Chronik | Wien
03.02.2017

Der Wiener Akademikerball: Warum? Wieso? Wozu?

Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um den umstrittensten Ball des Jahres.

Eines ist schon mal sicher: Der Akademikerball ist kein gewöhnlicher Ball. Während am Abend Rechte aus ganz Europa in der Wiener Hofburg feiern, marschieren Tausende Menschen von der Universität bis zum Stephansplatz, um dagegen zu protestieren. Zum vierten Mal steht der Wiener Akademikerball unter der Schirmherrschaft der FPÖ, insgesamt findet der ehemalige "Ball des Wiener Burschenschafter-Korporationsrings" (WKR-Ball) zum 65. Mal statt - und diesmal mit Polizei-TV.

https://images.kurier.at/46-68034250.jpg/111.115.040 APA/HERBERT P.OCZERET WIENER AKADEMIKERBALL: PROTEST ABD0096_20150130 - WIEN - ÖSTERREICH: Eine Kundgebung im Rahmen von Protesten gegen den Akademikerball am Freitag, 30. Jänner 2015, in Wien. - FOTO: APA/HERBERT P.OCZERET Wir geben Ihnen einen Überblick über die umstrittene Ballnacht.
Wie hat das alles angefangen?

Am 4. Februar 1952 fand der Ball das erste Mal im Wiener Konzerthaus statt, später wurde er in die Hofburg verlegt. Von 1952 bis 2012 wurde er als "Wiener Korporations-Ball" vom Wiener Korporationsring (WKR) veranstaltet. Der WKR selbst, gegründet am 18. Jänner 1952, ist ein Zusammenschluss von Wiener Studentenverbindungen, darunter vor allem schlagende Burschenschaften. Laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) geben weit rechts stehende Burschenschaften im WKR den Ton an, er wird als rechtsextremer Verein eingestuft.

Warum gibt es den Ball und wer geht dort hin?

Der Ball ist ein Vernetzungstreffen der Rechten und Rechtsextremen aus ganz Europa. Über das Parkett tanzen Politiker und Aktivisten, Burschenschafter und ihre Sympathisanten. Auf den Gästelisten der vergangenen Jahre fanden sich neben Vorsitzenden der NPD Namen wie Filip Dewinter vom belgischen Vlaams Belang, Alexander Dugin, russischer Antisemit und Rechtsextremist, der spanische Neofaschist Enrique Ravello oder Mitglieder der französischen Le-Pen-Familie. Dennoch verliert der Ball als Treffpunkt für Rechte mehr und mehr an Bedeutung. Die Anzahl der Demonstranten übersteigt die der Ballgäste mittlerweile um ein Vielfaches. Seit die FPÖ Wien die Veranstalterrolle übernommen hat, bleiben etwa viele deutsche Korportierte aus, weil sie keine Lust darauf haben, eine Parteiveranstaltung zu besuchen.

https://images.kurier.at/46-68041333.jpg/177.315.217 KURIER/Franz Gruber Demonstration Akademikerball 2015 Demonstration gegen den Wiener Akademikerball in der Hofburg am 30.01.2015. Warum wurde aus dem WKR-Ball der Wiener Akademikerball? Und was ist jetzt anders?

Weil der Ball der Rechten ausgerechnet an solch einem geschichtsträchtigen Ort wie der Hofburg veranstaltet wird, wurde die Kritik daran von Jahr zu Jahr lauter. 2011 beschloss die Hofburg BetriebsgesmbH, die Räumlichkeiten nicht mehr für den Ball zur Verfügung zu stellen. Die Veranstalter und die FPÖ bemühten sich jedoch um eine Fortführung – und waren erfolgreich. Der Ball wurde in "Wiener Akademikerball" unbenannt, die FPÖ Wien neuer Veranstalter – und der Ball blieb in der Hofburg. Die Hofburg-Betreibergesellschaft begründete diese Entscheidung mit den Worten: "Wir stehen allen im österreichischen Parlament vertretenen Parteien offen. Wir sind ein Haus der Republik." Inhaltlich hat sich an der Veranstaltung aber nichts geändert, für Kritiker ist die Umbenennung bloße Maskerade.

Was sagt der Bundespräsident dazu?

