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09/10/2020

Wohnen in der Höhle

Der mexikanische Architekt Javier Senosiain hat höhlenartige Wohnräume geschaffen und ist einer der ersten Verfechter der organischen Architektur. Seine Casa Orgánica nördlich von Mexico City zählt zu den surrealsten Bauten der Welt.

 

Ein enger, weißer Gang windet sich unter die Erdoberfläche und führt zu einer Reihe von offenen, großzügigen Räumen. Runde Luken in der Decke werfen weiches Licht auf die höhlenartigen Lounge-Bereiche. Ähnlich wie bei César Manriques Wohnlandschaften in Lavablasen sind die Möbel hier integraler Bestandteil der Raumstruktur. Das Sofa ergießt sich förmlich aus der Wand in einer ausladenden Geste. Die Räume haben nichts von den schroffen Höhlen der Urmenschen. Trotz der primitiven Reduktion der Inneneinrichtung ist die Casa Orgánica des mexikanischen Architekten Javier Senosiain eine Referenz an die Zukunft.

Vordenker des ökologischen Bauens

Senosiain ist einer der Pioniere der organischen Architektur, zu deren wichtigsten Vertretern Antoni Gaudí, Frank Lloyd Wright und Alvar Aalto zählen. Auch wenn ihr Stil zum Teil sehr unterschiedlich war, so strebten alle nach der ultimativen Harmonie von Gebäude und Landschaft. Ihre meist biomorphen Formen sollten organisch aus der Funktion heraus und in einer gesamtheitlichen Sichtweise entwickelt werden.

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Neuen Auftrieb erhielt die Strömung durch das Konzept des ökologischen Bauens, das aus der zeitgenössischen Architektur nicht mehr wegzudenken ist. Ein weiterer aktueller Anknüpfungspunkt sind die algorithmisch designten Formen der neuen digitalen Pop-up-Architektur.

Unterirdisches Wohnhaus des Architekten

Das von Senosiain entworfene Haus in Vista del Valle, nördlich von Mexico City, ist als Wohnhaus für seine Familie konzipiert. Es überblickt das zersiedelte Wohn- und Industriegebiet Naucalpan und ist dabei selbst beinahe unsichtbar. Die Wohnräume liegen unter einer hügeligen Wiese und sind zur Gänze in die Landschaft integriert. Ein Paradebeispiel organischer Architektur und zugleich ein lebendes Modell, in dem Senosiain seine Ideale kompromisslos umsetzen konnte. 

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Die gerade Linie ist in der Natur so gut wie nicht vorhanden, angefangen vom Mikroorganismus bis zum Makrokosmos, von DNA-Strängen bis zu Galaxien.

Javier Senosiain, Architekt

Die ursprüngliche Idee des Projekts ging auf die Form einer Ernussschale zurück. Zwei ovale Kubaturen mit viel Tageslicht, verbunden durch einen dämmrigen Zwischenraum. Im Originalentwurf ergaben sich durch die Zweckdienlichkeit einer Behausung zwei elementare Bereiche – ein Raum für den Tag und ein Raum für die Nacht. 

Der humane Raum

Erklärtes Ziel des Architekten war es, einen humanen Raum zu schaffen, der den menschlichen Körper einbezieht, sowohl in seinen Proportionen als auch in seiner Morphologie. Vorherrschende Meinungen darüber, wie ein Haus auszusehen hat, interessierten Sanosiain nicht. Der heute 72-jährige Architekt wehrte sich zeitlebens gegen alles Eckige, Kastenförmige und propagierte die runde Form der Natur.

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„Die gerade Linie ist in der Natur so gut wie nicht vorhanden, angefangen vom Mikroorganismus bis zum Makrokosmos, von DNA-Strängen bis zu Galaxien, alles bewegt sich in Spiralen“, erklärt der Architekt sein Formenverständnis.

„Bevor wir auf die Welt kommen, schwimmen wir im Bauch unserer Mutter, wie Astronauten im All oder in einem dauerhaften Whirlpool. Aber dann werden wir in eine Kastenform gesteckt, ein Gitterbett, und wir ziehen fortan von einem Kasten zum nächsten – Laufstall, Kinderzimmer, eckige Häuser – bis wir sterben und in einen weiteren Kasten gesteckt werden.“ 

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Die Freiheit der Form

Das Ergebnis sei ein durch und durch eckiges Leben, in dem Freiheit, Spontanität und Kreativität nur schwer gelebt werden könnten, wie Senosiain schlussfolgert. Mit seinen Entwürfen kämpfte der Visionär stets gegen diese Eckigkeit an.

Seine Vision vom behaglichen Wohnen schaute er sich stattdessen bei den Tieren ab. „In der Natur sehen wir Räume wie das Vogelnest, bei dem der männliche Part das Material beschafft, und der weibliche es mit seinem Körper den Bedürfnissen entsprechend formt. Diese Prinzipien von Funktion, Raum, Struktur und Form gelten für Tiere genauso wie für uns“, sinniert der Architekt.

Um seine runden, organischen Formen bautechnisch umzusetzen, experimentierte Senosiain anfangs mit Materialien und Konstruktionen.

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Schließlich fand er die Lösung einem gebogenen Stahlgittergerüst, auf das Zement aufgetragen wird. Diese Art zu bauen ermöglichte dem Architekten die Freiheit der Form, die er suchte. Damit ließ sich jede räumliche Rundung fugenfrei aus einem Guss herstellen. Die Form und die Bauweise brachten zudem einen Vorteil für die Statik des Bauwerks. Je mehr Wölbungen die Konstruktion aufwies, umso stabiler wurde sie.

Vom Exzentriker zur Leitfigur grüner Architektur

Der Bau seiner Casa Orgánica in den 1980er-Jahren zog sich über mehr als vier Jahre. Zu seiner Zeit galt es als Wolkenkuckucksheim eines Exzentrikers und wurde nicht ernst genommen. Diese Einstellung hat sich im Zuge des ökologischen Bauens allerdings geändert, wie der Architekt erklärt. „Heutzutage sind die Menschen umweltbewusster, und sie sehen die negativen Auswirkungen auf die Natur. Die Konzepte von Mikroklima und natürlicher Isolierung werden besser verstanden.“

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Grüne Architektur kann nicht allein Technologie, Bautechnik und Effizienz sein. Es braucht auch die räumliche Sensibilität.

Javier Senosiain, Architekt

Organische Häuser dieser Art hat Senosiain in den letzten drei Jahrzehnten bereits vielfach umgesetzt. Zu seinen Kunden zählen vor allem Künstler, Bohemiens und Naturliebhaber. Als Dozent der Universidad Nacional Autónoma de México hat er die Entwicklung des ökologischen Designs historisch begleitet. Seine Kritik gilt heute vor allem dem überspitzten Effizienzstreben. „Ich denke, grüne Architektur kann nicht allein Technologie, Bautechnik und Effizienz sein. Es braucht auch die räumliche Sensibilität. Architektur sollte immer auch Spaß machen.“

Text: Gertraud Gerst Fotos: Javier Senosiain

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