Vätern, Geschwistern und Freunden hilft. Für mich hat sich ein Knoten gelöst.

Ernst Leo „Golli“ Marboe (Jahrgang 1965) ist seit 2015 freier  Journalist, Vortragender an Hochschulen und Speaker zu Medienfragen. Zuvor war er  25 Jahre lang als TV- und Filmproduzent tätig. Sein Vater, Ernst Wolfram Marboe, war Landes-, Fernseh- und Programmintendant des ORF. Golli Marboes.  Sohn  Tobias, der Künstler tätig war,  nahm sich 2018 das Leben. "Notizen an Tobias“: Am 23.Februar 2021 erscheinen im Residenzverlag Marboes Aufzeichnungen, die er nach dem Tod seines Sohnes zu schreiben begonnen hat.

Inwiefern hat sich ein Knoten gelöst?

Ich muss nach keinen Verlegenheiten suchen, niemandem erklären, warum ich vielleicht trauriger bin als andere. Nicht zuletzt erleichtere ich damit auch anderen, auf mich zuzugehen, denn viele denken: Darüber darf man nicht reden.

Konnten Sie denn gleich reden?

Ich bin erst Wochen danach draufgekommen. Durch ein Phänomen, das ich inzwischen Geheimloge nenne. Viele, viele meiner Bekannten kamen nach Jahren des einander Kennens auf mich zu und sagten: „Meine Mutter hat sich das Leben genommen, aber bitte sage es niemandem.“ Oder: „Ich selbst habe so etwas überlebt.“ Drei bis vier Menschen nehmen sich pro Tag in Österreich das Leben. Dazu kommt eine Dunkelziffer vom Zehn- bis Zwanzigfachen an gescheiterten Versuchen. Daran erkennt man, wie viele das Thema betrifft.

In der Öffentlichkeit tut sich folgende Problemstellung auf: Nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ gab es eine Häufung an Suizidfällen. Auch deshalb wird u. a. in Medien nicht über Suizide auf Eisenbahnstrecken berichtet – um Nachahmungen zu verhindern. Wie schaffen wir den Balance-Akt?

Da gibt es eine eindeutige Antwort: Es kommt auf das Wie an. Es darf nicht sein, dass wir die Würde der Betroffenen verletzen, indem wir Fotos von Fundorten zeigen. Denn damit verletzen wir auch die Würde der Hinterbliebenen. Wenn ich mir aber überlege: Was waren die Umstände, die zu dem Unglück führten? Warum wird nicht darüber gesprochen, wie Ängste entstehen und warum man sie hat? Wenn ich Menschen also die Möglichkeit gebe, sich zu artikulieren, solange sie noch leben, und Hinterbliebenen, wenn das Unglück geschehen ist, dann eröffne ich Perspektiven und bin solidarisch.

1.209 Menschen nahmen sich laut Statistik 2018 das Leben.  Damit sterben in Österreich fast dreimal so viele Menschen durch Suizid wie im Straßenverkehr.

Hilfe und Beratung: Kostenlose Telefonseelsorge unter 142 oder Online unter www.suizid-praevention.gv.at

Also kein Werther-Effekt …

Kein Werther-Effekt! An der Med-Uni Wien wurde eine Kommunikationsmethode in Anspielung auf Mozarts „Zauberflöte“ entwickelt: der Papageno-Effekt. Papageno hat die große Sorge, dass er seine große Liebe Papagena nie wieder sehen wird. Dann kommen als Hilfe von außen drei Knaben, die sagen, er solle nur sein Glockenspiel einsetzen, dann werde alles wieder gut und er Hoffnung haben. Die Drei glauben, dass alles wieder gut werden kann, und wie wir alle wissen, geht die „Zauberflöte“ gut aus. Der Papageno-Effekt zeigt, dass wir einen Menschen nicht nur in der Stunde seines Todes, sondern in seinem ganzen Lebenswerk begreifen und beschreiben können und sollen. Ich muss nicht schreiben, wie er sich das Leben genommen hat.

Welche Fragen müssen wir demgemäß stellen?

Hat das etwas mit unserem Wirtschaftssystem zu tun? Mit der Art und Weise, wie wir Familie leben? Hat es etwas damit zu tun, dass wir alle viel zu stolz sind, Schwächen und Probleme zuzugeben – und plötzlich kommen wir zu ganz anderen Themen.

Welche Fragen haben Sie sich gestellt?

Zuerst muss ich sagen: Es gibt kein größeres Versagen als den Tod des eigenen Kindes. Mein Leben ist dadurch für immer eingeschränkt und beschädigt. Da geht es nicht um mein Leben, sondern um die Verantwortung, die du als Vater hast. Dass du dem Kind nur das Gute wünscht, nichts sehnlicher erhoffst, als dass der Mensch, den du begleitest, ein glücklicher wird. Das ist mir nicht gelungen und die Schlüsselfrage, die sich jeder Hinterbliebene sein Leben lang stellen wird. Abgesehen davon gibt es drei Dinge, mit denen ich hadere.

