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07/19/2021

„Kooperation statt Meisterdenken“

Snøhetta zählt zu den erfolgreichsten Architekturbüros der Welt. Jette Cathrin Hopp, Direktorin in der Geschäftsleitung, erklärt im Interview, welche Philosophie und Arbeitsweise hinter den nachhaltigen, ästhetischen Projekten des Studios steht.

Und die Architektin beschreibt, was zukunftsorientiertes Bauen ausmacht. Vom ersten Unterwasser-Restaurant Europas und dem spektakulären Öko-Hotel in Norwegen übers „grüne“ Bürohaus in Tirol bis zum Opernhaus in Oslo und dem modernen, großen Medienbüro in Paris: Das norwegische Top-Büro Snøhetta versteht sich darauf, außergewöhnliche Werke zu schaffen. Solche, die den individuellen Bedürfnissen ihrer Nutzer entsprechen, zugleich aber umweltfreundlich sind. Jedes ein Unikat, das sich achtsam in sein Umfeld fügt und soziale Aspekte „mitdenkt“. Denn „die beste Architekturhat immer ein Element einer fundierten sozialen Grundhaltung inne“, wie Snøhetta-Architektin Jette Cathrin Hopp betont.

Bauen für ein gutes Morgen

Als Direktorin in der Geschäftsleitung ist Hopp für Akquise und neueProjekte des Büros verantwortlich. Im Interview schildert die gefragte Wettbewerbs-Jurorin, welche Mega-Trends die Zukunft ihres Fachs bestimmen – und was nötig ist, um Gebäude für ein lebenswertes Morgen zu schaffen.

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Snøhetta ist für nachhaltige, ästhetische Projekte berühmt. Was unterscheidet Ihre Arbeitsweise von jener anderer Studios?

Jette Cathrin Hopp: Wesentliche Antriebskraft unserer Arbeitsweise ist das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen. Unser inhaltlicher Ansatz entstammt der nordischen Tradition, die sich an humanistischen Werten wie Offenheit, Gleichheit und Großzügigkeit orientiert. Unsere Projekte sind nicht nur „style driven“. Sie zielen darauf ab, die Wahrnehmung der Umgebung, der Identität, der Beziehung zu anderen Menschen und physischen Räumen zu stärken. Snøhettas Lösungen fallen hochgradig individuell aus, weil es uns wichtig ist, Auftraggeber und Kunden auf allen Ebenen einzubeziehen.

Wie geht Snøhetta an die Entwicklung neuer Projekte heran?

Wir arbeiten prozesshaft und interdisziplinär. Verschiedenste Professionisten – von Architekten und Künstlern bis zu Philosophen und Soziologen – tauschen die Rollen, um andere Perspektiven einnehmen zu können. Auch Bauherren werden kurz zu Architekten – und umgekehrt. Dies schafft gegenseitiges Verständnis und erlaubt einen holistischen Zugang. Und wir distanzieren uns von „Meisterdenken“: Nicht der Geniestreich eines Einzelnen, sondern das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler steht im Mittelpunkt.

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Bei welchen Snøhetta-Projekten wird diese spezielle Arbeitsweise besonders sicht- und spürbar?

Bei solchen, bei denen wir alle Disziplinen miteinbeziehen und in enger Zusammenarbeit mit unseren Bauherren gestalten konnten. Europas erstes Unterwasser-Restaurant „Under“ ist ein gutes Beispiel. Gelegen in Lindesnes, am südlichsten Punkt der norwegischen Küste, dient das „Under“-Projekt sowohl als Restaurant als auch als Meeresforschungszentrum.

Wie kam es zustande?

Die Vision wurde gemeinsam mit den lokalen Bauherren entwickelt. Nebst Architektur, Innenarchitektur und Mobiliar, hat Snøhetta zusätzlich die visuelle Identität und die Website für „Under“ entworfen. Dabei werden die Elemente präsentiert, die das Projekt charakterisieren: Die einzigartige Landschaft, die handverlesenen Zutaten, die Philosophie des Küchenchefs und das Konzept der Architektur.

Geben Sie uns noch ein Beispiel?

