Chronik Wien
12/03/2020

Wien in den Startlöchern: Experiment Massentest kann beginnen

Ab Freitag testen Bundesheer und Gesundheitsbehörde in der Wiener Stadthalle, in der Messe Wien und in der Marx-Halle.

von Bernhard Ichner

Das Interesse an den Corona-Massentests ist groß. Wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) Donnerstagfrüh bekannt gab, meldeten sich in den ersten 32 Stunden bereits 100.000 Personen an. Und das, obwohl die dafür installierte Online-Plattform www.oesterreich-testet.at am Mittwochnachmittag wegen der Gefahr eines Datenlecks vorübergehend offline genommen werden musste.

In Wien kann man sich von morgen, Freitag, bis 13. Dezember an drei Standorten testen lassen. Den kleinsten davon - die Wiener Stadthalle - präsentierten Anschober, Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) am Donnerstag der Presse. 20.000 Menschen will man hier pro Tag testen.

Man demonstrierte Entschlossenheit, betonte die Leistungsfähigkeit des österreichischen Bundesheeres, das die Antigentests umsetzt, und beschwor die "enge Kooperation" von Blaulichtorganisationen, Polizei und Gesundheitsbehörden.

Wie im Film

Optisch erinnert die Stadthalle zurzeit an eine Filmkulisse. Im Zentrum der großen Halle D, also dort, wo sich bei Konzerten der Stehplatzbereich befindet, wurden einzelne Bereiche mit Heeresplanen abgetrennt. In den jeweiligen Boxen sitzen maskierte Helfer in weißen oder blauen Ganzkörperschutzanzügen an den Tischen.

Die eintreffenden Probanden begeben sich von einer Station zur anderen, um ihre Daten abzugeben, sich auf Anordnung zu schnäuzen, den Testabstrich über sich ergehen zu lassen, zu warten und das Testergebnis zu erfahren.

Ist dieses negativ, ist die Sache erledigt. Ist der Antigen-Schnelltest positiv, muss man sich zur PCR-Teststation begeben. Dieser Bereich wird nicht vom Bundesheer, sondern von der Wiener Gesundheitsbehörde betreut.

Anschober nutze die Gelegenheit, um einen Überblick über das aktuelle Infektionsgeschehen in Österreich zu geben. „Wir haben die Situation, dass wir mittlerweile doch sehr deutlich sinkende Zahlen in Österreich haben. Das war das Ziel. Wir sinken allerdings in einem relativ langsamen Tempo. Das heißt, in Summe sind die Zahlen noch beachtlich hoch, sehr hoch sogar.“ Allein am Donnerstag wurden knapp 4.000 Neuinfektionen gemeldet - und 92 Todesopfer in 24 Stunden.

150.000 Testungen pro Tag

Entsprechend wichtig seien die Massentests, um Infektionsketten zu durchbrechen, mahnte Innenminister Nehammer. In Wien seien diese ein Experiment, erklärte Gesundheitsstadtrat Hacker. In keiner anderen Millionenstadt der EU gebe es etwas Vergleichbares. Mit dem Zeitplan zeigte sich Hacker zufrieden.

Neben der Stadthalle wurden auch in der Messe Wien in der Leopoldstadt sowie in der Marx-Halle im dritten Bezirk Teststationen eingerichtet. Insgesamt werden 286 Testlinien für Schnelltests und 20 für PCR-Tests installiert. Der Betrieb findet täglich von 8.00 Uhr bis 18.00 Uhr statt. Die Kapazitäten sind an allen drei Standorten zusammen für bis zu 150.000 Testungen pro Tag ausgelegt.

Terminvereinbarungen sind auf www.oesterreich-testet.at möglich. Dort müssen Name, Adresse, Sozialversicherungsnummer und auch eine Kontaktmöglichkeit angegeben werden. Das Testergebnis kann man sich entweder per Mail oder per SMS schicken lassen. Minister Anschober kündigt zudem die Einrichtung einer mehrsprachigen Hotline an.

Contact Tracing

Initiative demonstrierte man am Donnerstagvormittag auch seitens der Stadt Wien. Bürgermeister Michael Ludwig besuchte (begleitet von Journalisten und TV-Kameras) jene 100 Mitarbeiter, die sich in der eigens dafür adaptierten Volkshalle des Rathauses dem Contact Tracing widmen. Parallel zu den anlaufenden Massentests wohl gemerkt.

„In den anderen Teilen Österreichs wird ja darüber diskutiert, ob man in dieser Phase das Contact-Tracing aussetzt. Das werden wir nicht tun“, stellte Ludwig klar. Aufgrund der Massentests erwartet er einen Anstieg bei den Neuinfektions-Zahlen in Wien.

Insgesamt seien bis dato 600 Mitarbeiter der Stadt im Einsatz. Im Rathaus sowie an fünf weiteren Standorten, zwei weitere seien zudem geplant.

Aufgabe der Contact Tracer ist es, positiv getestete Personen zu informieren und sie nach ihren Kontakten zu befragen. "Sowohl Infizierte als auch K1-Personen werden von uns in Quarantäne geschickt und im Anschluss werden Absonderungsbescheide zugestellt", erläutert Walter Hillerer, Leiter der zuständigen Gruppe Sofortmaßnahmen.

Ludwig strich bei der Gelegenheit hervor, dass Wien im Bundesländervergleich eine niedrige Infiziertenzahl zeige. Grund dafür seien nicht zuletzt 850.000 Testungen bis dato, "allein im November gab es 192.000 Testungen", sagt Ludwig.

"Bevölkerungsgruppe wird stigmatisiert"

Kein Verständnis zeigt der Bürgermeister für die Aussage von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), wonach das Virus nach dem Sommer von Heimkehrern aus dem Ausland wieder nach Österreich hereingeschleppt worden sei - was inbesondere unter Menschen mit Migrationshintergrund für Empörung sorgte. "Dieser Bezug auf Herkunftsländer ist unrichtig", meinte Ludwig. "Da waren auch ganz normale Urlauber dabei."

Die Frage sei, worauf man mit solchen Aussagen abziele, sagte der Wiener Bürgermeister. "Man hätte ja Schnelltests an den Grenzen durchführen können. Aber so werden bloß einzelne Bevölkerungsgruppen stigmatisiert - noch dazu, obwohl dort viele in der kritischen Infrastruktur, in Krankenhäusern oder in der Pflege tätig sind. Das sehe ich kritisch. Gerade in der Krise sollten alle an einem Strang ziehen."

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