Was lässt Sie hadern?

Wir wissen zu wenig davon, wie man mit psychotischen Schüben umgehen kann. Tobias könnte noch am Leben sein, wenn er Medikamente gegen seine Angstzustände und Einsamkeit bekommen hätte. Medikamente, die ihm das Leben ermöglicht und nicht welche, die ihn dumpf gemacht hätten. Wir haben immer noch viele Vorurteile gegenüber Psychopharmaka. Zweitens hadere ich mit dem Stolz in Familien wie unserer, dass man sich nicht öffnet, sondern gefälligst als Marboe die Probleme zu lösen hat. Eine seltsame Mischung aus Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Verzweiflung. Das Dritte, womit ich hadere, das ist das gesellschaftliche Klima.

Präzisieren Sie bitte gesellschaftliches Klima.

Das Klima zeigt sich, wenn Außenseiter in der Gesellschaft nur Signale bekommen, dass sie nicht erwünscht sind. Wenn man Flüchtlinge nicht ins Land, die Opposition nicht zu Wort kommen lässt und bei Skirennen auf ausländische Athleten mit Eisschneebällen wirft. Ein gesellschaftliches Klima, das damals unter Schwarz-Blau geherrscht und sich seither nur marginal verbessert hat. Die Politik hat die gesellschaftlichen Auswirkungen mit zu verantworten. Damit gebe ich den handelnden Politikern keine Schuld …

Sondern?

Ich will damit sagen, dass alles, was wir alle tun, Auswirkungen auf das einzelne Tun der Bürgerinnen und Bürger hat. Jene, die jetzt am Rand stehen, finden einfach nicht mehr statt.

Die Corona-Pandemie stellt viele vor existentielle Probleme, bringt seelische Belastung und auch Depression mit sich. Fürchten Sie ein Ansteigen der Suizidraten?

Soweit ich das als Betroffener beurteilen kann, ist während des Lockdowns eine fast kuriose Situation entstanden. Diejenigen, die introvertierter sind, waren fast ein bisschen glücklicher als sonst, weil sie nicht mehr auf die anderen schauen mussten als quasi weniger Lebendige.

Lässt sich das belegen?

Es ist Fakt, dass die meisten Suizide nicht im November oder zu Weihnachten stattfinden – da ist Tobias eher untypisch – sondern im Mai. Das mag daran liegen, dass sich die Betroffenen dann noch einsamer fühlen, weil sie den Eindruck haben, dass alle anderen jetzt fröhlich werden. Ich befürchte, dass nach dem Lockdown und nachdem die Impfung greift, wir also in eine sogenannte Normalität zurückkehren, sehr wahrscheinlich mehr Suizide zu erwarten sind. Das sage ich nicht als Wissenschaftler, sondern aus meiner Erfahrung der letzten zwei Jahre.

Wie kann die Gesellschaft, das Kollektiv, die Politik sensibler und hellhöriger werden?

Es gibt ein schönes, demokratisches Prinzip: Die Qualität der liberalen Demokratie wird über das Wohl des Einzelnen und nicht über das Kollektiv formuliert. Der Mehrheitsentscheid in der Demokratie ist nur ein Mittel zum Zweck, weil wir zu Kompromissen kommen müssen. Die wirkliche Qualität besteht nicht darin, dass wir alle gleich werden, sondern darin, dass niemand Angst haben muss, so zu denken und leben, wie er es gerne möchte. Natürlich nur solange er die Freiheit des anderen nicht beschädigt oder gefährdet. Wenn wir also ein Klima der Offenheit haben, dann wäre viel getan. Ich bin deshalb ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Wir sollten nicht die Frage stellen: Können wir uns das leisten?

Sondern?

Wie leisten wir uns das? Die Politik darf nicht rückwärtsgewandt das bewahren wollen, was sie errungen hat und weiter tradieren, womit sie derzeit erfolgreich ist. Politik sollte versuchen, das Neue zu provozieren und die Einzelgänger, Eigenbrötler, Kreativen fördern, denn sie bringen unsere Gesellschaft weiter.

Tut die Politik genug, um Menschen mit Suizidgedanken zu helfen?