Die Swarovski Manufaktur in Wattens. Dort hat Snøhetta gemeinsam mit Swarovski eine Kristallwerkstatt für das 21. Jahrhundert geschaffen. Das mit Tageslicht durchflutete, großzügige Gebäude ist sowohl eine erstklassige Produktionsstätte, als auch innovatives Kreativzentrum, das Swarovski neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Kunden bietet.

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Was kann Architektur leisten, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen?

Der Beitrag von Bauindustrie und Architektur ist entscheidend für die globalen Energie- und Umweltziele. Gleichzeitig steigern qualitativ bessere, energieeffizientere Gebäude die Lebensqualität, bringen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert. Architektur muss neben ihrer Verpflichtung zur sozialen Nachhaltigkeit strenge Umweltstandards erfüllen.Ich denke, es ist wichtig, innovative Projekte zu realisieren und ihren messbaren Effekt zu zeigen, damit andere von erfolgreichen Erfahrungen lernen können.

Welches sind die Mega-Trends der Zukunft?

Die Haupthemen sind Urbanisierung, Digitalisierung und Klimakrise. Wir werden Städte haben, die groß wie Länder sind. Ich glaube, dies wird zu mehrInvestition in digitale Technologien und Streuung von Zuliefererketten führen, um die Versorgung dieser Ballungsräume zu sichern. 3D-Druck, Automatisierung, maschinelles Lernen und BIM versprechen Optimierung, weil sie die Konstruktions- und Vorfertigungskosten reduzieren und Kundenanforderungen besser skalierbar machen.

Die Klimakrise erfordert energieeffiziente, emissionsarme Lösungen und neue Kompetenzen.

Architektin Jette Cathrin Hopp
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Und der Klimawandel....?

Die Klimakrise erfordert energieeffiziente, emissionsarme Lösungen und neue Kompetenzen. Am Beispiel Europa: Der EPBD (Energy performance of buildings directive) nach müssenab 2020alle neuen Häuser Niedrigstenergie-Gebäude sein.Europas Bausubstanz wird älter und ist äußerst ineffizient. Um die Klimaziele einzuhalten, muss die Energieeffizienz verbessert werden. Dazu werden auch umfassende energetische Sanierungen nötig sein, um bis 2050 CO2-Neutralität zu erreichen.

Worauf sollte bei neuen Projekten besonders geachtet werden?

Neue Gebäude sind im Schnitt fünfmal energieeffizienter als ältere. Für sie sollten ganzheitliche Nachhaltigkeitsziele gelten – nicht nur energetischer Art. Neben der Reduktion des CO2 Abdrucks müssen Gesundheits- und Komfortkriterien,Natur und Artenvielfalt berücksichtigt, und schon in der Planung Wiederverwendungs- und Recycling-Strategien etabliert werden. Snøhetta betrachtet Gebäude auch als sozialen Raum, der gesellschaftlichen Mehrwert bieten soll – wie ein guter Bürger, der seiner Umgebung mehr zurückgibt, als er nimmt.

Sind Projekte in ihrem Angebot großzügiger, als sie sein müssten – wie etwa die von Snøhetta designte Osloer Oper mit ihren allgemein zugänglichen Räumen – fühlt sich die Öffentlichkeit als integraler Bestandteil.

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Was brauchen moderne Wohnbauten?

Sie sollten auf Wohnzufriedenheit fokussieren, nachhaltig und energieeffizient sein: Attraktive, sozial wirksame Räume mit maximaler Wohnqualität bei minimaler Umweltbelastung. Mit flexiblen Grundrissen, um den Bedürfnissen vieler gerecht zu werden. Rahmenbedingungen wie gute öffentliche Verkehrsanbindung, autofreie Quartiere, qualitative Außenbereiche und Freizeitqualität durch nahe Naturräume, Kultur, Geschäfts- und Dienstleistungsangebote sind wichtig. Ebenso, wie gute Durchmischung zukunftsfähiger Wohnformen, um sozialer Segregation vorzubeugen.Man sollte die künftigen NutzerInnen kennen.

Und Büros?

In einer Knowledge-Gesellschaft wird Erfolg weiter von Interaktion von Angesicht zu Angesicht abhängen. Mit universeller, flexibler Arbeit könnte das Büro zum Bezugspunkt und identitätsstiftenden Raum werden. Der Platzbedarf pro Person wird steigen, um wieder sicher öffnen zu können.

