Die Dachkonstruktion am Nordturm des Steffls besteht aus 650 Tonnen Stahl. Am Dachboden darunter steht genau so viel herum wie auf normalen Dachböden.

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
07/27/2021

Am Dachboden des Stephansdoms: Sessel, Kisten und ein Heiligenkopf

Die Führung „Stephansdom bei Nacht“ bietet Einblicke in die versteckten Winkel des Doms – auch Wiener können Neues entdecken.

von Agnes Preusser

Der Dachboden im Stephansdom sieht aus, wie fast jeder Dachboden aussieht, nur in riesig. Unbenutzte Sessel stehen herum, ebenso Holzkisten und auch verstreutes Werkzeug sieht man. Irgendwo ist wohl auch der Schädel des Heiligen Leodegard gelagert, weil er in der Reliquienkammer keinen Platz mehr hatte.

„Das hätte ich jetzt wohl lieber nicht sagen sollen“, sagt Domführer Florian Bauchinger. Aber vielleicht werde der Schädel dadurch ja wieder nach unten geräumt.

Der gelernte Theologe ist einer von sieben Guides, die Touren durch den Stephansdom anbieten. Bei „Stephansdom bei Nacht“ bekommt man exklusive Einblicke in die versteckten Winkel des Doms – wie eben den Dachboden. Die Führung ist ausschließlich für Inhaber der Vienna City Card „Experience Edition“ buchbar. 

Die „Experience Edition“ der Vienna City Card  des Wien Tourismus richtet sich vor allem an Wiener selbst. Ziel ist, dass die Karte Frequenz dort bringt, wo Touristen gerade fehlen. 

Derzeit sind rund 200 Erlebnisse und Eintritte verfügbar, darüber hinaus wird das Angebot laufend erweitert.  

Mit der Karte bekommt man einen Rabatt von 20 Prozent bei mehr als 20 Hotels und auf Speisen und Getränke in rund 30 Lokalen. Der größte Anreiz: Einige Erlebnisse in Wien sind nur für Karteninhaber buchbar.  

Dazu zählen neben der Domführung bei Nacht auch ein Besuch im normalerweise nicht zugänglichen Berglzimmer in Schönbrunn  oder eine Tour durch das Naturhistorische Museum vom Speicher bis aufs Dach. 

Die „Experience Edition Card “ kostet  25 Euro und ist für ein Jahr lang gültig.  Nähere Infos sind  online unter experience.wien.info abrufbar. 

Die Tour startet um 20 Uhr. „Spätestens um 22 Uhr bin ich fertig, denn da schalten die Messner die Alarmanlage ein“, sagt Bauchinger. Um zum Dachboden zu gelangen, muss man nicht alle 343 Stufen des Doms hochsteigen, sondern nur rund 130. Man geht nämlich nur den unfertigen Nordturm hinauf.

Wer trotzdem außer Atem gerät, kann zwischendurch auf der Wendeltreppe stehen bleiben und vortäuschen, die am Boden liegenden Taubenfedern zu inspizieren.

Oben angekommen, bietet das Dach einen spektakulären Anblick: Hier ist mit einem Neigungswinkel von 85 Grad seine steilste Stelle. Insgesamt ist es mit 250.000 Dachziegeln gedeckt, die in unterschiedlichen Farben glasiert sind.

Glänzende Schuppen

Bei näherer Betrachtung sehen sie aus wie glänzende Fischschuppen. 50.000 Dachziegel gibt es als Reserve – gelagert werden sie natürlich am Dachboden.

Am Weg dorthin kommt man an mehreren Wasserspeiern vorbei. Das seien „nicht gerade vertrauenserweckende Geschöpfe“, sagt Bauchinger. Sie symbolisieren, dass das Böse außerhalb der Kirche bleibe. Dank ihnen dringt auch kein Wasser dort ein – das System funktioniert wohl effektiv. „Bei Regen würde ich mich jedenfalls nicht drunterstellen“, so der Domführer.

Das Dach selbst bestand vor dem 2. Weltkrieg aus 1.200 Tonnen Lärchenholz. Darum gab es eine Domfeuerwehr und eine eigene Löschwasserleitung. Die Feuerwehrleute wurden im Krieg aber eingezogen, die Wasserleitung wurde beschädigt.

1945 griff ein Brand in der Innenstadt auf den Nordturm über und zerstörte die Kuppel. Das Dach wurde aus 650 Tonnen Stahl rekonstruiert. „Sollte es hier brennen, gibt es ein größeres Problem als beim Brand der Notre-Dame“, sagt Bauchinger.

Einstürzender Stahl würde nämlich mehr Schäden verursachen als Holz. Allerdings sei ein Brand im Steffl unwahrscheinlich.

In Veränderung ist der Dom auch noch heute: Er wird Stück für Stück restauriert. Dafür zuständig ist seit 800 Jahren die hauseigene Dombauhütte: „Da muss man sich mit den Arbeiten nicht stressen.“

Weiter geht es zu einem Balkon, der fast nicht betreten wird. Nur in der Christmette steht dort der Bläserchor. „Achtung Bienen“ ist auf einem gelben Schild zu lesen, bevor man ins Freie tritt. Hier befinden sich die domeigenen Bienenstöcke.

Ungesegneter Honig

Der daraus gewonnene Honig wird zugunsten der Renovierungsarbeiten verkauft. Allerdings ungesegnet. „Sonst darf man ihn nicht verkaufen“, so Bauchinger. Aber im Beichtstuhl sitze auch immer ein segnungsbereiter Priester.

Die Tour „Stephansdom bei Nacht“ wird übrigens zweimal im Monat angeboten. Im August gibt es noch freie Plätze. Vielleicht ist bis dahin Leodegards Kopf wieder standesgemäß untergebracht.

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