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Trainerkritik
06/07/2020

"Wie ein Marsmensch": Hundeprüfung während Corona

Prüfung für Blindenführhunde nur in voller Schutzmontur möglich. Das macht die Sache nicht einfacher.

von Roland Pittner, Claudia Koglbauer-Schöll

Ein Blindenhund soll die Augen seines Besitzers ersetzen und ihn sicher durch den Alltag führen. Um zugelassen zu werden, braucht der Hund eine intensive Ausbildung und eine positive, also bestandene Prüfung am Messerli Institut in Wien. Aufgrund der Corona-Krise mussten die Abläufe bei Prüfungen verändert werden. as sorgt bei den Trainern für Aufregung.

"Vorhaben sind übertrieben"

„Seit 1. Juni ist die Prüfstelle wieder geöffnet, aber die Vorgaben sind übertrieben“, sagt eine Blindenführhund-Ausbildnerin im Gespräch mit dem KURIER. Sie möchte anonym bleiben, weil sie schon bald mit ihrem Schützlinge zu einer Prüfung antreten soll. Und die wird definitiv nicht so ablaufen, wie gewohnt.

„Neben einem Gesichtsvisier und einer FFP2 Schutzmaske müssen wir auch Handschuhe und einen Schutzanzug tragen. Mit dieser Montur ist die Kommunikation mit den Hunden fast unmöglich“, beklagt die Trainerin. Seit etwa zwei Jahren übt sie mit ihrem Hund auf diesen Tag hin, jetzt muss der Vierbeiner zusätzlich auf die Schutzausrüstung vorbereitet werden. Obwohl derzeit eigentlich in fast allen Bereichen Sicherheitsvorkehrungen gelockert werden.

Das sind die Probleme

Cornelia Reithner ist Mitglied im Verein der Assistenzhundetrainer Österreich und diplomierte Hundeverhaltenstherapeutin. Auch sie bekrittelt die Vorgaben des Messerli Instituts. Bei den Prüfungen zum Service- und Signalhund heißt es nämlich nur Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz tragen, bei den Therapiebegleithunden reicht sogar nur ein Plexiglasvisier. Nur bei den Blindenführhunden müsse man „angezogen sein wie ein Marsmensch“, sagt die Hundetrainerin. Vor allem jener Teil der Prüfung mit einem für den Hund komplett fremden „blinden Sachverständigen“ könne zum Problem werden.

„Dabei geht ein fremder Blinder mit dem Hund und beurteilt, wie er von ihm geführt wird, die Trainer dürfen nicht dabei sein“, sagt Reithner. Dieser Prüfungsteil fließt zu 50 Prozent in die Beurteilung ein. „Wenn der Sachverständige die volle Schutzmontur trägt, wird es für die Hunde noch schwieriger als sonst“, meint Reithner. Nicht nur seit Corona steht dieser Punkt in der Kritik der Trainer, es kann oft Wochen dauern, ehe Mensch und Hund aufeinander eingespielt sind.

Sicherheit an oberster Stelle

Für Karl Weissenbacher, Leiter der Prüf- und Koordinierungsstelle für Therapiebegleithunde am Messerli Institut, ist die Schutzausrüstung gerechtfertigt. „Es gibt bei der Prüfung direkten körperlichen Kontakt mit den Prüflingen, egal ob es Hundetrainer oder behinderte Menschen sind.“ Die Bestimmungen wurden mit dem Krisenstab des Sozialministeriums abgestimmt. „Wir können absolut kein Risiko eingehen, bei der Prüfung sind viele Personen, die zur Risikogruppe gehören“, sagt er. Für die Hunde dürfe die Schutzausrüstung kein Problem sein, diese müssten mit „allen Alltagssituationen“ zurecht kommen.

Prüfungen
Für Assistenzhunde und Therapiebegleithunde werden diese am Messerli Institut  abgenommen

  • 20 Blindenhunde nehmenjährlich die Prüfung in Angriff
  • 60 Assistenzhunde treten dort jährlich an, dazu kommen noch 110 bis 120 Prüfungstermine für Therapiebegleithunde
  • 800 Hundeführer und ihre Vierbeiner werden so überprüft

Kosten
20.000 bis 40.000 Euro kostet die Anschaffung eines Assistenzhundes

Ende Juni sollen die Vorgaben evaluiert werden, bis dahin werden die Prüfungen in Schutzanzügen mit Handschuhen, Visier und Maske durchgeführt. Nur die Hunde können antreten, wie vor Corona – ohne Schutzausrüstung, aber unter erschwerten Bedingungen.

Österreichweit sind derzeit etwa 400 Assistenzhunde im Einsatz. Die Kosten für die Anschaffung eines solchen Vierbeiners belaufen sich auf 20.000 bis 40.000 Euro je nach Kategorie. Ein Blindenhund kostet am meisten.

Eine tierisch notwendige Hilfe

Laut österreichischem Bundesbehindertengesetz  sind Assistenzhunde in die  Kategorien  Blindenführ-, Signal- und Servicehunde unterteilt. Ein Assistenzhund ist ein Hund, der sich bei Nachweis der erforderlichen Gesundheit und seiner wesensmäßigen Eignung sowie nach Absolvierung einer speziellen Ausbildung – vor allem im Hinblick auf Sozial- und Umweltverhalten, Unterordnung und spezifische Hilfeleistungen – besonders zur Unterstützung eines Menschen mit Behinderung eignet, ist im Gesetz zu lesen.

400 Assistenzhunde im Einsatz

Laut Hans-Jürgen Groß, Ehrenpräsident des Bundesverbandes für Menschen mit Behinderungen (ÖZIV) im Burgenland, sind österreichweit etwa 400 Assistenzhunde im Einsatz.  Der Bedarf  wäre aber „um ein Vielfaches höher“. „Ein Assistenzhund kann Sicherheit vermitteln, den Alltag erleichtern und für ein soziales Miteinander sorgen“, sagt Groß, der  beim ÖZIV  bundesweit auch  als Schulungsleiter im Einsatz ist.

Die Kosten für die Anschaffung eines solchen Vierbeiners belaufen sich auf  20.000 bis 40.000 Euro je nach Kategorie. Ein Blindenhund kostet am meisten, da er eine „extrem lange Ausbildungszeit“ von bis zu  zwei Jahren hat. 

Behindertentourismus wegen Förderalismus

„Manche verschulden sich, weil sie durch den Kauf eines Assistenzhundes eine Verbesserung ihrer Lebensqualität sehen“, sagt Groß, der bundesweit für eine volle Kostenübernahme durch den Hauptverband der Sozialversicherung plädiert.  Derzeit seien die Förderquoten je nach Bundesland unterschiedlich. Das führe, wie Groß sagt,  zu einem „Behindertentourismus“.

Je nach Höhe der Zuschüsse für den Assistenzhund werde der Wohnort in jenes Bundesland verlegt, wo es gute Fördermöglichkeiten gebe. „Deshalb braucht es österreichweit eine einheitliche Regelung.“

„Präventive Wirkung“Seitens der Förderstellen  dürfe man auch nicht nur die Anschaffungskosten bei einem Assistenzhund vor Augen haben. „So ein Hund hat präventive Wirkung.“ Dem Halter gehe es mit der tierischen Unterstützung oft besser, was in vielen Fällen weniger Spitalsaufenthalte und eine Steigerung der Mobilität zur Folge habe.

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