© EPA/CHRISTIAN BRUNA

Wien intern
03/03/2020

Warum Gery Keszler den Bürgermeister "Schnitzelgesicht" schimpft

Der Ex-Life-Ball-Organisator und die Wiener SPÖ haben sich entfremdet. Kann die ÖVP davon profitieren?

von Christoph Schwarz

Es war als mutiges Zeichen der Erneuerung gedacht. Vielleicht war es aber auch nur Leichtsinn. Mit Gery Keszler hat sich die Wiener ÖVP bei ihrem Landesparteitag am Wochenende einen Starredner an Bord geholt, der für seine Eskapaden bekannt ist.

Und weil die Rede des Ex-Life-Ball-Organisators am Parteitag fast ein bisschen zu zahm ausgefallen war, legte Keszler wenig später nach. Er hat schließlich einen Ruf zu verteidigen.

Seit Montag sorgt nun also ein Facebook-Posting für Aufregung, in dem Keszler nicht nur den "Knackarsch" von ÖVP-Wien-Chef Gernot Blümel lobt. Sondern auch den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) als "Schnitzelgesicht" beschimpft.

Da drängen sich zwei Fragen auf.

Die allererste: Ist das tatsächlich die Art von Erneuerung und Aufbruch, für die die Wiener ÖVP stehen möchte? Eine offizielle Stellungnahme zum Schnitzelgesicht-Gate gibt es am Dienstag nicht.

"Das Herz auf der Zunge"

"Der Gery", wie man ihn freundschaftlich nennt, sei eine "erfolgreiche Persönlichkeit, die in den vergangenen Jahren viel aus dem Boden gestampft hat". Dass er "sein Herz auf der Zunge trägt", das nehme man in Kauf. Dass Keszler der ÖVP schade, glaube man nicht.

Die andere Frage: Wie kam es eigentlich zum Bruch zwischen Gery Keszler und der regierenden Wiener SPÖ, die ihn und seinen Life Ball über viele Jahre hinweg kräftig subventioniert hat?

Es ist die Geschichte einer langsamen Entfremdung, in der es um Geld und Eitelkeiten geht - und um die Person Michael Ludwig. Seit der neue Bürgermeister im Amt ist, hängt der Haussegen schief. Kurz gesagt: Michael Ludwig und Gery Keszler können einander nicht riechen, heißt es aus dem Umfeld beider.

Eskalation im Mai

Eskaliert ist der Streit im Mai des Vorjahres. Da gab Keszler bekannt, dass der Life Ball 2019 der letzte gewesen sein sollte. Der Hintergrund: Keszler wollte noch mehr Sponsorengelder einwerben - und erhielt eine Abfuhr. Sowohl die privaten Sponsoren als auch die Stadt Wien standen auf der Bremse.

Was genau sich hinter verschlossenen Rathaustüren zugetragen hat, darüber gehen die Erzählungen im Detail zwar auseinander. Gestritten wurde aber offenbar um zusätzliche Mittel in der Höhe von mindestens 500.000 Euro sowie eine Ausfallgarantie, die Keszler von Stadt erbat.

Das Team rund um Michael Ludwig lehnte ab. Immerhin gingen zum damaligen Zeitpunkt bereits 900.000 Euro jährlich an den Ball. Zudem stellte die Stadt Keszler das Rathaus gratis zur Verfügung. Gegenwert: laut Insidern rund 180.000 Euro plus Personalkosten.

Als die Verhandlungen scheiterten, verkündete Keszler das Aus. Die Welle der Solidarität, die er sich wohl erhofft hatte, blieb jedoch aus.

Zu lang war die Liste jener, die damals schon über die schwierige Zusammenarbeit mit Keszler klagten. Ähnlich lang ist die Liste an unschönen Anekdoten, die man sich rund um den Ball erzählt: Sponsoren seien alljährlich von Keszler „beleidigt und herabgewürdigt“ worden; versprochene VIP-Karten und Gegenleistungen seien nie eingelangt; Mitarbeiter ins Burn-out geschlittert.

