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06/28/2021

Digitalisierung im Geldwesen: Jung und Alt sind gefordert

In den vergangenen Jahren erlebte Österreich einen regelrechten Digitalisierungsturbo. Das reicht von einfachen Bankgeschäften bis hin zu Kryptowährungen, die für Jung und Alt auch hohe Risiken bergen können und eine gute Finanzbildung erfordern, um fundierte Entscheidungen zu treffen.

Schon seit Jahren nimmt die Digitalisierung im Finanzwesen zu. Mir der Pandemie wurde dieser Trend beschleunigt. Laut einer im Herbst 2020 durchgeführten Studie der Boston Consulting Group hat sich der Trend „Weg von den Filialen, hin zu mehr Online-Services“ deutlich verstärkt.

In Österreich ist die Filialnutzung während der Corona-Krise um 13 Prozent gesunken, während im selben Zeitraum mobile Banking um 19 Prozent zugelegt hat. Und: Laut Boston Consulting wird der Rückbau des Bankfilialnetzes in den nächsten Jahren weiter forciert. Die verstärkte Digitalisierung des Geldwesens bringt Veränderungen und damit neue Herausforderungen sowohl für die junge als auch die ältere Generation. Während ältere Menschen eher Probleme mit der Nutzung der neuen Online-Services haben, erliegt die Jugend verstärkt den Verführungen der digitalen Anlagemöglichkeiten wie etwa Kryptoassets.

Im untersten Gesellschaftsdrittel gibt es keine Finanzbildung, in den Mittelschichten überwiegt gefährliches Halbwissen

Bernhard Heinzlmaier | Geschäftsführer T-Factory

Bankvertrauen sinkt

Bei den jungen Menschen haben die Banken in den vergangenen Jahren viel an Vertrauen eingebüßt. Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher und Geschäftsführer der T-Factory Trendagentur Markt- und Meinungsforschung GmbH: „Wir sehen in unseren Studien ein sehr geringes Bankenvertrauen: Bei den Service-Telefonnummern hängt man ewig in der Warteschleife, Filialen werden geschlossen und persönliche Gespräche sind kaum noch möglich. Viele der jungen Einsteiger ins Bankgeschäft würden aber persönliche Beratung wollen und brauchen, nur angeboten wird sie ihnen nicht.“ Dabei sei Finanzbildung bei der Jugend ein Schichtenproblem. „Im untersten Gesellschaftsdrittel gibt es keine Finanzbildung, in den Mittelschichten überwiegt gefährliches Halbwissen, im obersten Gesellschaftsdrittel ist das Wissen über Geldgeschäfte zwar größer, aber nicht groß genug“, so Heinzlmaier.

Mit Bitcoins & Co spekulieren nicht Profis, sondern junge Leute. Die sind zwar digitalaffin, aber in Finanzangelegenheiten sind sie unerfahren

Eduard Müller | Vorstand FMA

Krypto-Assets im Fokus

Ein Problem ergibt sich zunehmend daraus, dass junge Anleger Krypto-Assets als interessantes Anlageprodukt sehen. Eduard Müller, Vorstand der Österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA): „Bei Krypto-Assets handelt es sich aus unserer Sicht nicht um Anlageprodukte, sondern um reine Spekulationsobjekte, die extremen Kursschwankungen ausgesetzt sind. Sie bergen daher für Konsumenten und Kleinanleger außergewöhnlich hohe Risiken. Überdies unterliegen sie in weiten Bereichen keiner Regulierung und keiner Aufsicht und sind daher ein Tummelplatz für kriminelle Aktivitäten. Wir sehen in diesem Bereich einen massiven Anstieg betrügerischer Aktivitäten“. 2020 haben sich bei der FMA knapp 600 Opfer von Finanzbetrügern gemeldet, bei mehr als der Hälfte bezog sich die Betrugsmasche auf Krypto-Assets. 80 Prozent der neu begebenen Krypto-Assets erweisen sich schlicht als Betrug, viele Coins und Tokens gab es nicht. Im Schnitt betrug der finanzielle Schaden pro Opfer rund 42.000 Euro. Der größte Schadensfall überstieg den Betrag von 600.000 Euro. Müller: „Mit Bitcoins & Co spekulieren nicht Profis, sondern junge Leute. Die sind zwar digital affin, aber in Finanzangelegenheiten sind sie unerfahren. Und das kann ins Auge gehen.“

