© Kurier/Gruber Franz

Interview
11/07/2021

Gehirnforscher: „Wir haben nicht mehr die Zeit, um in die Tiefe zu gehen“

Jürgen Sandkühler über die Veränderungen im digitalen Zeitalter – über Gefahren und Chancen.

von Barbara Mader, Bernhard Hanisch

KURIER: Die Digitalisierung bestimmt unser Leben, ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Was hat das mit unserem Gehirn, Denken und Verhalten gemacht?

Jürgen Sandkühler: Es braucht Jahrtausende, bis sich das menschliche Gehirn an veränderte Umgebungsbedingungen anpasst. Wir leben also mit dem Gehirn aus dem Mittelalter in der modernen Welt. Klar ist, dass die Digitalisierung massive Veränderungen in unserem Verhalten und in  unserer Denkweise, verursacht hat. Wir sind jetzt aufgefordert, die Masse der Informationen zu filtern, zu bewerten, zu analysieren und darauf zu reagieren. Das führt zur Überforderung, die Menschen setzen Trotzhandlungen und Übersprungshandlungen oder agieren irrational.

Wie äußert sich das konkret?

Ich möchte drei Aspekte der Veränderungen in den letzten zehn bis fünfzehn Jahre herausgreifen. Einerseits die vielen Informationen, die man nicht mehr ordnen kann – dann blockiert man einfach. Auch Kinder leiden unter der Überforderung, sind nicht mehr zugänglich für ein längeres intensives Gespräch über ein Thema. Sie brauchen den schnellen Wechsel, wollen sich auf wenig einlassen, was Zeit, tieferes Denken verlangt. Ein weiterer, vielleicht weniger beachteter Aspekt: Der Status, den wir in der Gesellschaft haben, hat sich durch die digitalen Medien extrem verändert. Es geht nun um eine sehr schnelle Reaktion auf eine Handlung, um die unmittelbare Bewertung. Früher hat sich ein Status in der Gesellschaft langsam entwickelt, man war entweder stärker, schlauer, reicher als andere. Jetzt kann sich das in wenigen Sekunden ändern, entweder gibt’s ein Like oder Dislike. Auf diesen raschen Wechsel von Erfolg und Misserfolg sind wir emotional nicht vorbereitet.

Was bedeutet das für die Meinungsbildung?

Die dritte große Veränderung, die Kommunikation. Bisher waren wir es gewohnt, uns an Orten zu treffen, in überschaubaren Gruppen der Familie, im Freundes- oder Arbeitskreis. Jetzt ist das Forum explodiert. Wir finden für jede noch so verrückte Idee eine Gruppe, die ähnlich denkt. Die Digitalisierung bewirkt eine gefährliche Verstärkung von Extremen. Es scheint, wir denken immer weniger nach, weil es bequemer ist, im Netz zu suchen.

Das könnte unser Gehirn doch langfristig verändern?

Wie gesagt, echte genetische Veränderungen in unserem Gehirn brauchen Hunderttausende von Jahren. Was wir hier erleben, ist in der Evolution gar nichts. Das Gehirn ist in der Lage, mit den neuen Bedingungen umzugehen. Was sich tatsächlich verändert, ist unser Verhalten. Und Verhaltensänderung geschieht durch Lernprozesse. Das muss nicht immer etwas Positives sein. Man kann auch Gewalt lernen. Was wir nun lernen, ist, dass wir uns nicht mehr tief in Themen einarbeiten. Themen wechseln unglaublich schnell, werden alle nur mehr oberflächlich gestreift. Wir haben nicht mehr die Zeit, um in die Tiefe zu gehen. Einige junge Menschen sagen: Wenn mich etwas interessiert, dann google ich es. Dabei geht nicht zuletzt die Beschäftigung mit sich selbst verloren.

Wie soll man da überhaupt draufkommen, was einen interessiert?

Da tut sich eine Lücke in der Bildung auf. Wir gehen weg von  Lehrenden, denen wir geduldig zugehört und Büchern, die wir mit viel Zeitaufwand gelesen haben, hin zu der schnellen, bunten Welt des Internets. Da geht tatsächlich viel an Zusammenhängen, an aktiven Erkenntnissen verloren.  Meine Vision ist: Wir können die Digitalisierung nicht rückgängig machen, aber wir können sie zu einer besseren Form des Lernens nutzen.

Das wie geschehen soll?

Kinder, die am Computer spielen, müssen auch viel lernen. Auch sinnlosen Quatsch, das kann ja sein. Aber sie sind ganz begeistert davon, in Systeme einzutauchen, die sie interessieren. Stellen Sie sich vor, wir würden das nützen, um Lerninhalte so zu verpacken. Jahrzehntelang war es üblich, dass da unten ein Dozent steht, und liest 1.000 Studenten vor. Das ist anachronistisch. Dass alle im selben Rhythmus etwas lernen müssen, ist nicht mehr notwendig. Warum nicht eine Software einsetzen, die den gesamten Lernstoff aufbereitet, und jeder Student so nach seinem Lerntempo vorgehen kann? Kommt man nicht weiter, greift ein menschlicher Lehrer erklärend ein. Die Studenten könnten so mit ihrem eigenen Tempo und eigenen Schwerpunkten viel effizienter lernen. Die Digitalisierung hält für die Bildung und Ausbildung ein enormes Potenzial bereit.

Das heißt, ein gewisser Kulturpessimismus ist verständlich, aber eigentlich nicht begründet?

Es gab Zeiten, in denen Bücher verteufelt wurden, in der Annahme, es werden verführerische Inhalte vermittelt, die Gesellschaft destabilisiert. Ebenso wie Fernsehen und Radio. Wir waren immer im Zweifel, ob das, was die Jugend macht, nicht den Untergang der Menschheit mit sich bringt.

Vergleicht man 15- bis 20-jährige Jugendliche aus den Jahren 2000 und 2020, wo sehen Sie Unterschiede?

Mir tut jetzt bei den jungen Leuten weh, dass sie der Häme und dem Hass im Internet ausgesetzt sind. Das ist wie eine Lawine, gegen die sie sich kaum wehren können. Die Eltern sind oft nicht in der Lage, ihre Kinder zu schützen, weil sie mit diesen Medien nicht so vertraut sind. Der zweite Unterschied ist, dass wir den Verlust der Kindheit beobachten. Kinder haben eine Informationsautonomie erlangt, die den Eltern früher fremd war. Sie informieren sich so, wie sie wollen und nicht mehr, wie die Eltern es vorgeben.

Das heißt, das Leben der Kinder entfernt sich von jenem der Erwachsenen?

Es gibt den schönen Ausdruck von digitalen Einwohnern und digitalen Einwanderern. Wir Älteren sind die Einwanderer und die Kinder die digitalen Einwohner, die immer schon dort gewesen sind. Alle zusammen könnten wir es schaffen, uns die digitale Welt zunutze zu machen, anstatt uns an ihr aufzureiben.

 

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