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Wie werden wir in Zukunft wohnen, arbeiten und unsere Freizeit verbringen?

Im Jahr 2050 werden weitere drei Milliarden Menschen auf der Erde leben und zusätzlichen Wohnraum benötigen. Rund zwei Drittel der Weltbevölkerung werden sich bis 2025 in Städten konzentrieren. Vielleicht sogar 80 Prozent. Dies würde die völlig irrsinnige Situation schaffen, dass die überwiegende Zahl der Menschheit sich auf winzigen Gebieten ballt. Das wird unsere Lebensweise global beeinflussen.

Inwiefern?

Neben den Versorgungsaspekten werden die etablierten Grenzen zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit, öffentlich und privat, Familie und Freunden zusehends unschärfer. Der zunehmende Bedarf und die Notwendigkeit, flexibel, mobil und ständig verfügbar zu sein, werden diesen Prozess verstärken. Ebenso, wie die Möglichkeiten, die moderne Technik, Internet und digitale Vernetzung schaffen.

Innovative Wohnungsbauer werden daher auch neue Konzepte entwickeln, die eine funktionale Integration und Konvergenz verschiedener Lebensbereiche ermöglichen: Wohnen und Arbeiten, Arbeiten und Konsumieren, Kinder- und Altenbetreuung zu Hause und am Arbeitsplatz, Privat- und Geschäftsleben – all das wird in Zukunft (wieder) enger miteinander verwoben sein.

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Wie haben Digitalisierung und Building Information Modeling (BIM)Ihre Arbeit verändert?

BIM ist in den vergangenen 15 Jahren in den nordischen Ländern zu einem wichtigen und integralen Bestandteil jedes Entwurfs-, Planungs- und Bauprozesses geworden. Auch im öffentlichen Bausektor ist BIM mittlerweile eine Anforderung. Daneben ist es ein wichtiges Werkzeug, um die in Baumaterialien enthaltene graue Energie zu ermitteln, so dass der C02-Fußabdruck unserer Projekte reduziert werden kann.

Wo nützen Ihnen diese Tools besonders?

Das Analoge und das Digitale sind klar in Snøhettas Designmethodik eingebettet. Sie ist in einem ständigen Zustand der Neuentwicklung und Optimierung. Ehrlich gesagt, denken wir nicht so viel darüber nach. Es ist ein organischer Teil des Arbeitsablaufs...

Wie sieht dieser beispielsweise aus?

Ein internationales Beispiel ist unser Bauprojekt in Paris, der Hauptsitz der französischen Zeitung „Le Monde“. Hier hat ein Snøhetta-Architektenteam einen eigenen Design-Workflow mit einer Kombination aus Computer-Tools, Building Information Modeling und Cloud-basierten Interaktionsplattformen entwickelt.

Der Workflow ermöglicht es Snøhetta und den beteiligten externen Mitarbeitern, die äußerst komplexen Gebäudeentwürfe zu koordinieren und zu kommunizieren, sowie Entwurfsänderungen in einer Live-Datenbank zu verwalten und zu aktualisieren. Mit Programmen wie Revit, Rhino, Grasshopper, Dynamo und Flux können die Teammitglieder effektiv miteinander kommunizieren.

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Wie denken Sie über „smart buildings“?

Das Interesse daran steigt. Weil wir beobachten, dass ein Rahmen für guten Dialog über Bedarf und erwartete Wirkung intelligenter Technologie fehlt, haben wir mit der Powerhouse Allianz den Leitfaden „Smart by Powerhouse“ entwickelt, der auf powerhouse.no zur freien Verfügung steht.

Allerdings: Technologieeinsatz ist nicht Ziel, sondern Mittel. Er sorgt für mehr Benutzerfreundlichkeit und Produktivität, weniger Umweltbelastung, geringere Betriebskosten und Anpassungsfähigkeit an künftige Anforderungen.

Snøhetta ist Teil der „Powerhouse“-Initiative. Welche Ziele verfolgt diese Partnerschaft?