Finanzwissen fehlt

Eine OECD-Studie zum Thema Finanzbildung, die 2019 in 28 Ländern erhoben wurde, zeigt interessante Ergebnisse – auch für Österreich. Die Oesterreichische Nationalbank, die den Österreich-Teil für diese Studie beisteuerte, hatte erhoben, dass die „Millenials“, also die heute 15- bis 38-Jährigen, jene Bevölkerungsgruppe ist, die digitale Finanzinstrumente wie Electronic Banking, Finanz-Apps und Krypto-Assets am meisten nutzt und diesen am positivsten gegenübersteht. Müller: „Leider sind die Millenials die Bevölkerungsgruppe mit der geringsten Finanzbildung. Sie sind in Finanzsachen am schlechtesten organisiert, agieren signifikant risikofreudig und wenig vorausschauend.“ Alle Experten sind sich einig, es braucht mehr Finanzwissen und diese soll im Zuge der nationalen Finanzbildungsstrategie verbessert werden.

 

„Es braucht digitale Kompetenzen, aber keine Bevormundung“

Edith Simöl, Leiterin der Servicestelle digitaleSeniorInnen, über notwendige Finanzbildungsinitiativen für Senioren.

Die Pandemie führte auch im Bankwesen zu einem Digitalisierungsschub. Wie sehr ist das eine Herausforderung für die Senioren in Österreich?

Edith Simöl: Mit zunehmender Digitalisierung im Bankwesen wird immer mehr von der Selbstverständlichkeit ausgegangen, dass alle BürgerInnen Zugang zu digitalen Angeboten wie etwa dem Online-Banking haben beziehungsweise ohne große Schwierigkeiten diesen bekommen können. Laut Statistik Austria haben im Jahr 2020 beachtliche 32 Prozent der Personen zwischen 65 und 74 Internet noch nie benutzt. Für die SeniorInnen ist bereits die Anmeldung zum Online-Banking eine große Hürde. Informationen sind oft nur im Internet verfügbar und auch wenn ein Flyer in der Filiale aufliegt, so bietet dieser keine aktive Unterstützung beim Anmeldeprozess. 

Welche Maßnahmen braucht es, damit man die ältere Bevölkerung auf diese digitale Reise im Finanzwesen mitnimmt?

Neben entsprechenden Angeboten zur Unterstützung bei Einstieg und laufender Unterstützung bei den digitalen Finanzangeboten, wäre es auch wichtig SeniorInnen nicht zu diskriminieren, in dem man ihnen mit Pensionsantritt den Überziehungsrahmen ihres Kontos sperrt, oder die Kreditkarte nicht verlängert. Ältere Menschen brauchen Unterstützung beim Aufbau von digitalen Kompetenzen, aber keine Bevormundung, wenn es um ihre Finanzen geht.

Gibt es ausreichend Angebote für Senioren, um sich in diesem Bereich weiterzubilden?

Es gibt Angebote im Rahmen von digitalen SeniorInnen-Schulungen. Diese sind aber nicht österreichweit verfügbar. Es zeigt sich ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Häufig werden Informationen über digitale Prozesse und entsprechende Sicherheitsthemen gegeben, aber es gibt keine Übungsplattformen. SeniorInnen haben Befürchtungen etwas falsch zu machen, was gerade, wenn es um Geld geht, besonders hemmend wirkt. Oft auch der Grund, warum der Schritt in die digitale Welt nicht gemacht wird.

Was wäre dringend notwendig, um die Fortbildung auch der älteren Bevölkerung  zu gewährleisten?

Es reicht nicht, die Informationen für SeniorInnen in Schriftgröße 16 Punkt, statt 11 Punkt auszudrucken und per Post zu zuschicken. Um den Einstieg in das digitale Geld- und Finanzwesen für die Älteren zu unterstützen, braucht es verständliche Informationen und Motivation, nahe am Alltag dieser Personen. Die Wahl zu haben, dass ich je nach persönlicher Verfassung sowohl mein Bankgeschäft vor Ort oder auch Online durchführen kann, ist ein gutes Argument für den Einstieg. Den Nutzen für diese Zielgruppe darstellen, den Einstieg begleiten und niederschwelligen Zugang zu laufendem Support sind wichtige Bestandteile, um Ältere in die digitale Welt zu begleiten.

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