Autorin Susanne Wendel schreibt Frauen eine "dunkle Seite" zu.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/21/2020

Manipulativ und subtil: "Frauen verstecken ihre Gemeinheiten"

Autorin Susanne Wendel geht mit dem eigenen Geschlecht hart ins Gericht – und sieht darin Potenzial für mehr Gleichberechtigung.

von Marlene Patsalidis

In ihrem neuen Buch "Männer sind Schweine – Frauen erst recht!" attestiert Susanne Wendel Frauen eine "dunkle Seite" – und damit eine Mitschuld am Geschlechterkampf. Wie dieser beigelegt und echte Gleichberechtigung erreicht werden kann, erklärt sie im Interview.

KURIER: #MeToo hat in puncto Gleichberechtigung viel bewegt, aber wohl auch neue Gräben zwischen den Geschlechtern aufgerissen. Inwieweit kann Ihr Buch beitragen, sie zu schließen?

Susanne Wendel: Ich möchte – und das bedeutet nicht, dass ich die #MeToo-Debatte herabwürdige – eine ergänzende Sichtweise aufzeigen. Als logische Schlussfolgerung aus vielen Jahren Coaching-Erfahrung mit Frauen und Männern. Da hat sich gezeigt, dass im Bereich der Paarbeziehung und der Paarsexualität die Frauen diejenigen sind, die die Macht haben und übergriffig werden. Das mag komisch und befremdlich klingen. Wenn man sich aber näher damit beschäftigt, kann jeder feststellen, dass da viel Wahres dran ist.

Sie schreiben, dass sich Frauen "ihrer dunklen Seite stellen" sollten. Wie äußert sich Gewalt von Frauen gegen Männer?

Gesellschaftlich haben eher Männer die Macht. Mehr Geld, die höheren Positionen und so weiter. Das macht das patriarchale System aus, in dem wir leben. Im Privaten ist es anders. Hier beobachte ich, dass Frauen ihre Partner manipulieren, an ihnen rumnörgeln, ihnen mit einer gewissen Verachtung gegenübertreten oder sie emotional erpressen. Wenn es um Sex geht, lassen viele Frauen ihre Männer buchstäblich am langen Arm verhungern und sie ab einer bestimmten Zeit nicht mehr ran. Geben ihnen das Gefühl, im Bett nichts zu taugen. Oder sie setzen Sex- und Liebesentzug als "Strafe" ein. Das kann für Männer verletzend sein.

Gleichzeitig sagen Frauen selten, was sie wollen. Sie lassen die Männer ins offene Messer laufen. Nun kann man natürlich Frauen in der Opferrolle sehen und sagen "Die haben nie gelernt, über ihre Wünsche zu reden". Oder man denkt um und sagt zu Frauen "Seht euch an, was ihr da macht und übernehmt Verantwortung dafür".

Das ist typisch weiblich?

Ich glaube tatsächlich, dass diese psychologische, unterschwellige, versteckte, zurückhaltende Machtausübung etwas ist, was Frauen eher machen. Männer sind – Verzeihung – eher plump.

Und sie sind vor allem auch öfter gewalttätig.

Die Frage ist warum. In einem Kapitel meines Buches habe ich recherchiert, wie die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Verbrechern sind. Es gibt ja deutlich weniger weibliche. Man kann sich nun fragen, ob Gewalt tatsächlich nicht das Ding der Frauen ist. Oder ob sie ihre Gewalt anders ausüben und besser verstecken, weil sie eher auf der psychischen Ebene passiert. Wenn männliche Gewaltverbrecher eine Therapie machen, kommt oft raus, was die Mutter ihnen angetan hat. Oder, dass sie eine Frau hatten, die sie angestachelt oder emotional missbraucht hat.

Sehen Sie Übergriffe gegen und die strukturelle Benachteiligung von Frauen durch Männer auf der gleichen Ebene wie die genannten Verhaltensweisen?

Ich glaube, dass sich Frauen in ihrer Rolle in der zweiten Reihe eingerichtet und ihre eigenen Machtstrategien entwickelt haben. Meine Botschaft ist, dass sie aufhören sollten, so zu tun, als wären sie harmlos. Stattdessen könnten Frauen sich bewusst machen, wie verletzend sie sich gegenüber ihren Partnern verhalten.

Daher auch der Buchtitel?

Genau. "Männer sind Schweine" ist ein geflügelter Satz und gesellschaftlich akzeptiert. Indem ich sage "Frauen erst recht" will ich Frauen Verantwortung geben, aber auch Power. Sobald man aus der Opferrolle aussteigt, hat man Macht.

