© Dominik Schreiber

Essay
02/09/2020

Wien, an der ungeliebten Donau

Die inoffizielle Wiener Landeshymne heißt „An der schönen blauen Donau“. Dabei ist der Fluss eine Grenze, die die Stadt in zwei Welten teilt.

von Dominik Schreiber

Es gibt die Donau, die Neue Donau, die Alte Donau und den Donaukanal. Und man kann getrost sagen: Dem echten Wiener sind alle vier Gewässer irgendwie gleich suspekt. Sie sind ein Fremdkörper in der Stadt, so wie etwa die Schnellbahn. Sie ist einfach da, aber so richtig benutzen will sie niemand.

Der Wiener diesseits der Donau fährt so gut wie nie nach Transdanubien, selbst wenn dort sein bester Freund wohnt. Den Donaukanal hält er für einen versifften Abwasserkanal, an dessen Ufern sich nur „Zuag’reiste“ gerne aufhalten. Diese Wahlwiener fühlen sich dort „urban“, der alteingesessene Wiener sieht eher grausliche Graffiti-Schriftzüge und dass dies einst der Abwasserkanal war.

Die Copa Cagrana ist ihm ebenso suspekt wie die Alte Donau. Dort treffen einander eher die unteren 10.000, meint er zu wissen.

Wenn der gemeine Binnen-Wiener ans Wasser will, dann fährt er ins Krapfenwaldlbad oder an irgendeinen See im nahen und fernen Umland. Mit seinen vier Donau-Gewässern führt er nur eine wilde Ehe.

Wien lag stets (in Flussrichtung) rechts der Donau. Alles was dem Bürgertum suspekt war, verlagerte er über die Donau. Das jüdische Getto etwa musste 1625 auf einer Insel in der Leopoldstadt fern der Stadtmauern gebaut werden.

"Brettlhütten"

Über der Donau waren in der Industrie-Hochblüte die Slums der Arbeiterschicht. Diese einstigen „Brettlhütten“ wurden in Parzellen eingeteilt, die heute noch als Grundstücksgrenzen für die dortigen Badehütten verwendet werden.

Transdanubien (das offiziell bis 1905 zu Niederösterreich gehörte) war zeitweise eine riesige Mülldeponie für die Stadt. Im Bereich der unregulierten Donau herrschten hohe Kriminalität und lasterhafte Freizügigkeit.

Für den echten Wiener ist die Donau wohl aus all diesen Gründen immer eine Grenze gewesen, nie ein Teil der Stadt. Hier liegt das Elfenreich, dort über der Donau das finstere Mordor (im Herr der Ringe die Basis des Erzschurken) mit seinen Floridsdorfer Hochhaus-Bausünden. Und Aspern ist gefühlt so weit wie Lignano. Und wer würde schon Urlaub in der Seestadt machen?

Die Entscheidung

Johann Strauss komponierte „An der schönen blauen Donau“, weil Wien eben AN der Donau liegt. Der typische Eingeborene würde selten IN die Donau zum Baden gehen und er fühlt auch nicht, dass sie DURCH Wien fließt. Sie strömt am Zentrum irgendwie vorbei. Selbst die beiden Bezirke über dem Donaukanal sind ihm schon irgendwie fremd, jene über der Donau fast schon Ausland.

1866 ist dabei das folgenschwere Entscheidungsjahr, das den Umgang der Binnen-Wiener mit ihrer Donau geprägt hat. Ohne die damaligen Entscheidungen des Gemeinderats gäbe es kein Gänsehäufel, keinen Twin-City-Liner, keine Hermanns Strandbar und auch kein Lichterfest an der Alten Donau. Und für Wien hätte die Donau einen Stellenwert wie die Themse in London oder die Seine in Paris.

Fast 60 Jahre wurde in Wien über die Donauregulierung diskutiert (auch damals ging das nicht schneller). Als wirtschaftlich und stadtplanerisch beste Variante wurde ein Donaudurchstich möglichst nahe beim Stadtzentrum vorgeschlagen – der Donaukanal und dann durch den Prater weiter. Doch obwohl es damals keine Grünen gab, wollte niemand das Naherholungsgebiet zerstören.

Es gab auch Ideen, die Alte Donau als Hauptstrom zu nutzen. Das Stadtbild wäre heute ein anderes, Transdanubien würde in Stadlau beginnen. Doch auch auf Wunsch von Kaiser Franz-Joseph wurde am Ende die mittlere Variante gewählt, die Wien seither de facto in zwei Städte teilt.

Jenseits der Rinne

Denn auch in Transdanubien gibt es einen eigenen Mikro-Kosmos. Wer hier einmal wohnt, zieht nicht mehr auf die andere Seite, heißt es. Das trifft vor allem auf Familien zu, die wegen des Grüns und der günstigeren Wohnpreise über die Donau (weg-)ziehen und dann bleiben.Doch es ist auch ein Einfallstor für viele junge Niederösterreicher, die noch nicht so ganz in die Stadt ziehen wollen, weil sie lieber in die Ferne blicken als auf die benachbarte Hausmauer.

Auf der Seite jenseits von „Spaghetti-Insel“ und „Rinne“, wie die Wiener früher zur Neuen Donau und zur Donauinsel sagten, ist das Leben dörflicher. Füchse und Hasen kann man hier beim Gute-Nacht-Sagen sehen.

Auch von der anderen Seite ist die Donau eine Grenze. Transdanubien empfindet sich selbst als riesige Erholungszone, Stress und Arbeit sind auf der anderen Seite. Doch auch hier wird viel gebaut. Eines Tages wird die Stadt wohl doch zusammenwachsen und der ungeliebte Fluss zu einem Teil von Wien.

Doch bis dahin wird noch einiges Wasser die Donau hinabfließen.

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Der Autor ist im „fünften Hieb“ (Wien-Margareten) aufgewachsen und wohnt seit einigen Jahren in Transdanubien – mit Blick auf die Donau.

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