Venedigs „Löwenmäuler“ waren Denunzianten-Briefkästen

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08/22/2021

"Krisenzeiten sind anfällig für Denunziantentum"

Ob Inquisition, Zarenreich oder NS-Herrschaft: Totalitäre Regime sind gut darin, an die dunklen Seiten des Menschen zu appellieren.

von Susanne Mauthner-Weber

"Nach dem Justizpalastbrand 1927 rollte eine Welle der Denunziation über die Stadt", erzählt Wolfgang Maderthaner. Das hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Im Roten Wien lebten Tausende in Solidarverbänden, in Gemeindebauten. "Nach den Kämpfen im Februar 1934 passierte genau dasselbe. Krisenzeiten sind anfällig für Denunziantentum", sagt der Historiker und stellt eine These auf: "Um zum Denunzianten zu werden, muss du in deiner eigenen Position gefährdet sein."

Wer waren die Vernaderer

Ein Blick zurück zeigt, dass vor allem totalitäre Regime gut darin sind, an die dunklen Seiten des Menschen zu appellieren. Das hat auch der US-Soziologe und Organisationsforscher Patrick Bergemann in seiner historisch-vergleichenden Untersuchung des Denunziantentums festgestellt:

Wer im Zarenreich oder während der NS-Herrschaft jemanden anschwärzte, erfüllte die Erwartungen der Autoritäten und handelte meist legal, nach heutigen Maßstäben aber verwerflich. Zum Beispiel konnte während der spanischen Inquisition jeder, der innerhalb der ersten 30 Tage eines Tribunals seine Sünden gestand, mit Milde rechnen. Sofern er gleichzeitig andere vernaderte.

Venedig, der Denunzianten-Staat?

Im Venedig des 14. Jahrhunderts wurde das Denunzieren regelrecht institutionalisiert. Jeder konnte im Dogenpalast Mitbürger anonym anzeigen. Steinerne Briefschlitze nahmen, streng nach Behörden getrennt, die Anschuldigungen auf. Anzeigen wegen Korruption landeten in dem einen Briefkasten, Beschuldigungen wegen Beschädigung der Lagune in einem zweiten und Denunziationen als Ketzer in einem dritten. Inschriften unter den sogenannten "Löwenmäulern" zeigten an, welche Beschuldigung dort gesammelt wurde. Für viele Angeschwärzte war es der Anfang eines Geheimverfahrens, das mit Folter und Tod endete.

Der Historiker Manfried Rauchensteiner zögert aber, der Lagunenstadt oder irgendeiner anderen Gesellschaft das Prädikat Vernaderer-Staat umzuhängen:

Man wird rund um den Globus etwas finden, das unter üble Denunziation fällt.

Manfried Rauchensteiner | Historiker

Exemplarische historische Fälle fallen ihm aber durchaus ein: "Etwa das 17. Jahrhundert und der Hexenwahn. Ende dieses Jahrhunderts gerieten wiederum Freimaurer in Generalverdacht, staatliche Strukturen zu zerstören."

Motive

Soziologe Bergemann unterscheidet zwischen Regimen, die Vernaderei durch Zwang und Anreize – etwa Geld oder berufliche Vorteile – fördern und jenen die auf Freiwilligkeit setzen. "Da werden dann der Schutz der Anonymität oder die Garantie der Vertraulichkeit betont", sagt Historiker Maderthaner. Das klinge fast demokratisch, sei aber in Wahrheit ein Kontrollinstrument, das Whistleblower fördert.

Bergemann hat jedenfalls Anzeichen dafür gefunden, dass ein "freiwilliges" Umfeld opportunistisches Verhalten und Denunziationen verstärkt – egal, ob im zaristischen Russland, während der NS-Herrschaft oder in der Gegenwart. Und erzählt von jener Hotline des US-Rechnungshofs, bei der Ende der 1970er Missbrauch von Bundesmitteln gemeldet werden konnte: 100.000 Leute riefen an. Nur ein Prozent lieferte brauchbare Infos.

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