Die multidisziplinäre Partnerschaft führender Unternehmen der Baubranche bemüht sich um Realisierung energiepositiver Gebäude. Snøhetta hat die Rolle des verantwortlichen Architekturbüros. Ziel ist es, einen neuen Standard zu setzen: Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie in ihrer Lebensdauer verbrauchen. Einschließlich Bau, Abriss und grauer Energie der verwendeten Materialien.

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Sind Bauherren leicht von Mehrinvestitionen für nachhaltiges Bauen zu überzeugen?

Wer ein Projekt im Portfolio behält, sieht dies als selbstverständlich, weil es langfristig Kosten spart. Außerdem kann man Förderungen lukrieren. Mehr finanzielle Anreize wären hilfreich. Denn Verantwortungsgefühl allein ist noch nicht oft der Grund. Noch sind meist viel Kommunikation und Kompetenz der Architekten nötig. Aber es wird leichter.

Ist das aktuelle Comeback der Baustoffe Holz und Lehm gerechtfertigt?

Das Bauen mit Materialien, die große Emissionen verursachen, muss ein Ende haben. Für die Einhaltung des Pariser Abkommens ist die Wahl natürlicher Materialien maßgeblich. Zudem tragen die hygroskopischen Eigenschaften von Holz und Lehm zu gesundem Wohnklima bei. Beim regionalen Bauen ist die Ökobilanz von Holzbauweise besonders gut. Mitunter können aber auch neuartige, wiederverwertbare Materialien wie recyclebarer oder Infraleicht-Beton zur Nachhaltigkeit beitragen.

Das Bauen mit Materialien, die große Emissionen verursachen, muss ein Ende haben. 

Jette Cathrin Hopp, Direktorin in der Snøhetta-Geschäftsleitung

Es lohnt sich, statt nach neuen nach den jeweils besten Materialien für die Aufgabe zu forschen und experimentellen Einsatz bauferner Materialien zu fördern. Neu kombiniert können bekannte Baustoffe oder Technologien unkonventionelle Lösungen ergeben, die oft überraschend „low tech“ sind.

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Welches sind Ihre persönlichenSnøhetta-„Lieblingsprojekte“?

Man wird nicht nur die ästhetischen Qualitäten eines Projekts beurteilen, sondern seine Gesamtauswirkungen auf die Gesellschaft – sozial, wirtschaftlich, ökologisch und kulturell. Meine persönlichen Lieblingsprojekte sind die neusten. Jene, die noch in der Entwicklung und im Entstehen sind, weil man durch die Prozesse die Relevanz eines Projektes für die Gesellschaft beeinflussen kann. Das ist ein sehr spannendes Momentum.

Darüber hinaus liegen mir jene Projekte besonders am Herzen, die einen Innovationsaspekt enthalten. Solche, die Grenzen des Herkömmlichen überschreiten, Standards und etablierte „Wahrheiten“ in Frage stellen.

Was darf als „innovativ“ gelten?

Innovation wird erreicht, wenn man die Grenzen der konventionellen Vorstellungen überschreitet. Das bedeutet, dass man neue Wege der Interaktion zwischen Menschen definiert, neue Funktionalitäten und Nutzungsformen hinzufügt, und so neue architektonische Typologien schafft, die einen gesellschaftlichen Wandel bewirken können.

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Haben Sie Ideen für Bauwerke, die Sie in Zukunft realisieren möchten, auch wenn es aktuell noch keine konkreten Pläne dafür gibt?

Die beste und beliebteste Architektur hat immer ein Element einer fundierten sozialen Grundhaltung. Gebäude sollten so öffentlich wie möglich sein. Meiner Meinung nach ist das Ideal ein Gebäude mit vielen verschiedenen Eingängen und unbegrenzter Zugänglichkeit – wie ein Park.

Ich spreche hier von der Horizontalität der Architektur. Von Großzügigkeit, Offenheit gegenüber den Nutzern. Öffentliche Gebäude nehmen viel Grundfläche in Anspruch. Und das sollten sie auch. Das Potenzial, das einer horizontalen Architektur innewohnt, hat Snøhetta schon immer beschäftigt.

Interview: Elisabeth Schneyder Bilder: Snøhetta, Ivar Kvaal, Plomp, Marwan Harmouche, Jared Chulski, Christian Flatscher, Diephotodesigner, Trond Isaksen

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