Zum Weltfrauentag 2019 haben sie "echte Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern" gefordert. Was verstehen Sie darunter?

Wenn man von der Paarbeziehung als kleinste gesellschaftliche Einheit ausgeht und schaut, wo Frauen und Männer sich beiderseitig Gemeinheiten antun, kann man eine andere Art der gleichberechtigten Beziehung führen. Anzuerkennen, dass wir alle "Schweine sind" ist der erste Schritt zum Frieden im Geschlechterkampf.

Und das würde einen gesellschaftlichen Prozess anstoßen, der zu mehr Gleichberechtigung führt?

Absolut. Ich denke da konkret an das Thema Lohnungleichheit. Wenn man es von außen betrachtet, sieht man, dass Frauen das ein Stück weit auch fördern. Frauen suchen sich immer noch einen möglichst reichen Mann, der viel Geld verdient. Das zeigt fast jede Auswertung diverser Dating-Portale. Wenn sie eine Familie gründen, geht die Frau in den Teilzeitjob, weil das finanziell Sinn ergibt. Aber dadurch halten Frauen die alten Systeme aufrecht und fördern diese Ungleichheit.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen haben hier keinen Einfluss?

Doch schon. Die Struktur muss sich auch ändern, aber bisher wurde nur die Struktur kritisiert. Ich richte den Blick wieder auf die Paarbeziehung und schaue mir an, was sich da ändern muss.

Sehen Sie hier einen Generationenwandel?

Ich glaube schon, dass die jüngere Generation eher offen und auf Augenhöhe ist, weil Frauen auch anders aufwachsen.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Natürlich bin ich eine Feministin, weil ich will, dass wir Frauen stark sind. Wir sind genauso wertvoll wie jeder Mann. Und wir sind in Westeuropa, was das Thema betrifft, schon sehr weit. Aber ich mag das Wort "Feministin" nicht, weil das so eine bestimmte negative, kämpferische Konnotation hat.

Warum ist das Ihrer Ansicht nach so?

In den 60er- und 70er-Jahren war es notwendig, dass die Frauen kämpferisch waren. Weil es Vorkämpferinnen brauchte, um diese Strukturen überhaupt erst mal zu lockern. Aber jetzt müssen wir aufhören zu kämpfen, weil das schürt den Geschlechterkampf immer wieder aufs Neue. Ich bin für ein Miteinander. Und das erlebe ich in Beziehungen darin, dass sich beide Partner eingestehen, dass sie gemein sein können und sich darum kümmern, dass sie friedlich miteinander sind. Ich sehe in der Beziehung die Keimzelle für den Frieden. Männer, die guten Sex und glückliche Beziehungen und Familien haben, die haben keine Lust auf Krieg. Die Gegenden, wo am meisten Krieg herrscht, das sind oft die Gegenden, wo der Sex am meisten unterdrückt wird – und wo auch Frauen unterdrückt werden.

Nicht selten hört man, dass Männer seit #MeToo nicht mehr wissen würden, wie Sie Frauen anflirten sollen. Ihre Meinung dazu?

#MeToo hat das Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen dargestellt. Das war unheimlich wichtig. Viele Männer sind aber einfach eher unbeholfen, wenn es ums Flirten und den Umgang mit Frauen geht. Dass die da jetzt Bedenken haben, kann ich nachvollziehen. Es muss außerdem auch differenziert betrachtet werden. Es ist etwas völlig anderes, ob eine Frau vergewaltigt wird oder ob jemand ungeschickt flirtet. Bei Letzterem dürfen sich die Frauen lockermachen. Ich meine das ernst. Wenn mich jemand ungeschickt anflirtet, zeige ich ihm den Stinkefinger und setze eine Grenze und gut ist’s.

Essen

Susanne Wendel lebt in München und ist studierte Ernährungswissenschafterin. Mit Publikationen wie "Richtig essen im Job" und Vorträgen will sie Menschen anleiten, "herauszufinden, welche Ernährungsform, welcher Sport, welche Entspannungsmethode und welches Sexleben tatsächlich zu jemandem passt".

Sex

Seit 2012 widmet sich die Autorin verstärkt den Themen Sexualität und Paarbeziehungen. In ihren Büchern "Gesundgevögelt" und "Heute komme ich zuerst" stellt die Deutsche mit ihren Thesen alte Moralvorstellungen auf den Kopf. Für das Studium der Sexualwissenschaft kehrte sie auch an die Universität zurück.

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