Bei Austrian Airlines berichtete man gar von Drogenpartys auf den Exklusiv-Flügen, mit denen man als Kooperationspartner die Life-Ball-Gäste einflog.

Seit vergangenem Jahr kocht der Streit zwischen Keszler und der Stadt immer wieder hoch - nicht selten befeuert durch Facebook-Posts von Keszler, der sich gerne mit provokanten Worten an seine Follower wendet.

Zwischendurch sah es dennoch so aus, als könnte es eine Lösung geben: Ludwig ließ durchklingen, dass er durchaus Interesse daran habe, "die Idee des Life Balls weiterzuführen". Eine der Varianten, über die diskutiert wurde: Der Life Ball könnte einen neuen Organisator bekommen, Keszler dürfe als "Mastermind" mitarbeiten.

Letztendlich scheiterten alle Bemühungen. Erst unlängst gab die Stadt Wien bekannt, dass sie jene Gelder, die in der Vergangenheit in den Life Ball flossen, anderweitig vergeben werde. Profitieren sollen unter anderem die Aids Hilfe und die Regenbogenparade.

Keszler reagierte einmal mehr verärgert und warf der SPÖ Wahltaktik vor: "Schwulen-Sympathie gebongt, gecheckt, unter Kontrolle. Es ist ja Wien-Wahl nach der Pride. Alle sind zufrieden und geben hoffentlich Ruh", schrieb er auf Facebook.

Wenig später dann der Auftritt bei der ÖVP. Diesen habe ihm sogar der Bürgermeister selbst nahe gelegt, verriet Keszler. „Warum gehst ned zum Blümel?“, habe Ludwig bei seinem letzten Treffen mit dem Life-Ball-Organisator gefragt.

Gesagt, getan. Tatsächlich könnte hinter Keszlers Auftritt bei der ÖVP Kalkül stecken: Mit Gernot Blümel scheint ihn eine Freundschaft zu verbinden, erst unlängst war er Gast in dessen Opernball-Loge. (Was nicht zuletzt Gerüchte nährte, Keszler könnte neuer Opernball-Organisator werden.)

In einem KURIER-Interview signalisierte Blümel, dass Keszler in Zukunft mit seiner Unterstützung rechnen könnte, falls die ÖVP in Wien mitregiere: "Auf Bundesebene haben wir den Life Ball in den Ressorts, in denen ich zuständig war, immer unterstützt. Das würden wir weiter so machen."

"Realitätsverlust"

In der Stadt ist man übrigens - nicht nur wegen des "Schnitzelgesicht"-Sagers - anhaltend verärgert über Keszler. Daran ändert auch die Entschuldigung nichts, die Keszler (ebenfalls via Facebook) absetzte.

Dass dieser immer wieder mehr oder weniger offen andeute, dass die Stadt schuld am Life-Ball-Aus sei, sorgt für Kopfschütteln: Keszler leide an "Realitätsverlust", heißt es in Rathauskreisen. Der Ball sei von einem privaten Verein organisiert worden. "Man kann doch nicht erwarten, dass die Stadt auf Zuruf immer mehr und mehr Geld zuschießt."

Das sah zuletzt übrigens auch der Rechnungshof so: Die Prüfer bezeichneten die Subventionen für den Life Ball als „nicht zwingend“ notwendige Ausgabe, weil der Verein auch abzüglich der Förderungen der Stadt Gewinne erwirtschaftet habe. Zudem merkte der Rechnungshof an, dass die Organisationskosten des Balles „bemerkenswert“ seien. Bemerkenswert hoch.

Übrigens: Am Dienstag langte auch die erste offizielle Reaktion der SPÖ auf Keszlers jüngsten Auftritt ein – ebenfalls via Facebook:„Ich finde solch ein Vorgehen schäbig, illoyal und undankbar und es zeugt von einem sehr schwachen Charakter“, schreibt der rote Gemeinderat Peko Baxant.

Titel des Postings: Zum moralischen Verfall des Gery Keszler.

 

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