Die Suizidzahlen gehen zurück, auch deshalb, weil die Betreuung im urbanen Raum um so vieles besser geworden ist. Es gibt in Wien das Kriseninterventionszentrum, den psychosozialen Dienst, die Telefonseelsorge. Am Land sind die Suizidraten leider nicht zurückgegangen, denn dort ist auch das Bekenntnis zur Depression immer noch ein geringeres. Die Akzeptanz von Teilen der psychischen Gesundheit ist eine höhere geworden – bisher aber nur im wirtschaftlichen Sinn konnotiert. Über Burnout darf man sprechen, weil es wirtschaftliche Auswirkungen hat. Ich plädiere dafür, dass psychische Behandlung auf Krankenschein ohne Selbstbehalt möglich sein muss.

Mit Therapie auf Krankenschein würden sich Ihrer Meinung nach Suizide vermeiden lassen?

Gäbe es Betreuung auf Krankenschein wie im Wiener Kriseninterventionszentrum nicht, dann hätte das für uns als Familie geheißen, dass wir fünf Therapien bezahlen hätten müssen. Für uns wäre das sehr schwierig geworden. Wir fünf waren alle in Therapie, haben Medikamente genommen, die inzwischen manche abgesetzt haben. Manche von uns sind noch in Therapie – natürlich jeweils bei einem anderen Arzt.

Gibt es, wie bei den Anonymen Alkoholikern, Gruppen für Betroffene?

In Deutschland gibt es die verwaisten Eltern und Geschwister, in Österreich die Trauergruppen der Caritas, die ich nur empfehlen kann. Unabhängig, ob es in der Pfarre oder Diözese stattfindet: Dort wird man nicht gefragt, ob man religiös ist oder nicht.

"I bring mi um“, „Du bist ja lebensmüde“ sind leicht dahingesagt. Müssen wir mehr auf unsere Worte achten – auch bei der Begriffsfindung selbst? Ist Freitod oder lebensmüde adäquat?

Sie haben einen Begriff nicht genannt, der umgangssprachlich am meisten benutzt wird, nämlich: Selbstmord. Bei dem Wort reißt es mich immer. Mein Sohn ist kein Mörder. Es handelt sich bei jenen, die sich das Leben nehmen, um hochsensible, traurige, emotional beladene Menschen, die niemandem etwas antun wollen. Mord ist das übelste Verbrechen, das es gibt. Das genau jenen zuzuordnen, die selbst in der tiefsten Krise ihres Lebens stecken, passt nicht zusammen. Deshalb sagt man Suizid. Der Freitod ist eine intellektuelle Annäherung, die für spezielle Situationen auch in Ordnung geht wie bei der Sterbehilfe.

Wer glaubt, dass jemand Suizid begehen will, soll es ergo direkt ansprechen?

Ich glaube 100-prozentig sicher zu sein, dass sich noch nie jemand das Leben genommen hat, weil man ihn gefragt hat: Warum bist du so traurig? Denkst du darüber nach, dich umzubringen? Dieses Vorurteil, ich triggere damit jemanden, ist falsch. Viel mehr bringt man Menschen in eine Verlegenheit und Traurigkeit, wenn man nicht fragt, sie das Gefühl haben, dass man nicht Anteil nimmt.

Was tun, wenn jemand sagt, dass er sich umbringen will?

Früher gab es das Gerücht, wer den Suizid ankündigt, der macht ihn nicht. Das stimmt leider nicht. Ich selbst habe geglaubt, ich hätte Tobias beruhigt. Das war eine tragische Fehleinschätzung. Wir dürfen uns nicht selbst überschätzen, denn ich hätte Hilfe holen müssen. Wenn jemand einen Herzinfarkt hat, ruft man die Rettung. Wenn jemand nicht mehr aus einer Traurigkeit herauskommt, dann muss man ihn zu einem Profi bringen. Auch wenn das Kind unglaublich böse ist, sich verraten fühlt und die Beziehung infrage stellt, müssen wir das tun.

"Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, weil sie gar nicht sterben kann!“ sagte Ihr Sohn Tobias. Woher schöpfen Sie Hoffnung?

Es sind zwei Dinge, mit denen ich nicht hadere. Ich hadere nicht mit dem lieben Gott. Die Theodizee-Frage („Wie kann Gott das zulassen?“) ist immer eine furchtbare Einschränkung unserer eigenen Freiheit. Wir selbst sind göttlich und dürfen unser Leben empfinden, haben sogar die Möglichkeit, uns das Leben zu nehmen. Das macht uns zum Menschen. Ich habe zudem die Hoffnung, die Chancen sind 50:50, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Das Zweite?

Ich hatte 29 Jahre das Glück, Zeit mit Tobias zu verbringen. Er war mir einer der wichtigsten Wegbegleiter, die es in meinem Leben gegeben hat. Es gab sehr viel Schönes und Großartiges. Ich habe die Erinnerung an das kleine, süße Baby und den großartigen, erwachsenen Mann und Begleiter, der er mir war.

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