© Kurier/Gilbert Novy

Reportage
05/14/2022

Zu Besuch im Depot des Wien Museums: Eine Lade für Brahms' Unterhose

Von der Münze bis zum berühmten Praterwal – der KURIER durfte einen Blick auf die rund eine Million Schätze werfen.

von Katharina Zach, Gilbert Novy

„Traue keinem über 130“ – ein historisches Wahlplakat aus dem Deutschland der 1970er-Jahre hängt am Arbeitsplatz von Andreas Sommer neben meterhohen Rolltoren. Der Mann selbst steht im Verpackungsraum, umringt von Bildern und Kisten, deren Wert wohl so manches Jahresgehalt übersteigt.

Sorgfältig wickelt er die Bilder aus Seidenpapier. Andere waren in Karton oder Luftpolsterfolie eingepackt gewesen. Wenige Wochen zuvor waren die Kunstwerke in speziellen Klimakisten an diverse Ausstellungen gegangen. Nun sind sie zurück.

Kühl ist es. „Wir haben im Depot 20 Grad“, sagt Sommer. Im Winter wird die Luft befeuchtet, im Sommer entfeuchtet. „Wir schauen, dass es auf ein zehntel Grad passt.“

Das ist wichtig, denn hinter der schmucklosen Fassade der mehrstöckigen Halle in Himberg, NÖ, lagern Schätze. Nicht irgendwelche, sondern sämtliche Sammlungsobjekte des Wien Museum. Rund eine Million Stücke sind es – von einer Münze bis zum neuneinhalb Meter langen und dreieinhalb Meter hohen legendären Praterwal.

Neun große Depotbereiche gibt es. Schon jener für die Skulpturen ist imposant. 2.200 Objekte lagern dort, manche sogar aus dem 15. Jahrhundert. Allein 800 Büsten reihen sich aneinander.

Sie alle tragen Kärtchen mit einer Inventarnummer um den Hals – für das digitale Archivierungssystem, das ähnlich wie in einer Bibliothek funktioniert. Sonst wäre nicht nachvollziehbar, wann jemand eines der wertvollen Stücke entlehnt hätte.

Apropos: Täglich werden zahlreiche Objekte ausgeliehen oder retourniert. Dazu kommen neue historische Stücke. Dafür braucht es ein ausgeklügeltes System. Beim Eingang gibt es eine Schleuse. „Präventiv gegen Schädlinge“, erklärt Depotverwalterin Laura Beiglböck.

Denn das Einschleppen von Ungeziefer wäre verheerend. Deshalb gibt es im Gebäude bis zu 1.000 Schädlingsfallen. Ein eigener Biologe kontrolliert sie regelmäßig. Stücke, die retour gehen, kommen für fünf Wochen in den Stickstoffraum. Für verschimmelte Objekte gibt es einen Quarantänebereich.

Dann öffnen sich die drei Meter hohen Aufzugtüren zu den einzelnen Stockwerken. Knapp 10.000 Rüstungen, Rüstungsteile und Waffen lagern etwa im Stockwerk für Metall. Dazu kommen fast 30.000 Münzen und Medaillen, fein säuberlich in Laden sortiert.

Besonders heikel ist es im Stockwerk für Textil und Mode, denn die Stoffe dürfen kaum bewegt werden. Kästen mit Ballroben (nach Farben sortiert), Laden voller historischer Schirme, rund 150 Spazierstöcke, 100 Fächer und Dutzende gehäkelte Babyhäubchen werden etwa aufbewahrt. Doch auch Skischuhe aus den 70ern oder Crocs haben ihren Platz gefunden.

Fast die Hälfte des Bestandes, 450.000 Objekte, lagert allerdings im Grafikdepot für Fotos, Drucke, Zeichnungen, Ansichtskarten oder Pläne.

Umfassend – das ist für die Sammlung ein Hilfsausdruck. Denn von der alten Bürgermeisterkutsche über Bruno Kreiskys Dienstfahrzeug (ein Rover) bis hin zu den alten Buchstaben des Südbahnhofs und (anzügliche) Schaukästen alter Prater-Fahrgeschäfte sowie den Romys von Franz Antel reichen die Gegenstände.

Auch Ungewöhnliches, vielleicht sogar Kurioses, ist zu finden. Wie der Schlüssel zu Franz Grillparzers Sarg.

Und neben Geschirr sowie weiterer Devotionalien aus dem Nachlass des Komponisten Johannes Brahms reiht sich auch – eine Unterhose.

Das Depot gibt es übrigens erst seit 2013. Davor waren die wertvollen Stücke auf zehn Depots in Wien verteilt. Die Lagerung war dort nicht ideal. „Es war im Winter sehr kalt, im Sommer heiß. Die Luftfeuchtigkeit war eher hoch“, erzählt Kunsthistorikerin Elke Wikidal.

Als das neue Heim nach zehn Jahren Planung eröffnet wurde, mussten nicht nur rund eine Million Objekte neu sortiert und eingelagert werden, sondern mehr als 40 Restauratoren säuberten die Gegenstände wochenlang. Nun ist es relativ staubfrei. Dafür sorgt auch eine Spezialfirma, die laufend die Depotböden saugt.

Einsam

Im Schnitt zwölf Mitarbeiter, von der Haustechnik bis zu den Restauratoren, arbeiten im Schnitt auf den 12.000 Quadratmetern. Das kann schon auch einsam werden. „Man muss sich dann aktiv Gesprächspartner und einen Ausgleich suchen“, meint Verwalterin Beiglböck.

Zu tun gibt es ohnehin genug. Die Aufbewahrung ist eine Wissenschaft für sich. Vieles wird in Boxen oder Laden gelagert, vorsichtig auf Schaumstoff befestigt. Die rund 5.000 Gemälde – darunter Werke von Klimt oder Kokoschka – hängen auf 400 ausziehbaren Gitterwänden. Manche tragen rote Markierungen. Die sind für die Feuerwehr. Im Fall eines Brandes gibt es Pläne, welche Kunstwerke zuerst gerettet werden müssen.

Der Öffentlichkeit ist das Depot nicht zugänglich, allerdings wurden bereits mehr als 70.000 Objekte digitalisiert. Dafür gibt es im Haus sogar ein eigenes Fotostudio. 

Rund 2.000 davon werden im neuen Wien Museum zu sehen sein. Da kommt dann wieder Andreas Sommer und sein Verpackungsraum ins Spiel. Jetzt bringt er erstmal Bilder zurück ins Depot, „für die nächsten 200 Jahre.“

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