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05/14/2021

Die Kunst, mit Kunststoff zu bauen

Was Plastik vor allem in den Weltmeeren für Schaden anrichtet, ist dramatisch. Deshalb haben findige Architekten unter dem Titel „Pretty Plastic“ einen Weg gesucht, Fassaden aus Altplastik zu fertigen. Und diesen auch gefunden. Pretty Plastic ist das erste Fassadenmaterial, das zu 100 Prozent aus upgecycelten Kunststoffabfällen besteht.

Sie sollten eigentlich in der Kategorie „Allgemeinwissen“ an jeder Schule im Unterricht gelehrt werden. Filme wie „Seaspiracy“ oder „Plastic Planet“. Denn sie zeigen nüchtern und dadurch besonders besorgniserregend auf, was Plastik für unseren Planeten ist: pures Gift. Tatsächlich sei „die Bedrohung der Biosphäre durch Plastik so ernst zu nehmen wie der Klimawandel!“ Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Fraunhofer Instituts.

Was macht Plastik am Bau?

Besonders interessant an der Expertise: Sie lenkt den Scheinwerfer auch in Bereiche, die man nicht auf Anhieb als Plastikverursacher enttarnen würde. Die Baubranche zum Beispiel! Überraschung: Die Freisetzung von Mikroplastik auf Baustellen steht in der Liste der Studie bereits an sechster Stelle.

Dazu berücksichtigen die Autoren Abrieb auf Baustellen bei Abbrucharbeiten. Die Verarbeitung von Kunststoffen auf der Baustelle sowie Schnittverluste bei Dämmungen. Noch nicht miteingerechnet sind der Abrieb an Farben und Lacken von Gebäudefassaden. Auch jener aus Rohrleitungen wurde nicht einbezogen. Zusammenfassend hält die Studie fest: Verkehr, Infrastruktur und eben Gebäude sind die größten Plastik-Emittenten. Sie verursachen zusammen 62 % der Emissionen.

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Somit liegt auf der Hand, dass sich auch der Bausektor durch die Plastikbrille betrachten muss: Nur so kann sie langfristig nachhaltig(er) werden. Genau das haben die niederländischen Studios Overtreders W und Bureau SLA getan. Allerdings haben sie das Pferd überraschend von einer anderen als der erwarteten Seite aufgezäumt.

Neue Denkwege beschreiten

Sie versuchten nicht etwa, verwendetes Plastik durch nachhaltige Stoffe zu ersetzen. Vielmehr konzentrierten sie sich in ihren Überlegungen auf Teile, die bis dato aus anderen Materialien hergestellt wurden. Diese sollten in Zukunft komplett aus recyceltem Kunststoff hergestellt sein. Stichwort: Kreislaufwirtschaft.

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Tatsächlich ist der Gedankengang bestechend: Man sammelt bestehenden Plastikmülle ein. Dann wandelt man ihn in neue Stoffe um, die lange leben sollen. Somit kann man nicht nur Müllberge verkleinern, sondern auch andere Baustoffe einsparen.

Pretty Plastic soll die Umwelt schützen

Jedenfalls sind die Tüftler zu dem Schluss gekommen, dass es sinnvoll wäre, Fassaden aus recycelten Plastik zu entwickeln. Ergebnis: Die eigens gegründete Firma Pretty Plastic präsentierte nun neuartige Kunststoff-Schindeln. Diese werden ausschließlich aus Altplastik gefertigt. Zudem sind sie wirklich hübsch anzusehen!

„Unsere Kunststoffschindeln werden vorwiegend aus recycelten PVC-Fenstern und Dachrinnen hergestellt.“ Das erklärten die Architekten Peter van Assche von Bureau SLA und Hester van Dijk von Overtreders W stolz. Und weiter: „Abgesehen von biobasierten Materialien gibt es bis dato kaum echte nachhaltige Fassadenmaterialien. „Pretty Plastic ist das erste Fassadenmaterial, das zu 100 Prozent aus upgecycelten Kunststoffabfällen besteht. Für Menschen, die zur Kreislaufwirtschaft beitragen wollen, ist Pretty Plastic also das ideale Produkt."

Pretty Plastic ist das erste Fassadenmaterial, das zu 100 Prozent aus upgecycelten Kunststoffabfällen besteht.

Was es wirklich kann, wurde beim ersten realisierten Projekt offensichtlich. Dem Neubau des Musikpavillons am Sint-Oelbert-Gymnasium in Oosterhout in den Niederlanden. Hierbei wird eindrucksvoll demonstriert, welche Auswirkungen die Pretty Plastic-Schindeln auf die direkte Umgebung haben.

Pretty Plastic – weil aus der Umgebung

Alle 9.000 maßgefertigten Schindeln, mit denen der Pavillon verkleidet wurde, stammen aus Plastikabfällen, die von den Einwohnern der Region zuvor gesammelt worden waren. „Es handelte sich dabei vorwiegend um größere Abfallprodukte aus PVC“, so die Visionäre. Das seien vor allem Fensterrahmen, Fallrohre und Regenrinnen gewesen. Diese wurden erst geschreddert und dann zu neuen, langlebigen Schindeln weiterverarbeitet. Übrigens: Jede dieser Pretty Plastic-Fliesen hängt an nur einem Nagel. Sie fixieren einander in Summe am Ende gegenseitig. „Auch so wird langfristig Material gespart“, heißt es.

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Inzwischen ist es übrigens schon gelungen, die Fliesen in unterschiedlichen Farben zu produzieren. So können sie in Zukunft nicht nur Fassaden eine außergewöhnliche Optik verleihen, sondern auch als Deko-Elemente in Innenräumen zum Einsatz kommen.

Doch was so schön klingt, hat leider auch einen kleinen Schönheitsfehler: Inwiefern Regen die Pretty Plastic-Schindeln auswaschen und so gefürchtetes Mikroplastik in das Grundwasser spülen könnte, ist noch nicht restlos geklärt …

Text: Johannes Stühlinger Bilder: Sint-Oelbert Gymnasium | Pretty Plastic

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