Für viele war die jüngste Aussage des neuen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen überraschend. Der ehemalige Chef der Grünen, Kritiker des Balls, versteht die Aufregung um den Ballort nicht so ganz. "Was geht es mich an? Lasst sie doch", sagte er (mehr dazu hier). Es sei nicht so wichtig, wo der Ball stattfinde (Kongresszentrum der Hofburg), "es ist auch nicht mein Teil der Hofburg", erklärt Van der Bellen. Kritischer sieht er es aber, wenn rechte Politiker wie Marine Le Pen vom Front National dort auftreten. Als politischer Akt sei das problematischer. Ähnliche Positionen hatte Van der Bellen auch im Präsidentschaftswahlkampf schon vertreten.

https://images.kurier.at/46-59785463.jpg/48.320.732 APA/HERBERT P. OCZERET WIEN: DEMONSTRATION GEGEN DEN AKADEMIKERBALL DER F APA16630286 - 24012014 - WIEN - ÖSTERREICH: Demonstration gegen den Akademikerball der FPÖ am Freitag, 24. Jänner 2014, auf dem Stephansplatz in Wien. APA-FOTO: HERBERT P. OCZERET Wie kam es zu den Demonstrationen?

Bis Mitte der 2000er Jahre wurde dem WKR-Ball in der Öffentlichkeit wenig Beachtung geschenkt. Als mehr und mehr bekannt wurde, dass regelmäßig Vertreter der extremen Rechten Europas auf der Gästeliste standen, gingen die ersten Proteste los. Seit 2008 gibt es jährlich organisierte Demonstrationen gegen den Ball. Es kam wiederholt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. 2010 wurde die Demo erstmals von der Polizei untersagt, im darauffolgenden Jahr wieder. Dennoch versammelten sich jedes Mal tausende Demonstranten. Polizeibeamte kesselten die Masse ein - es kam zu Auseinandersetzungen und hunderte Menschen wurden wegen Verwaltungsübertretungen angezeigt. Im April 2013 entschied der österreichische Verfassungsgerichtshof, dass das Verbot der Anti-WKR-Demo im Jahr 2011 verfassungswidrig war: Demonstrationen dürften nicht wegen möglicher Zusammenstöße untersagt werden, die Polizei müsste sich im Fall des Risikos von Zusammenstößen zwischen beide Gruppen stellen, um die Versammlungsfreiheit zu gewährleisten.

https://images.kurier.at/46-89857576.jpg/244.598.536 … Wird auch heuer wieder demonstriert?

Ja. Die einzige angemeldete Demo der "Offensive gegen Rechts" wird ab 17.00 Uhr vom Schottentor zum Stephansplatz ziehen. Zwei weitere ursprünglich angedachte Züge wurden abgesagt. Ab 16.30 Uhr sind in den Bereichen Ring, Museumsstraße, Rennweg und Prinz-Eugen-Straße temporäre Straßensperren angekündigt. Die Polizei rechnet mit 2.000 Demonstranten. Sie wird 2.700 Beamte einsetzen, um Ballbesucher und Demonstranten zu trennen. 700 sollen allein das Platzverbot um die Hofburg wahren. Die von Innenminister Wolfgang Sobotka geforderte Einschränkung des Demonstrationsrecht (mehr dazu hier) trifft die diesjährigen Proteste freilich nicht.

Was hat es mit "Polizei-TV" auf sich?

Die Polizei hat angekündigt, die Ereignisse rund um die Demo in den sozialen Medien zu begleiten. Unter anderem sollen Videos vom "Führungsstab" ausgewählt und auf Youtube gestellt werden. Die Ankündigung hatte aus Bedenken über eine verstärkte "Polizei-Promotion" für Kritik gesorgt. Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl ("Der Führungsstab bin ich") verteidigte die Maßnahme als legitimes Marketing und als Versuch, Irrtümer in den sozialen Medien aufzuklären. Von über 30 sogenannten "Beweissicherungsteams" werden Aufnahmen angefertigt - "zur Dokumentation etwaiger straf- oder verwaltungsrechtlich relevanter Geschehnisse", heißt es vonseiten der Wiener Polizei.

https://images.kurier.at/46-68035055.jpg/111.123.852 APA/ROLAND SCHLAGER WIENER AKADEMIKERBALL: BESUCHER ABD0109_20150130 - WIEN - ÖSTERREICH: Besucher des Akademikerballes in der Wiener Hofburg beobachten am Freitag, 30. Jänner 2015, das Geschehen am Wiener Heldenplatz. - FOTO: APA/ROLAND SCHLAGER

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